27.11.2013 10:35
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Forschung
Fliegen reden hochstehender als Deutschschweizer
Die Fruchtfliege, die im Sommer ums Obst schwirrt, ist zwar lästig, aber alles andere als simpel: Die «Sprache» ihres Paarungstanzes ist mindestens so komplex wie die komplexeste menschliche Sprache.

 Laut den Forschern um den Mathematiker und  Physiker Ruedi Stoop aus Zürich sind das Niederländisch und  Schweizerdeutsch. «Nicht wenige Menschen argumentieren, dass es die Sprache des  Menschen ist, die diesen über das Tier erhebt», sagte Stoop, der am  Institut für Neuroinformatik der ETH und Uni Zürich lehrt, auf  Anfrage der Nachrichtenagentur sda. Denn mit Hilfe der Grammatik  liessen sich die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Objekten  der Welt beschreiben, verstehen und nutzbar machen. 

Dieses Argument würde sich aber in Luft auflösen, wenn die  Fliegen gleich komplexe Kommunikationsmuster einsetzen, schreiben  die Forscher im Fachblatt «PLOS ONE». Um das zu überprüfen, filmten  sie die Paarungstänze von Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster) -  einem beliebten Forschungsobjekt der Genetiker - mit  Hochgeschwindigkeitskameras.

Darin identifizierten die Forscher 37 verschiedene  Verhaltenselemente, die beliebig kombiniert werden können, und  analysierten deren Abfolgen. Für die Einteilung benützten sie die  sogenannte Chomsky/Schützenberger-Klassifikation. Damit lassen sich  natürliche und Computersprachen hierarchisch nach ihrer Stärke  einordnen, komplexe Zusammenhänge ausdrücken zu können. 

Schweizerdeutsche Sprachakrobatik 

Niederländisch und Schweizerdeutsch rangieren in dieser  Einteilung unter den besonders komplexen, sogenannt  kontextabhängigen Sprachen. Im Schweizerdeutschen gebe es bestimmte  Satzkonstruktionen, die im Hochdeutschen nicht vorkommen und die  sich direkt auf andere Satzteile beziehen, erklärte Stoop.

So ein Satz könnte beispielsweise lauten: «Jan säit das mer  d'Chind em Hans es Huus händ wele laa hälfe aastriiche.» Er  erscheint zwar umständlich, aber grammatikalisch korrekt. Besonders  reich an solchen Konstruktionen sei der berndeutsche Dialekt, wie  amerikanische Forscher herausgefunden hätten, sagte Stoop.

Aber die Fliegentänze, so das Fazit von Stoop und seinen  Kollegen, übertreffen in ihrer Komplexität sogar das  Schweizerdeutsch. Somit könne die Grammatik nicht der Ursprung der  menschlichen «Überlegenheit» sein - da schon die Drosophila über  eine mindestens gleich starke (Körper-)Sprache verfüge, sagte  Stoop.

Es isch emal en Maa gsi...

Bleibt die Frage, worin sich Mensch und Tier dann unterscheiden.  Stoop hat eine Theorie: Aus den Elementen der Fliegentänze lassen  sich ebensolche Endlosschleifen bilden wie in dem altbekannten  Sprüchlein vom Mann mit dem hohlen Zahn, in dem es ein Chäschtli  hat mit einem Zettel drin, auf dem steht: «Es isch emal en Maa  gsi...»

Der Unterschied ist laut Stoop die Fähigkeit des Menschen, diese  Schleife als solche zu erkennen. Dies zeige sich besonders darin,  wie sich Kinder davon begeistern lassen. «Es ist schwer, sich ein  Tier vorzustellen, das so eine Konstruktion ebenso faszinierend  findet wie wir Menschen», schreiben die Autoren.

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