Montag, 23. Mai 2022
28.11.2018 06:06
Antibiotika

Antibiotika in der Landwirtschaft

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Von: Eveline Dudda, lid

Bei Antibiotika denkt man an automatisch an Medizin für Menschen und Tiere. Dabei können Antibiotika auch in der Pflanzenproduktion eingesetzt werden. Streptomycin ist eines der ersten Antibiotika überhaupt. Es wurde 1944 entdeckt und erfolgreich beim Menschen gegen den Erreger der Tuberkulose angewendet. Ab 1950 verwendeten Obstbauern in den USA Streptomycin zur Bekämpfung von Feuerbrand-Bakterien.

Die Bauern besprühten ihre Plantagen 10- bis 14-mal pro Saison. Zwei Jahrzehnte später traten die ersten resistenten Bakterienstämme auf, gegen die das Antibiotikum wirkungslos war. Nach mehreren Jahren mit Feuerbrand liess das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) 2008 den Einsatz von Streptomycin zur Bekämpfung von Feuerbrand nur unter kontrollierten Bedingungen zu. Speziell der Honig wurde damals überprüft, da Bienen das Antibiotikum einschleppen können.

Tatsächlich mussten 2011 im Thurgau neun Tonnen Honig aus dem Verkehr gezogen werden, weil der Toleranzwert für das Antibiotika Streptomycin überschritten worden war. Inzwischen ist Streptomycin nicht mehr bewilligt worden, dafür hat man 2016 fünf andere Pflanzenschutzmittel als Alternativen regulär zugelassen; die zwar insgesamt etwas weniger wirksam als Streptomycin sind, dafür aber mehrmals angewendet werden können. 

Resistenzgene untersucht

Das BLW knüpfte die Zulassung damals auch an die Auflage, dass die behandelten Flächen auf die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen hin beobachtet werden.

Agroscope Wädenswil entnahm dazu von drei streptomycin-behandelten Apfelanlagen in den Jahren 2010, 2011 und 2012 Blüten-, Blätter- und Bodenproben. Die Häufigkeit und Verteilung der Resistenzgene wurden zu verschiedenen Zeitpunkten und in Abhängigkeit der Behandlung untersucht.

Resistenzen gibt es in der Natur

Interessanterweise konnten die mobilen Streptomycin- und Tetrazyklin-Resistenzgene bereits vor der Streptomycin-Behandlung in fast allen Proben nachgewiesen werden. Das zeigt, dass diese Resistenzgene in der Natur vorkommen. Nach dem Streptomycin-Einsatz gab es zwar gelegentlich statistisch relevante Anstiege der Resistenzgene, aber diese waren nicht konstant und traten im Folgejahr nicht wieder auf.

Auch die bakterielle Zusammensetzung in Bodenproben wies mit und ohne Streptomycin-Einsatz keine signifikanten oder konstanten Veränderungen auf. Für die Autoren war letzteres keine Überraschung: Die Bodenbakterien hatten Millionen von Jahren Zeit, sich an Antibiotika und ihre Wirkung anzupassen.

 

Antibiotika durch die Hintertüre

Nicht alle Antibiotika werden bewusst eingesetzt, manche gelangen auch auf anderen Wegen in die Lebensmittelkette. Asulam ist z.B. ein Herbizid, welches gegen Blacken verwendet wird. Das Mittel ist nicht beständig, beim Zerfall entsteht das Antibiotikum Sulfanilamid.

Vor einigen Jahren konnte Sulfanilamid in Schweizer Frühjahrshonigen nachgewiesen werden. Danach wurde die Bewilligung von Asulam angepasst: Es darf nun nicht mehr in blühenden Beständen eingesetzt werden.

Quelle: Schweizerische Bienenzeitung 2012

 

Antibiotika im Stall

Nutztiere werden oft mit dem Ziel gezüchtet, entweder in kurzer Zeit viel Fleisch anzusetzen (Masttiere), viele Nachkommen zu erzeugen oder viel Milch zu produzieren bzw. viele Eier zu legen. Wenn die Zuchtziele und Managementpraktiken nicht optimal aufeinander abgestimmt sind, wird die Anpassungsfähigkeit der Tiere überstrapaziert, sie werden krank.

