Sonntag, 4. Dezember 2022
27.08.2022 10:44
Kanada

Städterin wird Schweinezüchterin

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Von: Lilian Schaer, lid

Tara und Dennis Terpstra bewirtschaften in der kanadischen Provinz Ontario einen «Farrow-to-finish»-Schweinebetrieb. Dank des antibiotikafreien Aufzuchtprogramms ist der Betriebsleiterfamilie die Abnahme der rund 11’000 Mastschweine garantiert. Das Management im Falle eines Krankheitsausbruchs gestaltet sich aber komplizierter.

Als sie aufwuchs, hätte sich das Stadtmädchen Tara nie träumen lassen, dass sie eines Tages auf einem Bauernhof 50 Kilometer vom Ufer des Huronsees entfernt leben und Schweine züchten würde.

263 Hektar mit 400 Sauen

Doch dann lernte sie Dennis Terpstra – einen Kanadier der ersten Generation, dessen Eltern in den 1950er-Jahren aus den Niederlanden eingewandert waren – kennen, heiratete ihn und so lernte sie die Landwirtschaft in der kanadischen Provinz Ontario kennen.

Das war vor 21 Jahren. Heute bewirtschaften die Terpstras eine Fläche von 263 Hektar mit 400 Sauen im sogenannten «Farrow-to-finish»-Produktionssystem – also von der Abferkelung inklusive Mast bis zum Endschlachtgewicht. Zwischen 210 und 215 Schweinen pro Woche oder etwa 11’000 Mastschweine pro Jahr werden auf dem Betrieb ausgemästet und das Schweinefleisch landet dann in den Regalen von Loblaws, Kanadas grösstem Lebensmittelehändler, unter einem speziellen Antibiotikafreien-Vermarktungsprogramm namens «President’s Choice Free From».

Von 1’000 auf 400 Sauen

Früher war der Betrieb hingegen noch viel grösser: Gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern bewirtschafteten sie ein auf drei verschiedene Standorte verteiltes Farrow-to-Finish-System mit 1’000 Sauen und bauten auf einer Fläche von 526 Hektar Ackerkulturen an.

Tara und Dennis Terpstra waren auf ihrem Betrieb für die Aufzucht und Mast verantwortlich. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt waren rund 4’500 Mastschweine zu füttern und die ausgemästeten Schweine wurden zur Schlachtung und für die Weiterverarbeitung mit dem Lastwagen fast tausend Kilometer nach Osten in die Provinz Quebec transportiert.

Schweinebetrieb von Tara und Dennis Terpstra
● 400 Mutterschweine mit durchschnittlich 32 Ferkeln pro Sau und Jahr sowie 2,4 Würfen pro Sau und Jahr – 11’000 Mastschweine pro Jahr
● 263 Hektar Anbaufläche für Futterbau

Proaktiver Ansatz in der Tiergesundheit

Das alles änderte sich 2015, als die Terpstras beschlossen, sich selbstständig zu machen – und gleichzeitig ihre gesamte Schweinefleischproduktion zu überdenken. Frühere Probleme mit Krankheiten und eine neue kanadische Gesetzgebung, die vorschreibt, dass alle neuen Sauenställe, die nach dem 1. Juli 2014 gebaut werden, als Laufställe errichtet werden müssen, boten den Terpstras die Möglichkeit, die Dinge anders anzugehen.

«Ich interessierte mich für das Antibiotikafreie-Aufzuchtprogramm, weil wir zuvor mit vielen Krankheiten zu kämpfen hatten und ich war überzeugt, dass es einen anderen Weg geben musste», erklärt Tara Terpstra und ergänzt, «ich wollte einen proaktiven Ansatz für die Gesundheit – unsere Familie nimmt Probiotika und wir verfolgen den gleichen Ansatz bei unseren Tieren.»

Tara Terpstra beim Eingang des Schweinestalls – aufgrund des PRRS-Vorkommens in der Region gelten strenge «Biosecurity»-Massnahmen.
Lilian Schaer

Moderner Stall – vereinfachtes Management

Sie bauten einen neuen Schweinestall, der den aktuellen kanadischen Tierschutzvorschriften entspricht und sich auf die Gesundheit und den Komfort der Schweine konzentriert. Ein automatisiertes Fütterungssystem ermöglicht die genaue Überwachung der Futteraufnahme jeder Sau und ein Hightech-Umluftsystem hält die Luft sauber und trocken und sorgt durch Wärmerückführung für ein besseres Klima für Schweine und Menschen und kontrolliert gleichzeitig die Energiekosten.

«Ich kann alle Fütterungs- und Belüftungssysteme im Stall von meinem Mobiltelefon aus kontrollieren, ohne in den Stall gehen zu müssen», erklärt Tara Terpstra. Das helfe ihr, die Dinge besser im Auge zu behalten.

Die Terpstras bewirtschaften eine Fläche von 263 Hektar mit 400 Sauen im sogenannten «Farrow-to-finish»-Produktionssystem.
Lilian Schaer

Garantierte Abnahme

Im Rahmen des Antibiotikafreien-Aufzuchtprogramms haben die Terpstras jetzt eine garantierte wöchentliche Abnahme für ihre Schweine in einem Verarbeitungsbetrieb in Burlington, Ontario, der weniger als zwei Stunden vom Betrieb entfernt ist. Dafür müssen sie aber umfangreiche Aufzeichnungen führen und werden einmal im Jahr kontrolliert – oft von jemandem, der keine Ahnung von Tierhaltung hat.

