15.04.2020 16:28
Quelle: schweizerbauer.ch - khe/blu
Graubünden
«Nehme Sorgen der Bauern ernst»
Die Mutterkuhhalter aus Obersaxen GR sind beunruhigt. Wegen des Wolfsrudels befürchten sie weitere Angriffe auf ihre Tiere. In einem offenen Brief baten sie Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga um Hilfe. Die Umweltministerin sichert den Bauern Unterstützung zu.

Die Wölfe beschäftigen die Bauern. Seit Jahren streifen im Kanton Graubünden mehrere Rudel umher. Vor einigen Monaten wurden in der Gemeinde Obersaxen das vierte entdeckt. 

Mutterkuhherden ausser Kontrolle

Ein Jäger beobachtete ein Paar mit drei Jungtieren. Insgesamt zählt die Schweiz rund 60 bis 70 Wölfe. Die Rudel leben in den Kantonen Graubünden (Surselva, Obersaxen, Beverin), Wallis (Val d’Anniviers, Val d’Entremont, Chablais) und Waadt (Col du Marchairuz). Hinzu kommen Einzeltiere etwa im Berner Oberland und in der Zentralschweiz.

Immer wieder verzeichnen Alphirten Dutzende Schafrisse. Vermehrt melden sich auch Mutterkuhhalter zu Wort. Sie erzählen von Angriffen auf ihre Herden und verstörten Tieren. Zwar sei es im Einzugsgebiet des Wolfsrudels Obersaxen noch zu keinen Rissen von Kälbern gekommen, doch geraten Mutterkuhherden nach Angriffen völlig ausser Kontrolle.

Wölfe aus Wildbahn nehmen

Seit der Wolf Anselm Casanovas Mutterkuhherde durchkreuzte, könne er seine Tiere nicht mehr mit dem Hund zusammentreiben, sagt er. Kaum nähere sich sein Border Collie den Kühen, reagieren diese nervös, werden aggressiv oder greifen an, sagte er Anfang März zu «Schweizer Bauer». Roman Janka und andere Landwirte aus der Region erzählen Ähnliches.

Bauern aus der Region Obersaxen forderten Anfang März, dass das Wolfsrudel unverzüglich aus der Wildbahn entnommen wird. In einem offenen Brief baten die Mutterkuhhalter im Einzugsgebiet des Wolfsrudels Obersaxen Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga um Hilfe. Sommaruga steht dem Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) vor, dem auch das Bundesamt für Umwelt (Bafu) angegliedert ist.

«Wölfe haben Scheu verloren»

Der Bund solle reagieren. Das Wolfsrudel in Obersaxen hätte jegliche Scheu vor den Siedlungen verloren und streunen regelmässig in den Dörfern herum. Greife ein Wolfrudel an, gerate eine handzahme Mutterkuhherde derart in Rage, dass sie einer Lawine gleich alles niedertrample, was sich ihr in den Weg stelle.

Die Bauern fühlen sich vom Bund und Kanton im Stich gelassen. Trotz zahlreicher Schafrisse, die Zahl gehe weit über hundert, seien kaum Wölfe eliminiert worden. Werden die gerissenen Tiere erst spät gefunden, sei die DNA des Wolfes kaum mehr zuweisbar. So werde die Anzahl gerissener Tiere, die es für einen Wolfsabschuss benötige, kaum erreicht. 

«Nehme Sorgen der Mutterkuhhalter sehr ernst»

Mehrere Wochen später hat Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga den Bauern in einem Schreiben geantwortet. Sie nehme die Sorgen der Landwirte sehr ernst. Sie hat das Schreiben der Landwirte an das Bundesamt für Umwelt (Bafu) weitergeleitet. «Das Bafu hat sich bei der Beratungsstelle für die Landwirtschaft (BUL) über die bestehenden Instrumente zur Lösung solcher Probleme erkundigt. Die Arbeitsgruppe «Rindvieh und Grossraubtiere» nimmt sich gezielt der Bündner Probleme an», verspricht die Bundespräsidentin.

Das Bafu werde mit der BUL und dem Plantahof weitere Möglichkeiten der Unterstützung der Mutterkuhhalter diskutieren, so Sommaruga weiter.

Das Schreiben der Bundespräsidentin in voller Länge

Mutterkuhhaltung im Einzugsgebiet des Wolfsrudels Obersaxen

Sehr geehrter Herr Caduff

Vielen Dank für Ihr Schreiben und die eindrückliche Schilderung. Ich nehme lhre Sorgen sehr ernst und habe Ihr Schreiben dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) weitergeleitet. Das BAFU hat sich bei der Beratungsstelle für die Landwirtschaft (BUL) über die bestehenden Instrumente zur Lösung solcher Probleme erkundigt. Die Arbeitsgruppe «Rindvieh und Grossraubtiere» nimmt sich gezielt der Bündner Probleme an. Der Plantahof koordiniert diese Arbeitsgruppe und bietet den betroffenen Landwirten entsprechende Unterstützung an. Das BAFU wird mit der BUL und dem Plantahof weitere Möglichkeiten der Unterstützung der Mutterkuhhalter diskutieren.

Zudem haben Bundesrat und Parlament das Jagdgesetz gerade revidiert. Die Bevölkerung sollte eigentlich am 17. Mai 20220 über die Vorlage abstimmen. Aufgrund der ausserordentlichen Lage im Zusammenhang mit dem neuen Coronavirus hat der Bundesrat die Volksabstimmung aber auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Mit der Revision des Jagdgesetzes hat das Parlament die Regeln im Umgang mit dem Wolf angepasst. Ziel der Vorlage ist es, dass die Wölfe die Scheu vor Menschen, Siedlungen und Nutztieren behalten. Damit sollen Konflikte vermieden werden.

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