Die Zucht von gesunden, robusten und gegen bestimmte Krankheiten resistenten Tieren ist deshalb die beste Vorbeugung. Erkrankungen, die mit Antibiotika behandelt werden, können aber auch durch schlechte Haltungs-, Hygiene-, Fütterungs- und Managementbedingungen in der Tierhaltung begünstigt werden.

Hochleistungstiere sind krankheitsanfälliger

Damit sich die Tierhaltung lohnt müssen Hühner heute immer mehr Eier legen, Masttiere in immer kürzerer Zeit mehr Fleisch ansetzen und Kühe immer mehr Milch geben. Solche Tiere stellen höchste Anforderungen an Haltung, Fütterung und Pflege. Sobald der Mensch diese optimalen Bedingungen nicht mehr einhalten kann werden sie krankheitsanfällig.

Dies kann bei arbeits- und betriebswirtschaftlichen Zwängen rasch einmal der Fall sein. Dazu kommt, dass die Nutzungsdauer von Legehühnern, Sauen oder Milchkühen im Vergleich zu früher stark verkürzt ist, so dass mehr neue Jungtiere herangezogen werden müssen.

Handel und Transport

Die zunehmende Spezialisierung in der Tierhaltung, verbunden mit immer grösseren Tierbeständen, fördert den Tierhandel mit entsprechend vielen Transporten. Die Durchmischung von Tierherden aus unterschiedlichsten Ställen schwächt das Immunsystem. Keime, Krankheitserreger und auch Resistenzen können sich ausbreiten.

In Haltungssystemen, in denen junge Tiere verschiedener Herkünfte zusammentreffen gibt es besonders oft gesundheitliche Probleme, die mit Antibiotika behandelt werden müssen. Das liegt daran, dass das Immunsystem der Jungtiere meistens noch zu wenig ausgebildet ist, während es schon mit zahlreichen unbekannten Erregern konfrontiert wird.

Ringebtriebe greifen häufiger zu Antibiotika

In der arbeitsteiligen Ferkelproduktion (AFP) werden Sauen und Ferkel/Jager teilweise über mehrere Stationen verteilt. Eine Studie an der Universität Zürich ergab, dass solche Ringbetriebe 2,5-mal häufiger prophylaktische Antibiotikabehandlungen bei Saugferkeln durchführen als der Durchschnitt.

Beim Geflügel findet ein Import von Elterntieren und Küken statt. Hier wie auch beim Import anderer Tierarten oder tierischer Lebensmittel können Antibiotika-Resistenzen eingeschleppt werden. Im Bericht „Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR; 2015)“ weisen die Behörden in diesem Zusammenhang auch auf die Problematik des von der Politik forcierten Freihandels hin.

Trockenstellen und Euterbehandlungen

Antibiotische Trockensteller sind Antibiotika, die der Kuh ins Euter gespritzt werden, wenn sie aufhört Milch zu geben. Sie schützen das Euter bis zur nächsten Laktation vor Infektionen, sind laut Experten aber nicht in jedem Falle notwendig. 30 bis 40 Prozent der Kühe werden mit solchen Trockenstellern behandelt. Dazu kommen Behandlungen von Euterinfektionen während der Laktation bei über 20 Prozent der Kühe.

Bei der Art und Anzahl von Behandlungen gibt es allerdings sehr grosse Unterschiede von Betrieb zu Betrieb. Die Auswahl der eingesetzten Wirkstoffe scheint dabei vom Tierarzt bzw. der Tierärztin abhängig zu sein. Die Menge an Antibiotika, die für Mastitisbehandlungen bzw. -prophylaxe eingesetzt wird, entspricht ungefähr acht bis neun Prozent der insgesamt in der Veterinärmedizin eingesetzten Menge. Allerdings werden einige der dabei eingesetzten Wirkstoffe im Hinblick auf die Resistenzsituation kritischer beurteilt als die in der Mast eingesetzten Wirkstoffe.

