10.08.2015 12:36
Quelle: schweizerbauer.ch - Manuel Fischer, lid
Schweine
Optimum statt Maximum
Tierwohl und betriebswirtschaftliche Effizienz müssen sich nicht beissen. Schweinehalter Peter Anderhub aus Muri setzte bei seinem Vorzeigestall auf Komfortlüftung, Energieeffizienz, Behaglichkeit und optimierte Arbeitsabläufe.

Abseits auf einer Anhöhe oberhalb von Muri im aargauischen Freiamt ist die Gegend landwirtschaftlich geprägt. Keine Fabriken und Lagerhäuser sind hier zu finden und noch haben sich entlang der Strasse nach Hitzkirch keine Einfamilienhaus-Siedlungen ausgebreitet. Peter Anderhubs Hightech-Schweinestall ist auf einer Seitenmoräne in gebührendem Abstand zu einem älteren Gehöft in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet.

5'500 Ferkel pro Jahr

Der mittlerweile 39-jährige wusste schon als Heranwachsender, dass er dereinst den Betrieb des Vaters übernehmen möchte, der schon seit den 1970er-Jahren auf Schweinezucht ausgerichtet war. Peter Anderhub machte sich mit der Übernahme eines Pachtstalls bereits mit 20 Jahren selbständig. Das langjährige Praxiswissen verhalf ihm zu einer einflussreichen Rolle bei der Entwicklung und Realisierung eines Muttersauenstalls nach neuesten Erkenntnissen.

"Ich bin quasi ein dummer Bauer, der sich voll auf die Schweinezucht spezialisiert hat. Aber ohne gründliches Spezialwissen geht es nicht", sagt er während der Stallbesichtigung. Ein Trugschluss sei es, aus rein ökonomischen Überlegungen sich zu Schweinehaltung überreden zu lassen. "Viele Berufskollegen sind daran gescheitert." Mit einem Bestand von 140 Muttersauen am neuen Standort und 80 weiteren Tieren auf der von seinem Vater betreuten alten Hofstelle werden im Jahr ungefähr 5'500 Ferkel abgesetzt.

120 Muttersauen gilt als Belastungsgrenze

Die anspruchsvolle Arbeit im Neustall bewältigt Anderhub hingegen alleine. Um einen Familienbetrieb ohne Inanspruchnahme zusätzlicher Arbeitskraft zu führen, gilt eine Herde von 120 Muttersauen als Belastungsgrenze. "Es braucht eine überdurchschnittliche Leistung, um einen solch grossen Betrieb zu führen. Umso wichtiger war es, das Arbeitsumfeld so einzurichten, dass ich über Jahrzehnte mit Freude arbeiten kann."

Während der langjährigen Planung zum Vorzeigestall hatte er drei Hauptziele vor Augen: Energieeffizienz, rationelle Arbeitsweise und maximal mögliches Tierwohl. Viele Details der Anlage deuten auf eine minutiöse Umsetzung dieser Vorgaben hin.

Massiv Heizkosten gespart

So sind die Grundmauern der weitverzweigten Stallanlage durchgehend aus Beton ausgeführt. In der Aussenfassade sind Hausfenster eingesetzt, die einen niedrigen Wärmedurchgangs-Koeffizienten wie im Wohnungsbau aufweisen. Die schlechten Wärmedämmeigenschaften vieler älterer Schweineställe führen dazu, dass Geld fürs Heizen regelrecht verpufft wird.

Anderhub rechnet vor, dass er in den alten Pachtställen fürs Heizen mit Erdgas oder elektrischem Strom (für die elektrische Fussbodenheizung) für eine vergleichbare Herdengrösse rund 45'000 Franken Energiekosten pro Jahr aufwenden musste. Kein Vergleich zur aktuellen Situation: Im Neubau sind sie um mindestens den Faktor 4 geringer, darin eingeschlossen sind die Kosten für den Betrieb der elektrisch gesteuerten Lüftungsventilatoren. Dank dem gut isolierten Gebäude bleibt im Winter die Innenraumluft angenehm warm. In heissen Sommern – wie heuer – bleibt der Stall im Vergleich zur Aussentemperatur kühl.

Angenehmes Klima, ordentliche Schweine

Kommt hinzu, dass die moderne Schweinehaltung hohe Ansprüche an die Bereitstellung zweier Klimate in denselben Räumen eines Stalls stellt. Muttertiere mögen es kühler, während die Jungtiere in so genannten Ferkelnestern optimale Wachstumsbedingungen vorfinden. Unter Zuhilfenahme von Absperrpaneelen, Wärmestrahlplatten, mechanisch per Seilzug verstellbaren Abdeckungen und Sensoren verbleibt die zugeführte Wärme – bis zu 36 Grad Celsius – im Nest.

