24.07.2019 09:12
Quelle: schweizerbauer.ch - Michael Götz, lid
Tierwohl
Schweiz verfolgt anderes Zuchtziel
Es ergibt wenig Sinn, auf immer höhere Leistung wie grössere Ferkelwürfe zu züchten. In der Schweiz wird stattdessen auf sinkende Ferkelverluste gezüchtet.

Mutterschweine bringen immer mehr Ferkel pro Wurf zur Welt. Das bringt aber nicht nur Vorteile. Werden die Würfe zu gross, sterben mehr Ferkel und die Sauen magern stärker ab. Finanziell gesehen liegt bei einer übermässigen Steigerung der Anzahl Tiere pro Wurf kaum mehr etwas drin.

Mehr Zitzen

Sauen können nur so viele Ferkel aufziehen, wie sie Zitzen haben, denn jedes Ferkel beansprucht eine eigene Zitze. In der Schweizer Schweinezucht wurde deshalb auch auf mehr Zitzen je Sau gezüchtet. Nach Angaben von Adrian Albrecht, Leiter Zucht des Kompetenzzentrums Suisag in Sempach, hatten die Sauen im Jahr 2001 durchschnittlich 14.6 Zitzen; heute sind es 16 Zitzen, das heisst 8 Zitzen in jeder Reihe.

"Damit ist das Ziel aber erreicht, mehr ist nicht sinnvoll.", betont Albrecht. In einer Gruppe von Sauen, die etwa zu selben Zeit abferkeln, stehen genügend milchführende Zitzen bereit, so dass der Schweinehalter Würfe ausgleichen kann. Er bringt Ferkel von grösseren Würfen zu Sauen mit kleineren Würfen.

Grössere Würfe - mehr Stress

Wenn immer auf noch grössere Würfe gezüchtet wird, dann ist dieser Ausgleich kaum oder nicht mehr möglich und es sterben mehr Ferkel, bringt es Roland Weber vom Zentrum für tiergerechte Haltung der Agroscope in Tänikon auf den Punkt. Das liege aber auch zu einem grossen Teil daran, dass bei grossen Würfen mehr leichtgewichtige, nämlich unter einem Kilogramm schwere Ferkel, zur Welt kommen. Von diesen sterben deutlich mehr Tiere als von den normalgewichtigen. Die Ferkelsterblichkeit bezieht sich auf die Zeit von der Geburt bis zum Absetzen, das heisst bis die Ferkel etwa 4-5 Wochen alt sind.

Je grösser die Würfe werden, desto länger dauert die Geburt. Der Sau bereite eine lange Geburt mehr Schmerzen und sie sei stärker erschöpft, sagt Weber. Auch das Risiko schmerzhafter Wundliegegeschwüre an der Schulter steige an. Denn je stärker die Sau abmagert, desto mehr reibt ihre Schultergräte beim Liegen in Seitenlage auf dem Boden. Werden die Würfe grösser, dann kommt es zur mehr Unruhe am Gesäuge. Die Sau unterbricht das Säugen öfter und ändert ihre Liegeposition, wobei die Ferkel in Gefahr kommen, erdrückt zu werden.

Mehr tote Ferkel

Doch schon vor der Geburt wird es eng für die Ferkel. Weber spricht vom "intrauterinen Crowding". Mehr Ferkel bedeuten weniger Platz in der Gebärmutter mit der Folge, dass mehr Embryonen absterben. Es kommen mehr tote und unterentwickelte Ferkel zur Welt. Da die Geburt bei grossen Würfen im Durchschnitt länger dauert, ersticken mehr letztgeborene Ferkel in den Eihäuten. 

Kaum geboren müssen Ferkel eine Zitze finden und diese gegenüber Wurfgeschwistern verteidigen. Die Ferkel erstellen eine feste Saugordnung, das heisst, jedes Ferkel hat seine eigene Zitze. Bei grösseren Würfen kommt es dabei zu mehr kräftezehrenden Auseinandersetzungen zwischen den Ferkeln und damit auch zu Verletzungen und Schürfungen, die Eintrittspforten für krankmachende Keime sind. Nicht zuletzt gibt es weniger Kolostralmilch pro Ferkel, das heisst weniger Abwehrstoffe pro Ferkel. Untergewichtige Ferkel haben ein grösseres Risiko erdrückt zu werden, zu verhungern oder unterernährt zu sein. Letztere werden Kümmerer genannt, die teilweise auch in der Mast ihren Wachstumsrückstand nicht kompensieren.

Schweiz züchtet nicht auf grössere Würfe

"In der Schweiz züchten wir seit Langem nicht mehr auf grössere Würfe, sondern auf sinkende Ferkelverluste und weniger untergewichtige Ferkel", sagt Adrian Albrecht. Dabei sei man erfolgreich gewesen. Die prozentualen Saugferkelverluste sind in der Schweiz seit 2009 zurückgegangen (Abb. 4) und der Anstieg der Wurfgrössen hat sich als Folge der Zuchtstrategie abgeflacht. (Abb. 5). Immerhin hat sich bei der Rasse Edelschwein - die schweizweit am meisten vorkommende Rasse - die Zahl der lebend geborenen Ferkel von 11.0 im Jahre 2001 auf 13.1 im Jahre 2018 erhöht. 

Im Vergleich zum Ausland - in Deutschland soll die Wurfgrösse bei etwa 14, in Dänemark sogar bei 16 lebend geborenen Ferkeln liegen - ist dieser Anstieg eher bescheiden. "Wir verfolgen in der Schweiz bewusst ein anderes Ziel", begründet es Albrecht. Dort, wo das Zuchtziel auf immer mehr Ferkel pro Wurf gelegt wird, sterben mehr Ferkel. "Wird dies bewusst in Kauf genommen, nur weil sich die Leistungssteigerung wirtschaftlich noch rechnet, steht dies im Widerspruch zu Grundsätzen des Tierschutzes", warnt Weber vor einer weiteren Steigerung der Wurfgrösse.

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