Die konkreten Auswirkungen des Einsatzes von Antibiotika in der Milchproduktion auf die Resistenzentwicklung von tier- und humanpathogenen Erregern sind aber nach wie vor unklar. Der Einsatz von Antibiotika in der Milchproduktion ist in den letzten 10 bis 15 Jahren zurückgegangen. Das ist teilweise durch den Rückgang der Anzahl Kühe erklärbar.

Es geht auch ohne

Eine Milchproduktion ohne Antibiotika ist möglich – aber sie hat ihren Preis. Es gibt mehrere Dutzend Biobauern in der Schweiz, die Milch produzieren, die den Anforderungen des amerikanischen National Organic Program NOP genügt. Dort gilt ein vollständiges Antibiotikaverbot.

Das bedeutet, dass jede Kuh die mit Antibiotika behandelt werden muss, die Herde verlassen oder in den Schlachthof gebracht werden muss. Für die Amerikaner ist das kein Problem, da die Betriebe dort häufig gleichzeitig eine Bio- und eine Nicht-Bioherde halten und deshalb die Kühe auf demselben Betrieb verstellen können.

In der Schweiz ist das wegen der Gesamtbetrieblichkeit nicht möglich. Ein Betrieb ist entweder Bio oder nicht Bio, es gibt kein „sowohl als auch“. Die Schweizer NOLP-Milchbauern erhalten für ihre Milch aktuell rund 1 Franken pro Liter. Für normale Molkereimilch wird dagegen oft nur 55 Rappen ausbezahlt.

 

Die Schweiz und die Welt

Betrachtet man nicht nur die Veterinär-, sondern auch die Humanmedizin, stellt man fest, dass der weltweite Antibiotikaverbrauch einer Hochrechnung zufolge in den vergangenen 15 Jahren um allarmierende 65 Prozent gestiegen ist. Besonders in wirtschaftlich aufstrebenden Ländern sei die Zunahme „dramatisch“, berichten Wissenschaftler vom US-Forschungszentrum Center for Disease Dynamics, Economics & Policy.

Die Forscher hatten auf Basis von Verkaufsdaten den Verbrauch von Antibiotika in 76 Ländern zwischen 2000 und 2015 untersucht und daraus auf weltweite Trends geschlossen. Weltweite Zuwächse gab es nicht nur bei vielfach eingesetzten Wirkstoffen wie Penizillin, sondern auch bei sogenannten Reserve-Antibiotika wie Linezolid und Carbapenemen, die nur zum Einsatz kommen sollten, wenn kein anderes Mittel mehr hilft.

Antibiotika als Leistungsförderer

Bis 2030 könnte der Gesamtverbrauch an Antibiotika den Forschern zufolge weltweit um bis zu 200 Prozent steigen, dabei gelten Resistenzen gegen Antibiotika inzwischen als grosses Problem – auch in der Tierhaltung. Trotzdem gibt es weltweit immer noch zahlreiche Staaten, die den Einsatz von Antibiotika als Leistungsförderer erlauben, gerade mal 100 Staaten haben antibiotische Leistungsförderer bislang verboten.

Insbesondere in Nord- und Südamerika ist die Praxis noch weit verbreitet, Antibiotika unters Futtermittel zu mischen. Das Fleisch darf trotzdem aus diesen Ländern in die Schweiz eingeführt werden – obwohl diese Mittel hierzulande verboten sind.

Schweiz hat Pionierrolle

Mit dem Verbot von antibiotischen Leistungsförderern ab dem Jahr 1999 übernahm die Schweiz nebst Schweden eine Pionierrolle. 2004 wurde zudem die Aufzeichnungspflicht jedes Arzneimitteleinsatzes durch Tierärzte eingeführt. Bei der Abgabe auf Vorrat sind regelmässige Betriebsbesuche durch die Bestandestierärzte vorgeschrieben, ohne tierärztliche Verschreibung dürfen keine Antibiotika bei Nutztieren eingesetzt werden.

