3.05.2016 09:40
Quelle: schweizerbauer.ch - Robert Alder
Fischerei
Berufsfischer kämpfen ums Überleben
In den 1970er-Jahren machten überdüngte Seen Schlagzeilen. Heute ist das Gegenteil der Fall: In einigen Seen fehlt der Nährstoff Phosphor. Jetzt schlagen die Fischer Alarm, denn die Fische kämpfen mit dem Hunger.

Sinkt der Phosphatgehalt eines Sees unter 10 mg/m3 Seewasser, brechen die Fangerträge exponentiell rasch ein. Dies hat der anerkannte Fischexperte Rudolf Müller vom ETH-Wasserforschungs-Institut  Eawag in Dübendorf in einer Untersuchung festgestellt.

Folge des strikten Reinhalteprogramms

Dies sei die Folge des strikten Reinhalteprogramms, das Ende der 1970er-Jahre zur Sanierung der damals mit Phosphaten überdüngten Seen aufgezwungen wurde. Die Abwasserreinigungsanlagen fällen heute fast 100 Prozent des Phosphors aus, notabene mit nicht unproblematischen Chemikalien. «Der lebenswichtige Nährstoff Phosphor, der natürlich in jedem Gewässer vorhanden ist, fehlt heute in vielen Schweizer Seen beinahe gänzlich, stellt Reto Leuch, Präsident des Schweizerischen Berufsfischerverbands, fest.

Nun müsse Gegensteuer gegeben werden. Die Berufsfischer stellen ihre Strategie SGE Sauberes Wasser – Genug Nahrung für Fische – Erhaltung der Berufsfischerei vor. Zentral ist ein 10-Punkte-Plan, der zum Ziel hat, ein see- und fischfreundliches P-Management zu entwickeln.

Erträge eingebrochen

Hält dieser Zustand an, kommen Berufsfischer vor allem am Bodensee, am Vierwaldstätter- und am Brienzersee in existenzielle Nöte und werden aufgeben. «Es wäre doch skurril, wenn im Wasserschloss Schweiz keine Fische aus einheimischem Wildfang mehr auf den Teller kämen», betont Reto Leuch, selber Berufsfischer und Obstbauer in Landschlacht am Bodensee. «Noch vor zehn Jahren betrug der Fischertrag im Bodensee um die 1000 Tonnen. Jetzt sind es noch 200», gibt er zu bedenken.

Es gebe noch Gewässer wie der Zugersee, bei denen der Phosphorgehalt zu hoch sei. Aber ein Zielwert wurde nie definiert. «10  mg/m3, das war noch vor wenigen Jahrzehnten gar nicht vorstellbar», so Leuch. Dabei sei Phosphor nichts Schlechtes, auch für den Mensch lebensnotwendig. Der erlaubte Grenzwert liege tausendmal höher.

Umweltverbände würden nicht müde zu betonen, wie wichtig sauberes Trinkwasser sei. «Dabei gibt es Wasserversorgungen, die dem Trinkwasser Phosphor beimischen, damit die Leitungen nicht so schnell rosten.» Die fast restlose Phosphatausfällung  kostet den Steuerzahler viel Geld. Zudem importieren wir Fisch aus zweifelhafter Haltung. «Das müsste nicht sein», sagt Leuch.

Strategiepapier und 10-Punkte-Plan - Ein Berufsstand wehrt sich

Mit der Strategie «Sauberes Wasser – Genug Nahrung für Fische – Erhaltung der Berufsfischerei» wollen die Berufsfischer ihre Anliegen besser verständlich machen. Der weitere Weg zu einem Gewässerschutz, der auch die Fischerei ernst nimmt, müsse dringlich festgelegt werden. Ergänzend zu einem 10-Punkte-Plan soll umgehend ein Projekt lanciert werden, das aus zwei Teilen besteht:

«Wissensverbesserung»: Dafür wurde eine umfangreiche Liste mit Untersuchungsbedarf zusammengetragen.

«See- und fischfreundliches Phosphor-Management»: Dazu soll sofort ein Pilotversuch (mit Vierwaldstätter-, Boden-, evtl. Brienzersee) gestartet werden mit folgender Randbedingung: Die in den See einleitenden Kläranlagen sollen maximal mit der gesetzlich vorgeschriebenen Phosphor-Elimination von 80% arbeiten, und das gereinigte Abwasser soll ins Oberflächenwasser einfliessen. Höhepunkt des Protests der Fischer war ein parlamentarischer Vorstoss zum Fall Brienzersee, wo die Phosphorausfällung reduziert werden müsste. Der dortige Fischer legt seine Netze heute mehrheitlich im Thunersee aus. Es wurde behauptet, dass der höchst nährstoffarme Walensee eine höhere Fischbiomasse aufweise als der immer noch überdüngte Zugersee. Aber effektiv schwimmen vor den Ufern des Zugersees 7 bis 8 Mal mehr Fische als im Walensee. Viele Gewässerschutz-Akteure befürchten, dass die Anliegen der Berufsfischer zu einer politischen Aufweichung des seit 1971 geltenden Gewässerschutzes führen könnten. ral

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