2.07.2019 09:48
Quelle: schweizerbauer.ch - pd/blu
Tierwohl
«Bauern unter Generalverdacht»
«SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche» haben Verstösse von Bauern gegen den Tierschutz untersucht. 2018 sind 613 Halter und Händler von Nutztieren verurteilt worden, weil sie das Tierschutzgesetz verletzt hatten. Der Berner Bauernverband wendet sich in einem offenen Brief an die Journalisten der Sonntagszeitungen.

Sehr geehrte Medienschaffende

Der Berner Bauern Verband toleriert es auf keinen Fall, wenn Tiere auf Landwirtschaftsbetrieben nicht gemäss den geltenden Gesetzen gehalten- oder gar misshandelt werden. Aus diesem Grund arbeiten wir seit Jahren eng und gut mit dem kantonalen Veterinärdienst zusammen und sind bestrebt, Probleme aktiv anzugehen und zu lösen. Wir tolerieren es aber auch nicht, wenn in einseitigen Berichterstattungen einmal mehr alle Landwirtinnen und Landwirte dem Generalverdacht der Tierquälerei ausgesetzt werden.

Es ist schlicht nicht korrekt, wie in den Artikeln von Sonntag 30. Juni und Montag 1. Juli unter den Titeln „Tausende Bauern verstossen gegen den Tierschutz“ (Sonntagszeitung) und „Zu wenig Kontrollen: Tierquäler bleiben unentdeckt“ (Berner Zeitung u.a.) generalisiert wird. Die reine Anzahl Verstösse wird ohne entsprechenden Hintergrund als absolut gesetzt. Es gilt klar zu differenzieren, ob eine Beanstandung gemacht wurde, weil auf dem Kontrollformular ein Kreuz gefehlt hat, oder ob Tiere effektiv geschädigt wurden. Wenn über den Strassenverkehr berichtet wird in Bezug auf Geschwindigkeitsvergehen, dann wird auch unterschieden zwischen leichten Überschreitungen und einem Raser. Nicht alle, die zu schnell fahren, sind automatisch Raser. Bei Berichten über die Landwirtschaft wird das offenbar nicht so eng gesehen.

Nochmals, Tierquälerei tolerieren wir auf keinen Fall und unterstützen ein konsequentes Vorgehen und Sanktionieren der Behörden. Die genannten Artikel basieren gemäss Hintergrundinformationen auf sehr ausführlichen Recherchen. Wäre es da nicht angebracht, sich vor Ort ein Bild zu verschaffen, was in der Schweiz auch alles Positives in Bezug auf die Tierhaltung unternommen wird? Wäre es nicht sinnvoll ebenfalls aufzuzeigen, wie die weltweit höchsten Tierschutzstandards umgesetzt werden? Aber natürlich: das gibt keine saftigen Schlagzeilen und keine überhitzte Empörungswelle.

Gerne laden wir Sie ein, diesen Sommer den einen oder anderen Betrieb mit uns zu besuchen und sich und Ihren Leserinnen und Lesern ein echtes Bild der Schweizer Landwirtschaft und Tierhaltung zeigen zu lassen. Ein Bild das nicht nur heile Welt darstellt, sondern ein Spiegel ist von harter Arbeit und echter Sorge um die eigenen Tiere. Dies in einer nicht ganz einfachen wirtschaftlichen Realität. Gerne erwarten wir Ihre Kontaktaufnahme in den nächsten Tagen.

Die KuL (Verein Kontrollkommission für umweltschonende und tierfreundliche Landwirtschaft) führte im Kanton Bern im Jahr 2018 25 % der Kontrollen unangemeldet durch. 2019 werden es 40 % sein. Die Angaben im Artikel „Zu wenig Kontrollen: Tierquäler bleiben unentdeckt“ (Berner Zeitung 1. Juli 2019) sind so nicht korrekt.

«SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche» haben Verstösse von Bauern gegen den Tierschutz untersucht. Im vergangenen Jahr sind 613 Halter und Händler von Nutztieren verurteilt worden, weil sie das Tierschutzgesetz verletzt hatten. Die beiden Sonntagszeitungen aus dem Hause Tamedia erhielten vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) Einblick, wie viele Betriebe Kürzungen der Direktzahlungen hinnehmen mussten. 2017 kam es bei 7398 Betrieben zu Kürzungen wegen Tierschutzverstössen. 

Das entspricht jedem siebten Hof mit Direktzahlungen. Das heisst aber auch, dass 85 Prozent der Betriebe sich an die Regeln halten. Dieser Fakt wird in den Artikeln nur beiläufig erwähnt. Im Gegenteil, die Sonntagszeitung titelt: «Skandalöse Zustände auf Schweizer Bauernhöfen»Insgesamt stellten die Kontrolleure bei den 7398 Betrieben 21’250 Mängel fest, diese umfassten falsche Flächenangaben bis Verfehlungen im Tierschutz. Die Zeitungen untersuchten in der Folge die Verstösse beim Tierschutz. 2018 lagen Mängel beim qualitativen Tierschutz von Rindern (3905) erster Stelle. Dahinter folgten Verstösse im Umgang mit Weidetieren (1903). Bei 1298 Fällen ging es um fehlerhafte Dokumente.

Die Sonntagszeitungen recherchierten auch in den Strafbefehlen. Im vergangenen Jahr wurden 613 Bauern oder Tiertransporteure wegen Verletzungen des Tierschutzgesetzes verurteilt. Diese Fälle haben die beiden Zeitungen analysiert. blu

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