Donnerstag, 26. November 2020
16.09.2020 13:14
Bern

Tausende tote Fische: Strafanzeige eingereicht

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Von: sda/blu

In den Fischzuchtanlagen beim Blausee im Kandertal ist es nach Angaben der Betreiber in den letzten zwei Jahren immer wieder zu grossen Fischsterben gekommen. Die Besitzer vermuten als Ursache angeblich verschmutzten Aushub aus dem Lötschberg-Scheiteltunnel.

Sie haben nach eigenen Angaben Strafanzeige eingereicht. Wie die Blausee AG am Mittwoch mitteilte, richtet sich die Strafanzeige gegen eine unbekannte Täterschaft. Die Blausee AG schreibt aber auch, es gebe den «dringenden Verdacht», dass das Wasser in den Fischzuchtanlagen wegen «illegaler Aktivitäten» im Zusammenhang mit der Sanierung des Lötschberg-Scheiteltunnels verschmutzt worden sei.

Verschmutzter Gleisaushub

Insbesondere gehe es um verschmutzten Gleisaushub aus dem Tunnel. Diesen Aushub habe die verantwortliche Firma in einen Steinbruch in der Nähe des Blausees gebracht. Dort sei der verschmutzte Gleisaushub in Verletzung gesetzlicher Vorschriften behandelt und deponiert worden.

Von der Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern liegt noch keine Bestätigung vor, dass in diesem Zusammenhang eine Strafanzeige eingereicht worden ist. Ein Fischsterben von Frühling 2018 führte die Blausee AG noch auf einen enormen Polleneintrag im See und letztlich auf die Klimaerwärmung zurück.

Laut Bericht Zehntausende von Fischen

Was die Blausee AG am Mittwoch in einer Einladung zu einer Medienkonferenz vom Donnerstag bekanntgab, steht so viel ausführlicher in einem Bericht der Tamedia-Zeitungen, der in Zusammenarbeit mit der Sendung «Rundschau» von Schweizer Fernsehen und Radio SRF entstand. Der Bericht trägt den Titel «Giftige Stoffe töten Zehntausende Fische im Naturpark Blausee». 

Am 21. Mai 2020 entdeckte das Team vom Blausee tausende tote Fische. Sie waren über Nacht verendet. Laut dem Bericht ist der Altschotter aus dem Lötschberg-Scheiteltunnel mit Giftstoffen belastet und wurde bis Mitte Juni 2020 in einer Kiesgrube beim Blausee abgelagert. 40 Tonnen Bio-Forellen mussten gemäss dem Bericht der TX-Medien seit 2018 insgesamt entsorgt werden. Sie wären für Grosskunden und diverse Restaurants bestimmt gewesen. Der Schaden beläuft sich mittlerweile auf zwei Millionen Franken.

Die Besitzer des Blausees lassen die Tiere in einem Labor untersuchen. In den Tieren wurden krebserregende Stoffe und hohe Konzentrationen von Schwermetallen nachgewiesen. Das Quellwasser, das die Forellenzucht speist, weist in einer weiteren Probe laut Laboranalyse zu hohe Werte von Giftstoffen auf.

Beton statt Schotter im Tunnel

Seit August 2018 saniert die BLS im Lötschberg-Scheiteltunnel die Fahrbahn. Zwischen Kandersteg BE und Goppenstein VS werden die Gleise samt Holzschwellen und Schotter durch eine feste Fahrbahn aus Beton ersetzt, wie die BLS im Juli 2017 mitteilte. 105 Millionen Franken lässt sich das Bahnunternehmen diese Sanierung kosten, die bis 2022 läuft.

Der Gleisaushub ist gemäss den TX-Medien teilweise mit Giftstoffen belastet. Schwermetalle und krebserregende Stoffe, die von den Zügen und den mit Teeröl behandelten Holzschwellen stammen, haben sich auf dem Aushub abgelagert. Eingentlich müsste dieser Aushub in einer speziellen Deponie verarbeitet werden. Die Feinfraktion muss als Giftmüll entsorgt werden.

Kontaminiertes Material in Kiesgrube

Doch Bildaufnahmen und Aktennotizen zeigen etwas anderes. Filmaufnahmen belegen, wie Marti-Arbeiter im Frühsommer 2020 Material in die nahe gelegene Kiesgrube Mitholz der Firma Vigier kippen, die nicht gegen Umweltgifte geschützt ist. Dieser Steinbruch liegt zudem in einem Grundwassergebiet, das auch das Trinkwasser beispielsweise der Gemeinde Kandergrund oder Frutigen speist.

