Montag, 6. Dezember 2021
15.11.2021 08:08
Trainblog (25/25)

Trainsoldat: Das Abenteuer ist vorbei

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Von: ats

Mit dem eigenen Freibergerpferd als Trainsoldatin in der Schweizer Armee: Anja Tschannen erzählt im Trainblog von ihren Erlebnissen während der Sommer-Rekrutenschule 2020. Wenn sie nicht gerade mit dem Trainpferd über Stock und Stein stampft, ist sie als Redaktorin beim «Schweizer Bauer» und als Landwirtin tätig. Das ist der letzte Teil des Trainblogs, die Rekrutenschule ist beendet und nach der Materialabgabe geht es zurück ins zivile Leben.

Die letzte Woche in der Rekrutenschule. Geprägt von der grossen Materialabgabe. Sämtliches Material, dass die Rekrutenschule zu Beginn gefasst hat, muss bis zum letzten Tag zurückgegeben werden. Von Tenü C bis hin zur letzten Lederschnalle. Das Ziel ist Null-Materialverlust. Ein riesen Stress für die Vorgesetzten, für uns Soldaten weniger.

Daher, weil wir am Wochenende coronabedingt nicht nach Hause durften, haben wir samstags gute Vorarbeit geleistet. Sättel und Geschirre sind auseinandergenommen, wurden sauber geputzt und zu beschaulichen 10er-Sets zusammen gebunden – dass geht besser fürs Zählen. Ein Detachement hat sich mit Hochdruckreiniger bewaffnet daran gemacht, die Pferdestallungen zu reinigen. Manche haben etwas sinnbefreite Arbeiten wie Blätter zusammenrechen – im Wald – gefasst.

Das Null-Matverlust-Mysterium

Ansonsten gibt es in der letzten Woche ziemlich viele Pausen, in denen wir U-Boote oder die letzten Frässbäckli miteinander vernichten. Immer wieder Fahren verschiedene Detachements nach Thun, um bei der Rückgabe des Materials zu helfen. Ich bin auch einmal mit von de Partie, eine willkommene Abwechslung in der letzten Woche.

In Thun wird mit sämtlichem Material, und das ist eine ganze Menge, ein Matdepo erstellt und gemeinsam mit den Mitarbeitern dort durchgezählt und kontrolliert. Mit Argusaugen bewachen wir unsere Haufen, denn schliesslich enden diese Woche die meisten Rekrutenschulen der Schweiz. Viele andere Truppen sind ebenfalls vor Ort, um ihr Material abzugeben.

Am Schluss heisst es null Matverlust – und ich bin mir ziemlich sicher, dass in den unterirdischen Gängen der Kaserne das eine oder andere Ersatzmaterial gebunkert wird. Anders kann ich mir Null-Matverlust nicht erklären, wo doch bereits, während der Rekrutenschule Mützen, Flauschis und Manipats à gogo plötzlich spurlos verschwanden und nimmer gesehen waren, trotz SBG (suchen bis gefunden) am Samstagmorgen. Naja, Hauptsache Hauptfeldweibel und Fourier sind zufrieden.

Ein letztes Mal im «Achtung»

So sehr ich auf den Start der Rekrutenschule hin gefiebert habe, so sehr freue ich mich nun auf das Ende – denn neue Abenteuer stehen bereits in den Startlöchern. Und ganz ehrlich, ich war noch nie länger als drei Wochen am Stück nicht Zuhause. Meine Familie, meine Tiere und meine Projekte fehlen mir.

Ein letztes Mal antreten. Achtung. Eine kurze Ansprache des Majors. Ruhn. «Sie sind nun aus dem Militärdienst entlassen, gute Rückkehr in Ihr Zivilleben.» Ein paar Berets fliegen in die Luft – aber nicht so wie im Film. Mit der WK-Packung beladen treten wir ein letztes Mal aus der Kaserne. Es folgen viele Umarmungen und Abschiedsgrüsse.

«Tschannen, daher!»

Und dann sitze ich in meinem Auto. Die alten Stallungen, das Restaurant, der Hundetrainingsplatz sowie die KD-Boxen in der Ferne, ziehen vorbei. Mit einem Kloss im Hals biege ich auf die Autobahnauffahrt ein. Der Fahrtwind in den Haaren, das Radio ganz laut.

