28.01.2019 08:45
Quelle: schweizerbauer.ch - khe
Grosstierrettung
Sie retten Nutztiere in Not
Wenn Vierbeiner in Schwierigkeiten sind, kommt der Grosstier-Rettungsdienst Schweiz und Liechtenstein zum Einsatz. Für Christian Rapp ist die gute Tat mehr als ein zeitintensives Hobby.

Kommt ein Pferd nicht mehr auf die Beine, haben sich Schafe zwischen Felswänden verirrt oder fällt eine Kuh in die Jauchegrube, sind die Helfer des Grosstier-Rettungsdienstes im Einsatz. Sie befreien Tiere aus misslicher Lage, stellen die  Erste Hilfe sicher und übernehmen den Transport in die Klinik oder in den heimischen Stall.

Tod durch Gas ist selten

Christian Rapp  ist stellvertretender Leiter des Grosstier-Rettungsdienstes am Stützpunkt Aargau. Am Weiterbildungsabend von Braunvieh Aargau gab er den Anwesenden einen Einblick in die Arbeit der Non-Profit-Organisation, für die er seit 20 Jahren im Einsatz steht. «Wo ein Tier reinpasst, passt es auch wieder raus – egal wie klein die Öffnung ist.», beruhigt Rapp.  Man stelle sich eine Schachtöffnung mit einem Durchmesser von 80 cm vor. Gerade in der Landwirtschaft seien Rettungen aus einem Güllenloch häufig.

Sitzt ein Tier in der Jauchegrube fest, gilt es prioritär, die Frischluftzufuhr zu gewährleisten. Instinktive Schwimmbewegungen vermeiden in den meisten Fällen eine Unterkühlung des Lebewesens. Todesfälle gibt es nur wenige. Rapp zählt lediglich zwei Tiere, die nach sieben bis neun Stunden in der trüben Flüssigkeit den Kampf ums Leben verloren. Entspricht die Öffnung des Lochs im Minimum der Rumpflänge des Tiers, kann dieses innerhalb von 15 Minuten mittels Helinetz horizontal herausgehoben werden. Vertikalbergungen sind aufwendiger.

Dazu wird dem Tier ein spezielles Geschirr angelegt. Ein Gefährt mit  einer Tonne Hubkraft und vier Metern Hubhöhe, das kann beispielsweise ein Hoflader oder Mistkran sein, hebt das Tier bis zum Beckenbereich heraus. Anschliessend wird es mit einem Flaschenzug in die Horizontalebene gezogen.

Tierschutz ist wichtig

Rettungen mit Seilen oder Gurten werden unterlassen. Ihr Einsatz führt beim Tier nicht selten zu schweren  Verletzungen  oder gar zum Verenden. Der Grosstier-Rettungsdienst ist verpflichtet, dem Tier nicht unnötig Angst, Stress oder Schmerz beizufügen. «Tierschutzvergehen sind heute keine Bagatellen mehr, sondern mit hohen Kosten verbunden.» Rapp rät den Landwirten, keine Fotografien von Rettungen unbedacht ins Internet zu stellen.  Die Bilder könnten falsch interpretiert werden. Anders als Kühe, müssen Pferde vor einer Bergung sediert werden. Ohne das Beruhigungsmittel zeigen Rösser, indem sie mit den Beinen wild ums sich schlagen, die natürliche Abwehrreaktion eines Fluchttiers.

Ein Einsatz wird in der Regel mit zwei Rettungspersonen durchgeführt und kann rasch mehr als 1000 Franken kosten. Die Kilometer werden separat verrechnet. Equiden und Neuweltkameliden werden zum Vollpreis honoriert. Allerdings können sich Besitzer durch eine «Horse Rescue»-Mitgliedschaft vor hohen Kosten schützen. Bei landwirtschaftlichen Nutztieren wird normalerweise eine Pauschale von 150 bis 300 Franken erhoben. Einen Teil des Defizits  zur Volldeckung übernimmt die Susy-Utzinger-Stiftung für Tierschutz. Spenden sind ebenfalls eine wichtige Einnahmequelle.

24 Stunden am Tag bereit

Wie alle Grosstier-Retter arbeitet Rapp freiwillig und im Milizsystem. 24 Stunden am Tag ist er abrufbar, muss bei Notfall sofort ausrücken. Ein Hobby, das viel Zeit in Anspruch nimmt. Trotzdem scheint er fasziniert. Nebst 60 Einsätzen investiert der 55-Jährige jährlich rund 15 Kurstage in die eigene Aus- und Weiterbildung. Zudem gibt er sein Wissen an wöchentlichen Schulungen weiter. «Die Grosstier-Rettungen sollen professionell, schonend und fachgerecht durchgeführt werden, was eine hochstehende Ausbildung bedingt. Unser Bildungssystem ist zweistufig. Zuerst wird der Helfer zum Ambulanzfahrer, später zum Sanitäter ausgebildet», erklärt Rapp.

Erstere übernehmen nebst dem Lenken des Fahrzeugs die Bedienung der technischen Geräte und Einrichtungen, der Sanitäter zusammen mit dem Tierarzt die medizinische Versorgung. Im Team bestehen verschiedene Ausbildungsstufen. Geschult wird meist «on the Job». Auch finden regelmässig interne Schulungen mit verschiedenen Institutionen statt. Das Tierspital Zürich bildet die Rettungssanitäter, die Firma Central Helikopter Services die Helikopterflughelfer aus. Abseilkurse werden durch die Alpine Rettung durchgeführt. Die Grosstier-Retter können am hängenden Seil Rettungen von verstiegenen Tieren im Alpgebiet selbst ausführen. Aufgebote bei Hochwasser und aus Fliessgewässern sind zunehmend, daher haben die meisten Helfer auch den Wasserrettungskurs Rescue 3  absolviert.

Notruf via Zentrale 

Die Alarmierung erfolgt via Nummer  079 700 70 70 über die offizielle Einsatzleitzentrale von Schutz und Rettung Zürich. Sie avisiert den nächsten Stützpunkt des Grosstier-Rettungsdienstes. Dort kommt es zur Konferenzschaltung mit allen erreichbaren Teammitgliedern. Wer am nächsten ist, wird aufgeboten. 

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