Antibiotika dürfen nicht über das Futter oder Wasser verabreicht werden, sondern nur einzeln an kranke Schweine. Diese behandelten Schweine müssen dann mit Ohrmarken versehen und getrennt von der übrigen Herde aufgezogen und in den regulären Schweinefleischmarkt verkauft werden.

Schweinefleischproduktion in Ontario
● 1’064 Landwirte produzieren 5,9 Millionen Mastschweine pro Jahr
● 26 Ferkel pro Sau und Jahr
● Aktueller Durchschnittskilogrammpreis für Schweine 2,80 kanadische Dollar (ca. 2,08 CHF)
● 2,8 Milliarden kanadische Dollar (ca. 2 Milliarden in CHF) an wirtschaftlicher Tätigkeit vom Bauernhof bis auf den Tisch
● 15’843 Arbeitsplätze

Krankheit bereitet Schweinebetrieben Sorge

«Deshalb ist es so wichtig, sich auf die Krankheitsprävention zu konzentrieren», sagt Tara Terpstra und ergänzt, dass das das Vorkommen des Porzinen Reproduktiven Respiratorischen Syndroms (PRRS) in Ontario derzeit die grösste Herausforderung für ihren Betrieb darstelle. Sie konzentrierten sich auf dem Betrieb darum auf Herdenimmunität und ein strenges Hygiene- und Biosicherheitsregime, um die Tiere gesund zu halten, wünschten sich aber, es gäbe mehr Technologie, die früher erkennen könnte, wenn Schweine krank sind.

Das Antibiotikafreie-Aufzuchtprogramm mache das Management im Falle eines Ausbruchs komplizierter, da es nicht einfach sei, zwei völlig voneinander getrennte Schweinegruppen zu halten. Trotzdem bereue sie die Umstellung auf die neue Haltungsform und das neue Produktionssystem nicht, bemerkt Tara Terpstra.

Automatisches Fütterungsüberwachungssystem bei den Muttersauen.
Lilian Schaer

Konsumentenwünsche berücksichtigen

Ihre Schweine seien jetzt viel gesünder und der zunehmende Druck der Konsumentinnen und Konsumenten treibe den Wandel sowieso voran. Mehr als 70 Prozent des kanadischen Schweinefleischs sei für den Export bestimmt, daher müssten die Landwirte darauf vorbereitet sein, die Wünsche der Kundschaft zu erfüllen. «Das bedeutet für mich als Landwirtin, dass ich proaktiv sein muss und wenn der Konsument etwas will, muss ich mich darauf einstellen und Anpassungen machen», sagt Tara Terpstra.

Einerseits habe es schon immer Nischenmärkte wie Aufzucht ohne Antibiotika oder Bio gegeben – andererseits gebe es aber auch Konsumenten, die nach dem niedrigsten Preis suchten und daneben nationale und internationale Märkte mit abermals anderen Anforderungen. «Ich konzentriere mich mehr auf den heimischen Markt und darauf, die Wünsche der Konsumentinnen und Konsumenten zu berücksichtigen», meint die Schweinebäuerin.

Tierhaltung und Klimawandel

Längerfristig sehe sie die grösste Bedrohung für die Schweinefleischproduktion jedoch nicht bei den Verbrauchern, sondern beim Klimawandel. Weite Teile Ontarios würden in diesem Jahr von einer Dürre heimgesucht und die kanadische Regierung habe ein ehrgeiziges Klimaprogramm auf den Weg gebracht, das unter anderem vorsehe, die Düngemittelemissionen bis 2030 um 30 Prozent unter das Niveau von 2020 zu senken.

«Wir versuchen, uns auf eine andere Tierhaltung einzustellen, aber es gibt viele Unbekannte, wie wir das Beste für das Land tun können und was wir tun können, um im Klimawandel zu überleben», meint Tara Terpstra. «Ich befürchte, dass wir zukünftig nicht genug Lebensmittel haben werden, um alle zu ernähren, wenn wir weiter eine Politik verfolgen, die auf Fehlinformationen beruht – und es gibt immer weniger Landwirtinnen und Landwirte, welche die Menschen darüber aufklären können, was auf den Bauernhöfen wirklich passiert.»

Es ist noch nicht klar, ob eines der Terpstra-Kinder – Cameron (16), Reid (14) und Tyler (11) – eines Tages den Familienbetrieb übernehmen will. Alle helfen aber tatkräftig auf dem Betrieb mit, auch jeden Morgen vor der Schule.
Lilian Schaer

Die Notwendigkeit, sich für die Branche einzusetzen, sei einer der Gründe, warum sie sich in landwirtschaftlichen Organisationen engagiere, sagt Tara Terpstra. Sie ist Mitglied des Vorstands des Provinzverbands der Schweinezüchter Ontario Pork und aufgrund ihres grossen Interesses an Forschung und Innovation vertritt sie die Schweinezüchter Ontarios auch in den Vorständen der Livestock Research Innovation Corporation, Swine Innovation Porc und des Prairie Swine Centre.

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2 Responses

  1. grauenvoll diese stallung…. zu hell, steril, ungemütlich, nicht tierfreundlich! da fehlt ganz klar stroh… schweinefreudlich sieht anders aus

  2. Super diese Tierhaltung. Die Schweine können frei herumlaufen und müssen nicht in einer 1.5 m^2 Kiste den ganzen Tag herumliegen. Das Licht kann man nach dem Fototermin herunter regeln. Schweizer Bauern sollten sich daran eine Beispiel nehmen. Die Schweine sehen richtig glücklich aus

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