Was sofort beim Eintreten in die Stallungen auffällt: Dank reichlicher Einstreu scheinen die Tiere ein gut gepolstertes Leben zu führen. Man sieht kaum schmutzige Ecken und es riecht trotz hohem Tierbestand nicht penetrant. Der Anteil perforierter Böden ist im Verhältnis zur Gesamtgrösse der Buchten gering. Im Gegensatz zu teilweise sehr engen Zuständen im Ausland können sich die Muttersauen in Schweizer Abferkelbuchten frei drehen.

Lüftungssystem als Schlüssel

Auch sonst gibt es mit 7,5 m2 genug Platz, damit eine tiergerechte Haltung möglich wird, ohne Effizienzkriterien zu vernachlässigen. "Wenn die Tiere eine Ausweichmöglichkeit haben, ordnen sie ihren Raum schon richtig ein. Schweine, die sich nicht wohl fühlen, verursachen mehr Arbeit. Sie koten dort, wo eigentlich der Liegeplatz wäre und umgekehrt", sagt Anderhub.

Wichtig für das Tierwohl ist auch die Bereitstellung eines wohltemperierten Mikroklimas in jeder Bucht. Denn viele ausgewachsene Schweine brauchen nicht nur enorme Mengen an Frischluft, sondern mögen Durchzug ganz und gar nicht. Mit dem Einbau eines topmodernen Lüftungssystems schlägt der unternehmerische Tierhalter sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Sie ist die zentrale Bedingung, damit rationelle Arbeitsorganisation und Tierwohl nicht auseinanderdriften.

Langsame Luftströme haben besseren Kühleffekt

Die Luftmenge wird von Norden über das Erdreich angezogen und hat in einer mannshohen Lücke unter der Erdgeschossdecke aus Beton Zeit, auch an heissen Sommertagen etwas abzukühlen. Ventilatoren ziehen diese Luft an und leiten diese über Zuluftkanäle ins Gebäude hinein. Die hervorgehobene Luft zirkuliert anschliessend in gut zugänglichen Oberflur-Luftschächten und wird je nach Bedarf und Bestallungsdichte über Porenauslässe zu den Abteilungen (Jagerstall, Abferkelstall usw.) geführt.

Die Luft aus den Porendecken streicht langsam in die Buchten hinein und wird dann über Ventilatoren im Überflur abgesaugt. Langsame Luftströme führen zu einem besseren Kühleffekt im Sommer – für Tier und Menschen im Stall. In einem grossen Überflur-Abluft-Kanal wird Fortluft zusammengeführt und fortgeblasen. Messventilatoren messen die Menge an zirkulierter Luft. Die Luftauslass-Paneele aus Kunststoff lassen sich mit Leichtigkeit entfernen und können heiss gewaschen werden.

High-Tech erleichtert Herdenmanagement

Die Fütterung, ausgehend von einem Chargenmischer, ist programmgesteuert bis ins Detail. So sind im Jagerstall Sensoren im Futtertrog eingebaut. Die Jungtiere bestimmen mit ihrem Fressverhalten über die Häufigkeit und die Menge des Futters selbst. In den Stallabteilen für die Eber, Muttersauen und Remonten (junge, geschlechtsreife Sauen, die erstmals Ferkel werfen) werden die Tiere gruppenweise gefüttert. Eine Fütterungsanlage im Aussenbereich des Stalls ist überdies in der Lage, mit einem Scanner jedes individuelle Tier an der Ohrenmarke abzutasten und eine spezifische Ration bereitzustellen.

Doch damit nicht genug. Peter Anderhub trägt bei seinen Stalldurchgängen jeweils einen Handterminal auf sich. Der Tierhalter kann so die Futtermenge individuell vor Ort korrigieren, wenn er eine Unregelmässigkeit beim Fressverhalten beobachtet. Dank Barcode im Ohr oder an der Tafel vor der Bucht kann er zudem vor Ort weitere Daten abrufen – beispielsweise zum Gesundheitszustand, zum Trächtigkeitsstadium oder zur Abferkelleistung. Das Eintippen von Daten auf Excel-Dateien auf dem PC entfällt somit.

Nicht das Maximum, sondern das Optimum

Der Einbau modernster Technik macht Anderhub allerdings nicht arbeitslos. Denn reichliches Einstreuen und häufiges Waschen von Stallabteilen sind Mehraufwand über das von Gesetz und Branche erforderliche Minimum. Dies wird durch eine Zusatzprämie abgegolten, da die Tiere nach Bedingungen des Coop-Naturaplan-Labels eingestallt sind.

Die Kooperation mit dem Grossverteiler mag ein Grund sein, weswegen Anderhub einer überrissenen Wachstumsstrategie eine Absage erteilt: "Es ist wie beim Spitzensport. Ich könnte mit unverhältnismässigem Aufwand versuchen, die Leistung der Tiere noch zu steigern. Doch ich will nicht das Maximum, sondern das Optimum aus dem Betrieb herausholen."

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE