28.03.2014 10:01
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Insekten
Milder Frühling: Blattläuse und Co. freuts
Auf einen milden Winter folgt eine Insektenplage im Sommer. Dies ist eine derzeit viel gehörte Regel. Doch die Gleichungen der Natur sind ungleich komplizierter, wie der Insektenforscher Giselher Grabenweger im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda sagt.

Wegen des milden Winters hätten Insekten im laufenden Jahr zwar «einen guten und frühen Start» gehabt. Das gelte sowohl für Nützlinge als auch für Schädlinge. Manchmal aber schade ein milder Winter Schädlingen mehr als ein harter, «weil ihre Feinde noch besser durch den Winter kommen», sagt der Entomologe, der an der biologischen Schädlingskontrolle bei der Forschungsanstalt Agroscope des Bundesamtes für Landwirtschaft arbeitet.

Räuberische Insekten wie Marienkäfer, Parasiten wie Schlupfwespen dezimieren Schädlingspopulationen. Auch Krankheitserreger - beispielsweise Pilze, Bakterien und Viren - oder Fadenwürmer befallen Insekten.

Abhängig vom Wetter

Ein grosse Rolle spielt laut Grabenweger auch das Frühlingswetter. Anhaltender Frost oder nasses und kaltes Wetter nach dem Winter schadet Tieren wie Pflanzen.

«Es kommt ganz darauf an, in welchem Entwicklungsstadium sich ein Organismus befindet, wenn es lange kalt oder nass ist. Im 'zarten Alter' ist der Schaden meist grösser als später. Aber auch in Stadien, die der Fortpflanzung dienen, sind Organismen meist empfindlicher gegenüber Frostereignissen», sagt Grabenweger. Als Beispiel dafür nennt er blühende Pflanzen oder den Zeitpunkt, wenn gewisse Insekten ausschwärmen.

Auf harte Winter eingestellt

Einheimische Insekten sind für harte Winter gewappnet. So sind die Eier der Blattläuse winterhart. Im Frühjahr schlüpfen die jungen Blattläuse und beginnen, die Pflanzen zu besiedeln. In diesem Jahr täten Bauern und Gartenliebhaber besonders gut daran, frühzeitig nach Blattläusen Ausschau zu halten. Denn den vergangenen Winter haben vermutlich auch erwachsene Blattläuse überstanden.

Überwinterten adulte Blattläuse, beginne ein Befall früher. Bei günstiger Witterung könne dieser geradezu explosionsartig sein. Zudem könne es wegen des frühen Starts mehr Generationen geben als in anderen Jahren.

Virengefahr

Zusätzlich können erwachsene Blattläuse ein Virus in sich tragen, der Getreide verzwergen lasse. Je früher das Gelbverzwergungsvirus eine Kultur befalle, desto grösser sei der Ernteausfall, sagt Grabenweger. Nach einem harten Winter ist das Risiko einer Verzwergung geringer, denn erwachsene Blattläuse aus dem Vorjahr sterben ab, und frisch aus Eiern geschlüpfte Blattläuse sind virenfrei.

Rapspflanzer wiederum müssen nach dem Rapsglanzkäfer fahnden. «Tritt der Rapsglanzkäfer früh in Massen auf, schädigt er die Knospen, während sich der Blütenstand noch entwickelt. Die Blüten fallen ab, und die Pflanze entwickelt weniger Schoten. Steht der Raps zur Hauptflugzeit der Käfer dagegen bereits in voller Blüte, können diese nicht mehr so viel Schaden anrichten.»

Zecken beissen früh

Auch Zecken dürften früher als sonst aktiv geworden sein. «Waldspaziergänger oder Jogger müssen sich darauf einstellen», sagt Grabenweger. Eine Zecke kann mit einem Biss Viren, wie das FSME-Virus, und Parasiten übertragen.

Pro Jahr erkranken rund hundert Personen an Zeckenenzephalitis, der durch das FSME-Virus übertragenen Gehirnentzündung. Doch vergangenes Jahr erkrankten gemäss dem Bundesamt für Gesundheit 205 Menschen daran.

Moskitos mögens feucht

Der milde Winter und der im Schnitt bislang eher milde Frühling kommt auch jenen Insekten entgegen, die gutes Flugwetter benötigen, um zu gedeihen. Dazu gehören Bienen, Wespen und Schmetterlinge.

Weniger optimal war das Wetter bislang für die Stechmücken, die es feucht und warm mögen. Trotz des jüngsten Schmuddelwetters fehlen wegen der insgesamt zu trockenen Witterung genügend Pfützen, die sie für ihre Vermehrung benötigen.

Und die Zuwanderer?

Wegen der Klimaerwärmung warnen viele, die Schweiz werde von fremden Insekten überfallen. So machen seit Jahren angebliche Sichtungen der asiatischen Tigermücke auf der Nordseite des Gotthards Schlagzeilen. Vergangenes Jahr wurden dann tatsächlich erstmals Tigermücken-Eier in der Deutschschweiz nachgewiesen.

Grabenweger relativiert: Es stimme, dass Insekten, die in Spanien oder Italien etabliert seien, sich bei einer Erwärmung im Norden ansiedeln könnten. Aber die Tigermücke, die aus dem tropischen Südostasien stammt, gehöre nicht dazu. «Auch milde Winter sind für sie noch zu kalt.»

Anders sieht es beim mit Verpackungsmaterial eingeschleppten asiatischen Laubholzbockkäfer aus. Dieser fühlt sich in unseren Breiten wohl. Die Behörden setzen bei einem Befall deswegen alles daran, um ihn auszumerzen, bevor er grossen Schaden anrichtet unter einheimischen Bäumen.

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