22.07.2015 11:56
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Aargau
AG: Gämsen machen sich breit
Gämsen werden normalerweise mit den Alpen in Verbindung gebracht. Dass sich die scheuen und klettergewandten Tiere immer mehr im Jura und gar im Mittelland ausbreiten, ist kaum bekannt.

Viele Wildtiere waren Ende des 19. Jahrhunderts im Schweizer Mittelland ausgerottet. Gesetze ermöglichten dann, dass sich nach und nach Reh, Wildschwein, Gämse, Luchs und Hirsch wieder anzusiedeln begannen.

In den 60-er Jahren ausgewildert

Im Falle der Gämsen geschah dies im Kanton Aargau in den 1960-er Jahren. Im Gebiet des Villiger Geissberges wurden zwischen 1959 und 1961 mit staatlicher Unterstützung rund ein Dutzend aus Deutschland eingeführte Tiere ausgesetzt. Mitte der 1970-er Jahre musste der Überbestand mit ersten Abschüssen erstmals reguliert werden.

Dann bekamen die Aargauer Juragämsen wieder eine mehrjährige Schonzeit. In Villigen im unteren Aaretal und der Gegend um die Wasserfluh oberhalb von Küttigen und Erlinsbach an der Grenze zum Kanton Solothurn breiteten sich die Populationen im Laufe der Jahre derart stark aus, dass der Bestand seit 2009 jährlich mit Abschüssen verkleinert wird.

2014 wurden im Aargau 46 Gämsen erlegt

Auf Aargauer Kantonsgebiet beträgt die Zahl der Gämsen derzeit rund 400 Tiere. Maximal ein Fünftel kann jährlich geschossen werden. Damit die Durchmischung der Population mit Tieren jeden Alters bestehen bliebt, geraten bei einem Überbestand in einem Hegegebiet auch ein- oder zweijährige Jungtiere vor die Büchse der Jäger. 2014 wurden 53 Tiere zur Jagd freigegeben, 46 wurden geschossen.

«Die Jura-Gämsen fühlen sich in den steilen Gebieten des Aargauer Juras wohl», sagt Thomas Stucki, der Chef der Sektion Jagd und Fischerei des aargauischenn Bau-, Verkehrs- und Umweltdepartements. Die Jura-Gämsen würden deshalb von der Bevölkerung nicht wahrgenommen, weil sie sehr scheu sind und sich kaum zeigen.

Selbst südlich der A1 wurden auf Aargauer Kantonsgebiet schon einzelne Gämsen beobachtet. Diese Tatsache unterstreiche die Bedeutung des Aargaus als Vernetzungsgebiet der Gams-Populationen zwischen den Alpen und dem Jura/Schwarzwald, heisst es im kantonalen Massnahmenplan Gämse. Südlich der A1 sind allerdings nur Einzeltiere unterwegs. Diese werden nicht bejagt.

Die schwimmende Gämse vom Hallwilersee

Anfangs der 1970-er Jahre versuchte eine dieser Gämsen, die es nach Süden gewagt hatte, sogar den Hallwilersee schwimmend zu durchqueren. Beat Bossert, damals Jugendlicher und heute Chef des Forstbetriebes der Region Muri, war Augenzeuge dieses Vorfalls.

Er sei bei windigem Wetter vor Meisterschwanden mit einem Segelboot auf dem Hallwilersee unterwegs gewesen, erinnert er sich heute. Er sei dann zurück ans Ufer gesegelt, wo er ein Motorboot holte und das Tier retten wollte. Dieses sei dann aber schon tot auf dem See geschwommen. Er habe die Gämse ans Ufer gezogen und dafür vom örtlichen Jagdaufseher eine Zehnernote erhalten. Laut der Ohrmarke stammte das Tier von der Kolonie auf dem Geissberg bei Villigen.

Dialog zwischen Jägern und Kanton

Samstagmorgen in der «Sonne» in Ittenthal im aargauischen Fricktal. Erwin Osterwalder und Hans Döbeli von der Sektion Jagd und Fischerei treffen sich mit rund einem Dutzend Verantwortlichen der verschiedenen Gämsen-Hegegebiete zum jährlichen Treffen vor der am 1. August beginnenden Jagdsaison.

Die Gamsjäger aus den verschiedenen Gegenden bringen ihre letztjährigen Trophäen mit. Dazu wird über den Zeitpunkt der jährlichen Gamszählung, die Beschriftung der Trophäen oder die Altersbestimmung der Tiere diskutiert.

Altersbestimmung nicht einfach

Vor allem letzteres ist aus der Ferne nicht einfach, wenn es gilt, den Bestand gezielt nach dem Alter der Tiere zu verringern. Hinweise gibt das Gehörn der Tiere. In den ersten vier Lebensjahren sind die Jahrringe ausgeprägt, später hinterlassen die weiteren Lebensjahre nur noch kleine Ringe am Ansatz der Krucken, den Hörnern der Gämsen. Die Jahrringe sieht man aber aus der Ferne am lebenden Tier nicht. Erkennbar sind Habitus, Fellzeichnung oder soziale Stellung.

Leichter ist es für Jäger, das Alter von erlegten Tiere zu bestimmen. In solchen Fällen kann nämlich auch noch das Gebiss zur Altersbestimmung herangezogen werden. Gämsen wechseln in ziemlich vorhersagbarer Abfolge ihre Schneidezähne. Einfacher aus der Ferne ist die Geschlechtsbestimmung. Die Krucken der Böcke zeigen steiler nach unten auf den Hals der Tiere, als diejenigen der Geissen.

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