27.04.2016 11:20
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Meier
Tierschutz
«Sekundenkleber ist tierschutzrelevant»
Der Schweizer Tierschutz hat die Swiss Expo, die Tier&Technik und die Expo Bulle besucht. Er lobt grundsätzlich die Haltung der Kühe im Stall, doch seien beim Styling und im Ring auch Gesetze missachtet worden.

Es sind happige Vorwürfe, die der Schweizer Tierschutz (STS) den Viehzüchtern und den Organisatoren von Swiss Expo, Expo Bulle und Tier&Technik macht. Die Vorwürfe wurden dokumentiert (vgl. Bilder). Der STS hat dieses Jahr im Rahmen seines Ausstellungs-Ratings die Messe in St.Gallen und die beiden Ausstellungen in Lausanne und Bulle unter die Lupe genommen. Dabei ging es einerseits um die Tierhaltung generell, andererseits aber auch ums Viehstyling und die Präsentation der Kühe im Ring.

Auf Anfrage von Bauern

«Die Recherchen haben wir veranlasst, weil sich immer mehr Bauern bei uns melden, die mit den Ausstellungen und mit dem von Tierzüchtern und Kuhhaltern vermittelten Bild nicht einverstanden sind», betont die Tierärztin Julika Fitzi, welche das Ausstellungs-Rating des STS leitet. Und sie ergänzt: «Der STS lehnt Viehausstellungen nicht ab. Sie sind ein beliebter Treffpunkt von Viehzüchtern, und Bauern und Konsumenten kommen ins Gespräch. Auch für die Tiere sind sie im Prinzip unproblematisch, wenn sie richtig  gemacht werden.»

Insbesondere die Haltung auf Stroh und die Betreuung in den Stallungen bewertete der STS an allen Ausstellungen denn auch grundsätzlich positiv. Bei der Expo Bulle lobt er in seinem Bericht explizit die gute Luftqualität, an der Tier&Technik das grosszügige Gehege der Angus-Mutterkühe und die Haltung der zwei Mastrinder.

Gesetze überschritten

Doch habe man Handlungen beobachtet, die nicht nur die Anpassungsfähigkeit der Kühe, sondern auch die Gesetze überschritten hätten, erwähnt Fitzi. So an der Expo Bulle, wo zwei weniger als vier Monate alte Kälber für die Swiss National Sale angebunden gehalten wurden. Das widerspreche den Tierschutzvorgaben.

Oder an der Swiss Expo: «Ein Antreiber verdrehte Kühen, die nicht vorwärtsgingen, den Schwanz. Das ist in der Tierschutzverordnung  verboten.» Grundsätzlich hätten Vorführer und Kühe  zwar sehr ruhig gewirkt, bilanziert Fitzi. «Doch sahen wir beim Styling und im Ring auch grobe Methoden wie den Ganaschengriff oder Schwanzklammern.»

Die Rolle der Richter

Ein spezielles Augenmerk legte der STS auf die Euter. Man habe, so Fitzi, in der Arena bei vielen Kühen beobachtet, dass Milch austrat. Anderen Kühen sei anhand des prallen Euters und des abweichenden Gangbildes anzusehen gewesen, dass sie schon lange nicht mehr gemolken worden waren. Davon habe der STS an der Swiss Expo Videoaufnahmen gemacht.

«Immer wieder konnten wir auch beobachten, dass Tierbesitzer unmittelbar nach der Vorführung in der Arena mit dem Melken ihrer Tiere begannen. Diese Vorgehensweise, den Tieren rasch Erleichterung zu verschaffen, wird vom STS begrüsst, zeigt aber auch die Problematik.» Bei der Prämierung ist aus Tierschutzsicht positiv zu werten, dass die Richter an der Swiss Expo auch Kühe vorne rangierten, welche keine übervollen Euter aufwiesen. «Im Gegensatz dazu wurden die vorderen Plätze an der Expo Bulle ausnahmslos von Tieren mit massiv gefüllten Eutern belegt», bedauert die Tierärztin.

Sekundenkleber am oder im Strichkanal

Während bei Zwischenmelkzeiten ein Ermessensspielraum besteht, was den Kühen zuzumuten ist, gibt es beim Styling klare Grenzen – Grenzen, die laut STS überschritten wurden. So hat er dokumentiert, wie ein junger Mann mit einer Tube Sekundenkleber und einem Papier in der Hand unter einer Kuh hervorkam. «Sekundenkleber am oder im Strichkanal ist aus Sicht des STS  tierschutzrelevant», schreibt der STS in seinem Bericht zur Swiss Expo.

«Er wird im Gegensatz zum Collodium hart und haftet dem Gewebe schnell und stark an. Sollte Sekundenkleber in den Zitzenkanal gelangen und diesen verschliessen, muss man sich die Frage stellen, wie er wieder entfernt werden kann.» Der Ehrenkodex der Arbeitsgemeinschaft Schweizer Rinderzüchter (ASR) erlaube zwar das Versiegeln der Zitzen ohne Beeinträchtigung des Wohlbefindens, untersage aber die Anwendung von Leim namentlich. Auch wiesen laut dem STS mehrere Euter gerötete Haut auf, was er dem Einreiben von Salben zuschreibt.

Kontrolle der Gelder

Der STS fordert nun, dass der ASR-Ehrenkodex konkretisiert wird. Er bevorteile Züchter, die auf überlange Zwischenmelkzeiten und Manipulationen am Euter setzen würden. Das Nachsehen hätten jene, denen das Tierwohl wichtiger sei.

«Vor dem Hintergrund der grosszügigen Bezuschussung des Bundes zuhanden der ASR  darf erwartet werden, dass die eingesetzten Gelder zur Förderung der Tierzucht nicht in tierschutzwidrige Praktiken investiert werden.»

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