17.05.2019 20:10
Quelle: schweizerbauer.ch - Robert Alder
Reh
Die Rehkitzretter
Die Regionalplanungsgruppe, die Jäger und die Landwirte spannen zusammen. Mit Drohnen spüren sie Rehkitze in Heuwiesen auf, um sie vor dem Tod durch die Mähmaschinen zu bewahren. Ein Augenschein vor Ort.

Auch Jäger müssen früh aus den Federn. Schon kurz nach Sonnenaufgang hält Peter Wyss mit seinem Lieferwagen am Rand einer Wiese oberhalb von Nennigkofen im Bucheggberg. Mit seiner Assistentin holt er die Utensilien aus dem Fahrzeug; Ein Stativ, zwei Monitore, ein Steuergerät, zwei Harassen und das Wichtigste, eine mit einer Wärmebildkamera bestückten Drohne.

Kühlen Morgen nutzen

Am diesem Morgen ist er nicht allein. Die Regionalplanungsgruppe Grenchen-Büren will zeigen, wie ihr Rehkitzprojekt, das sie vor drei Jahren zusammen mit der Jägerschaft und den Landwirten gestartet hat, funktioniert. Präsident Bruno Meyer erklärt den interessierten Medienvertretern, dass es das Ziel sei, die in den letzten drei Jahren gemachten Erfahrungen weiterzugeben.

Ein Suchflug über einer zu mähenden Wiese dauert rund fünf Minuten pro Hektare. In der Zwischenzeit hat Peter Wyss seine Utensilien aufgestellt, das Steuergerät umgehängt, das Tablet mit den im Voraus mithilfe der Gelan-Daten eingemessenen Parzelle vor sich. Sobald die GPS-Verbindung steht, beginnen sich die vier Propeller der Drohne zu drehen. Sie hebt ab und fliegt in die eine Ecke. «Wir fliegen auf 40 Metern Höhe mit 20 km/h. Wir müssen die kühlen Morgenstunden nutzen. Je wärmer es wird, umso kleiner sind die Temperaturunterschiede, und umso schwieriger wird es, ein Rehkitz in einer Wiese auch wirklich zu finden. Aber heute bei nur fünf Grad geht das problemlos.»

Eine App entwickelt

«Damit wir diese Stunden nicht mit Herumfahren verbrauchen, ist es wichtig, dass das Absuchen der gemeldeten Flächen koordiniert werden kann. Die Landwirte können auf einer eigens entwickelten App die Parzellen und den Schnitttag melden. So können die bis sieben Drohnenpiloten ihre Einsätze effizient und selbstständig planen», erläutert Meyer.

Nun gibt es Leben. Ein roter Punkt auf beiden Monitoren zeigt: Hier ist etwas. Drei Helfer mit Handschuhen schnappen sich eine mit Gras ausgelegte Harasse und machen sich auf den Weg. Kurz darauf kommen sie wieder zurück. Wyss schmunzelt: «Ich habe eine Flasche mit kochendem Wasser ausgelegt, damit man auch sieht, wie das geht.» Denn man wisse im Voraus ja nicht, ob ein Rehkitz in der Wiese liegt. «Wichtig ist, dass der Landwirt kurz nach dem Absuchen auch mäht. Denn eine Rehgeiss bringt ihr Kitz innert kurzer Zeit wieder zurück an den Liegeplatz», gibt Jagdleiter Reto Kummer zu verstehen.

Dienst für Bauern und Landwirtschaft

Der Erfolg gibt ihm Recht. Letztes Jahr seien drei Rehkitze entdeckt worden, die sonst fast sicher dem Tod geweiht gewesen wären. Zurzeit stehen sieben Drohnenpiloten zur Verfügung. Doch nicht jeder stehe an jedem Tag zur Verfügung, da dies neben einer beruflichen Tätigkeit ausgeübt werde. So auch Peter Wyss, der zugleich auch Jäger ist. «Ich bin relativ flexibel», sagt er.

Er hat ein Treuhandbüro im Berner Seeland, das auch funktioniert, wenn er am Morgen einmal eine Stunde später kommt. Weshalb er das mache? «Mich fasziniert die Technik. Und wenn ich mit meiner Passion damit einen Dienst für die Landwirtschaft und für die Tiere machen kann, ist das für mich eine grosse Befriedigung.»

Jeden Verlust vermeiden

Viel Geld verdient er dabei nicht. «Wir können von der Repla-Gruppe eine bescheidene Entschädigung von 30 Franken pro Stunde bezahlen», gibt Meyer zu verstehen. Landwirt Andreas Baumberger, dem diese Wiese gehört, möchte diese Dienstleistung nicht mehr missen. «Diese kostet uns Bauern nichts. Aber ich gehöre zu denen, die freiwillig auch etwas dafür bezahlen würden. Einen pauschalen Jahresbeitrag zum Beispiel. Denn jeder Tierverlust ist einer zu viel. Auch ein Rehkitz.» Letztes Jahr habe er ein Rind verloren, das ein Stück einer weggeworfenen Aludose verschluckt habe. «Durch mit Kadaver verunreinigtes Futter kann eine Vergiftung auslösen. Da ist ein Kostenbeitrag verhältnismässig und vertretbar.»

Nach acht Minuten landet die Drohne wieder. «Alles gut, du kannst mähen», sagt Wyss zu Bauer Baumberger. Ja, heuer werde diese Dienstleistung auch im Wasseramt und im Leberberg angeboten. Aber eigentlich sollte dies im ganzen Kanton abgerufen werden können, erhofft sich Bruno Meyer.

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