Ausserdem werden regelmässig Kontrollen durch die kantonalen Veterinärämter in den Tierhaltungen bezüglich Aufzeichnungspflicht und Aufbewahrung von Tierarzneimitteln durchgeführt. Verschiedene ansteckende Krankheiten wurden in der Schweiz ausgerottet, so z. B. die enzootische Pneumonie (EP) oder die Actinobazillose (APP) bei den Schweinen und Salmonella enteritidis bei den Hühnern.

Die EU ist gross, Brüssel ist weit 

Vor mehr als zehn Jahren, per 1. Januar 2006 wurden in der EU die letzten vier Antibiotika verboten, die bis dahin noch als Futtermittelzusätze in der Tiermast erlaubt waren. Es handelt sich um:

 

  • Monensin-Natrium in der Rindermast,
  • Salinomycin-Natrium für Ferkel und Mastschweine,
  • Avilamycin in der Schweine-, Ferkel-, Pulet- und Trutenmast
  • sowie Flavophospholipol für Kaninchen, Legehennen, Pulet, Truten, Ferkel, Schweine, Kälber und Mastrinder.

 

Allerdings ist die EU nicht gerade bekannt dafür, dass sie Verbote flächendeckend durchsetzt. In vielen Staaten können Antibiotika weiterhin ohne Rezept gekauft und ohne tierärztliche Diagnose eingesetzt werden, auch in der EU. Erst 2019 tritt das neue EU-Tierarzneimittelrecht in Kraft, das die Verschreibungspflicht durch einen Tierarzt für die von ihm behandelten Tiere vorsieht – speziell für Antibiotika, Hormone und Impfstoffe. Bis dieses Recht dann überall durchgesetzt wird, dürften noch Jahre vergehen. Prophylaktische Antibiotikabgaben sind zumindest in den direkten Nachbarländern der Schweiz heute zwar nicht mehr üblich, laut WHO-Richtlinien ist der vorbeugende Einsatz von Antibiotika jedoch immer noch zulässig, wenn er unter Aufsicht eines Tierarztes stattfindet.

Die Situation bei der Antibiotika-Resistenz in der Schweiz kann im Vergleich zu vielen süd-, mittel- und osteuropäischen Ländern als eher günstig bezeichnet werden. Dennoch besteht kein Grund zur Beruhigung: Im Vergleich mit nordischen La¨ndern kommen gewisse Resistenzen in Schweizer Nutztieren deutlich häufiger vor, wie z. B. Tetrazyklinresistenzen aus E. coli von Mastschweinen und Rindern. Und es wird eine Zunahme von Resistenzen gegenüber Antibiotikagruppen beobachtet, die nur zurückhaltend eingesetzt werden sollten z. B. Fluorchinolone.

Geschwächte Bienen

Vor ein paar Jahren zeigte eine Studie aus den USA, dass die Bienenvölker dort ganze fünf Mal mit Antibiotika behandelt werden: Im Mai eine Oxytetrazyklin-Behandlung, im August eine Tylosin-Behandlung gefolgt von drei Fumagillin-Behandlungen in den Wochen danach. Also Folge dieser intensiven Behandlungen kommt es nicht nur zu möglichen Resistenzen, sondern es konnte auch nachgewiesen werden, dass das Entgiftungssystem der Bienen durch Oxytetrazyklin geschwächt wird und sie in der Folge empfindlicher auf Insektizide reagieren.

Oxytetrazyklin ist ein Breitbandantibiotikum, das in vielen Ländern gegen die amerikanische Faulbrut eingesetzt wird. Es hemmt aber nicht nur die Faulbrut-Bakterien, sondern auch die Bakterien, die sich normalerweise im Darm der Bienen befinden und jene Bakterien, die für die Einlagerung des Pollens in Form von Pollenbrot verantwortlich sind. Eine intakte Bakterienflora ist genau wie beim Menschen auch bei Bienen Voraussetzung für eine intakte Gesundheit.

Quelle: Schweizerische Bienenzeitung

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