Und ich denke zurück. Zurück an diese achtzehn Wochen. Zurück an die Menschen. Die gemeinsamen Erlebnisse. Zurück an die verhassten Verschiebungen im Kampf komplett. Zurück an die vielen Stunden im Wald. Zurück an das Lachen, die Blödeleien, die Streiche. Zurück an die Berge, die Weite, die Freiheit. Zurück an die sympathischen Weckrufe mitten in der Nacht: «Tschannen, daher!».

Ich muss schmunzeln und gleichzeitig laufen mir die Tränen über die Wagen. Ich habe es getan: Meinen Kindheitstraum realisiert.

«Weil es mein Leben ist»

Egal, was andere sagen. Egal, was andere denken. Wenn du es unbedingt willst und es sich in dem Moment richtig anfühlt, dann tue es. Wenn du als Frau Militärdienst leisten willst, tue es. Wenn du eine Lehre zu Landwirtin absolvieren willst, tue es. Wenn du studieren wills, tue es. Wenn es dich in die Welt hinauszieht und du auf Weltreise gehen willst, tue es. Wenn du Familie gründen willst, tue es. Wenn du einen Betrieb führen willst, dann tue es.

Stösst du auf Widerstand – und das wird sowieso passieren, dann merke dir eines: «Weil es mein Leben ist», reicht als Begründung völlig aus. Sei mutig, habe keine Angst, springe über deinen Schatten. Wir haben nur dieses eine Leben und es sind die Erinnerungen, die bleiben.

Und nun möchte ich mich bedanken: Dafür, dass ich einen Teil meiner Erlebnisse und Gedanken hier im Trainblog mit dir teilen durfte. Man sieht, hört oder spricht sich, sowieso immer zweimal im Leben.

Voluntate cordis   
Anja Tschannen

Als Soldat zurück gekehrt. Mein Grad ist dem Appenzeller Sennenhund scheissegal, im wahren Leben zählt das nicht.
ats

Bisherige Einträge:
Teil 24: Die Militärpferde gehen nach Hause
Teil 23: «Trainsoldaten dürfen nicht mehr nach Hause»
Teil 22: «Überlebenswoche hoch zu Pferd»
Teil 21: Holz rücken interessanter als Stuten
Teil 20: Unfall am Berg: Militärpferd stürzt
Teil 19: «Stimmung bei Trainrekruten ist gereizt»
Teil 18: «Diese Erfahrung kann mir niemand mehr nehmen»
Teil 17: Militärpferde: Arbeiten für Landwirte
Teil 16: Militärpferde: Endlich Patrouillenreiter – Schweizer Bauer
Teil 15: «Meine grösste Angst: Nicht auf  das Pferd zu kommen»
Teil 14: Endlich, die Militärpferde kommen
Teil 13: Vier Wochen ohne Militärpferde
Teil 12: Das eigene Pferd auf den Militärdienst vorbereiten
Teil 11: Ich kaufe Haydo zurück
Teil 10: Armeepferde: Start ins Militärleben
Teil 9: Schlusstest für künftige Militärpferde
Teil 8: Militärpferde auf Inspektion vorbereiten
Teil 7: Trainpferde: Karren ohne Kutscher ziehen
Teil 6: Militärpferde auf das Podest stellen
Teil 5: Trainpferde müssen auch Holz ziehen
Teil 4: Die Königsdisziplin der Trainpferde
Teil 3: NPZ bildet die jungen Militärpferde aus
Teil 2: Sein eigenes Pferd der Armee verkaufen
Teil 1: Mit dem eigenen Pferd in die Armee

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4 Responses

  1. Die Berichte von Frau Tschannen sollten eigentlich auch in den Tageszeitungen erscheinen, es würde vermutlich das Interesse für das Militär und für die Train fördern besonders bei den Frauen fördern.

  2. Intressanter blog. Danke, meine Rs Zeit und Wk lange zurueck, da war kavallerie und velotruppen noch voll im Einsatz, (1975)
    Viel Glueck in der Zukunft.

  3. Ich habe die Train RS 1977 in der Luzinsteig als Berner Absolviert. Mein Leben war immer mit Pferden, besorge noch Heute 6 Pferde. Als Pensionierter Landwirt. Ich wünsche der junge Frau alles gute.

  4. Sehr grosses Kompliment, sind wir noch Meilen weit entfernt von der Gleichberechtigung Frau/Mann!
    Pensionsalter 64/65,Militärdienst freiwillig, dank dem rot/grünen feministischen „hinterwäldlerischen“ egoistischenGedankengut! Shame on you!!!
    In den fortschrittlichen skandinavischen Ländern,USA,Kanada teilweise seit Jahrzehnten Usus!Habe selber da 14 Jahre gelebt und gearbeitet.

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