Die Marti AG wollte sich gegenüber den TX-Medien zum Vorfall nicht äussern. Vigier hingegen weist sämtliche Vorwürfe zurück. Im Steinbruch sei kein verschmutzter Aushub, sondern nur unbedenkliches Material aufbereitet worden. Der Kanton Bern intervenierte erst im Sommer. Mitte Juni stoppt das Amt für Wasser und Abfall einen Teil der Aktivitäten in der offenen Kiesgrube. Es weist die BLS und Marti an, den Bauablauf umgehden so anzupassen, dass der gesamte Altschotter fortan in eine spezialisierte Anlage nach Wimmis gebracht und nicht weiter in den Steinbruch geschüttet werde.

AWA-Vorsteher Jacques Ganguin wird im Artikel mit der Aussage zitiert, Feinteile aus dem Tunnel seien illegal abgelagert worden. Darauf angesprochen, sagte der Vorsteher der bernischen Bau- und Verkehrsdirektion, Regierungsrat Christoph Neuhaus, angesichts der von der Staatsanwaltschaft eingeleiteten Verfahrens könne er nichts sagen. Das AWA gehört zu seiner Direktion.

Der Blausee ist ein beliebtes Ausflugsziel mit Restaurant und Bio-Forellenzucht. Hinter der Blausee AG stehen prominente Namen. Im Jahr 2014 übernahmen der Swiss Economic Forum-Gründer Stefan Linder, Globetrotter-Chef André Lüthi und Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand die Einrichtungen.

BLS: Genehmigtes Entsorgungskonzept

Am Mittwoch sagte die BLS auf Anfrage, es arbeite mit einem vom Bund genehmigten Entsorgungskonzept. Dieses sei vom Totalunternehmer erstellt, von einem externen Ingenieurbüro geprüft und vom Bundesamt für Verkehr (BAV) genehmigt worden. Das externe Büro fungiert als Umweltbegleitung. Gemäss diesem Konzept werde Gleisaushubmaterial in einem Hartschotterwerk bei Mitholz zwischengelagert, bevor es zum Entsorgungs- respektive Wiederverwertungsstandort gehe.

Am 3. Juni sei die BLS von der Blausee AG über mögliche Grundwasserverschmutzungen als Folge von Ablagerungen informiert worden. Die BLS habe den Verdacht «sehr ernst» genommen und das BAV informiert. Am 6. Juli habe das Unternehmen beim Handelsgericht des Kantons Bern ein Gesuch um superprovisorische Massnahmen eingereicht. Dies mit dem Ziel, die Ablagerungen bei Mitholz zu unterbinden. Das Gericht habe den Antrag mit der Begründung abgelehnt, dass das Amt für Wasser und Abfall des Kantons Bern (AWA) bereits eigene Untersuchungen vorgenommen habe. Die BLS warte den Bericht des AWA ab.

Staatsanwaltschaft hat Verfahren eröffnet

Laut BLS wurden 2013 auf der gesamten Tunnellänge im Abstand von 500 Metern Schotterproben entnommen. Resultat: Im Tunnel befindet sich überwiegend unverschmutzter und zu einem kleinen Teil schwach verschmutzter Gleisaushub. Im Bereich der Weichen – an drei Stellen – fanden sich kleine Mengen an stark verschmutztem Material. Bis jetzt sei lediglich unverschmutztes und schwach verschmutztes Material aus dem Tunnel gebracht worden, schreibt die BLS weiter.

Die Betreiber der Blausee-Fischzucht haben Mitte Juli Strafanzeige eingereicht. Die Anzeige ging bei der regionalen Staatsanwaltschaft Berner Oberland ein, wie Christof Scheurer, Informationsbeauftragter der bernischen Generalstaatsanwaltschaft, auf Anfrage bestätigte. Die Berner Staatsanwaltschaft eröffnete laut Scheurer bereits vor Eingang der Strafanzeige der Blausee AG ein Strafverfahren. Es richtet sich gegen unbekannt. Eröffnet wurde es wegen des Verdachts auf Verstösse gegen das Gewässerschutz-, das Umweltschutz- und das kantonale Abfallgesetz.

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