Mittwoch, 2. Dezember 2020
25.10.2020 18:20
Bern

Königsmuni verletzte Betreuer schwer

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Von: Jacqueline Graber

Der Königsmuni vom Esaf 2013 attackierte seinen Betreuer Hans Bichsel. Überlebt hat Bichsel nur dank seinem Kollegen.

Wieso hatte er einen Aussetzer?» Diese Frage stellt sich Hans Bichsel immer und immer wieder, eine Antwort darauf wird er nie bekommen. Denn Fors vo dr Lueg, der Siegermuni vom Eidgenössischen Schwing-und Älperfest (Esaf) 2013 in Burgdorf ist tot – geschlachtet, nachdem er seinen Betreuer Hans Bichsel attackiert und schwer verletzt hat. Passiert ist das Unglück am 15. September. 

Ruhig wie immer

Schwingerkönig und Muni-Besitzer Matthias Sempach hatte sich entschieden, Mitte September mit dem Stier am Munimarkt in Thun teilzunehmen. Bereits eine Woche vor dem Anlass half Sempach Hans Bichsel das Tier zu waschen und die Klauen zu schneiden.

«Fors vo dr Lueg war ruhig wie immer», sagt Hans Bichsel und fügt hinzu, dass er aus Sicherheitsgründen nie alleine einen Stier aus dem Stall nehme. «Auch bei zahmen Tieren besteht immer ein Restrisiko», sagt Bichsel, der über eine dreissigjährige Erfahrung mit Stieren verfügt und landauf, landab als Muniflüsterer bekannt ist. 

Kollege als Lebensretter

Seine Vorsicht hat Hans Bichsel das Leben gerettet. Denn vor dem eigentlichen Auftritt am Munimarkt, also am 15. September, galt es nochmals den Stier zu waschen und herauszuputzen. Diesmal half sein Kollege Urs Rentsch mit. «Urs ist meine Lebensretter», sagt Hans Bichsel. «Ohne ihn wäre ich nicht mehr am Leben.» Denn Rentsch eilte sofort zu Hilfe als der 1200-Kilo-Koloss seinen jahrelangen Betreuer zwischen die Hörern nahm und an ein Gitter drückte.
Die Geschichte

Schwingerkönig Matthias Sempach entschied sich am Eidgenössischen Schwing-und Älplerfest 2013 in Burgdorf für den Siegermuni Fors vo dr Lueg und nicht für den Gegenwert in bar. So blieb Hans Bichsel, der  schon vor dem Eidgenössischen zum Muni schaute,  weiterhin der Betreuer. Zahlreiche Anlässe hat Bichsel mit dem Muni absolviert: «Nie gab es eine brenzlige Situation», sagt Hans  Bichsel. jgr
Passiert ist das Unglück auf dem Waschplatz vor dem Stall in Ranflüh. Bichsel erinnert sich: «Mit der rechten Hand hielt in den Muni am Nasenring. Mit der linken wickelte ich das Seil um eine Röhre.» Als er jedoch den Nasenring losliess um mit dem Seil eine Schlaufe zu machen, habe ihn Fors vo der Lueg attackiert. «Ich dachte nur: Das kann es doch nicht gewesen sein. Danach hörte ich ein lautes Knacken.» Sofort war Urs Rentsch zur Stelle, mit aller Kraft riss er am Seilende, der fast zehnjährige Swiss-Fleckvieh-Muni liess von Hans Bichsel ab. 

Blaulicht und Sirene

Schmerzen habe er zu diesem Zeitpunkt keine gespürt, erinnert sich Hans Bichsel. «Ich dachte, ich sei nur leicht verletzt.» Doch weit gefehlt: Nach der Einlieferung ins Spital Langnau wurde er mit Blaulicht und Sirene nach Burgdorf verlegt. Operiert wurde er im Inselspital Bern. Über vier Stunden lag er auf dem Operationstisch. Hans Bichsel hatte eine Rippe gebrochen, vier waren zerschmettert, die Splitter steckten in der Lunge. «Die Rippen wurden mit einem Stahlband fixiert. Der Brustkorb musste gerichtet werden», so Bichsel. 

Mittlerweile ist der 65-Jährige wieder daheim. Doch seine Gesichtsfarbe ist fahl, das Atmen fällt im immer noch schwer, doch er  befindet sich langsam auf dem Weg zur Besserung. In diesem Zustand möchte sich Hans Bichsel nicht fotografieren lassen. Er bittet, ein Bild aus dem Archiv zu nehmen, eines, dass ihn und Fors vo dr Lueg zeigt, «eines, das ihn an eine unvergessliche und schönen Zeit erinnert», wie Hans Bichsel sagt.

Schwingerkönig Matthias Sempach musste seinen Muni «Fors vo der Lueg» Mitte Oktober schlachten lassen. Gegenüber blick.ch äusserte er sich zum Unfall wie folgt: «Bei den Vorbereitungsarbeiten für den Munimärit in Thun hat sich sein langjähriger Betreuer Hans Bichsel an den Rippen verletzt, weil Fors ihn gestossen hat. Es war das erste Mal, dass dieser Stier bösartige Züge zeigte.» 

Für die Familie Sempach stehe die Sicherheit und das Tierwohl im Vordergrund. «Ein Muni, der einmal weiss, wie viel Kraft er hat, wird unberechenbar. Jedes weitere Mal, wenn wir Fors aus dem Stall genommen hätten, wäre ein zu grosses Risiko für Mensch und Tier geworden», so Sempach weiter. Das knapp 10-jährige Tier im Stall zu stehen zu lassen, war für den gelernten Landwirt und Metzger keine Option. Deshalb wurde der Königs-Muni in der vergangenen Woche geschlachtet. Reto Blunier

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