5.08.2015 11:22
Quelle: schweizerbauer.ch - Anja Tschannen, Daniel Salzmann
Pferde
«Ökoheu-Verfütterung an Pferde ist sinnvoll»
Heu, das an Pferde verfüttert wird, sei nie eine Verschwendung. Als Foodwaste könne man nur das Entsorgen des Heimtier-Pferdefleischs betrachten. Das betont Ruedi von Niederhäusern vom Nationalgestüt.

Das Fleisch von Pferden, die als Heimtiere registriert sind, darf nicht gegessen werden. Diese Pferde landen in der Kadaversammelstelle oder in einem Tierkrematorium. Aus diesen Überlegungen heraus wurde vor zwei Wochen im «Schweizer Bauer»  das Verfüttern von Heu und Kraftfutter an Heimtierpferde als Verschwendung und Foodwaste bezeichnet. Dem sei zumindest teilweise nicht so, erklärt Ruedi von Niederhäusern, Leiter Gruppe Pferdezucht und -haltung des Schweizer Nationalgestüts. «Die rund 100'000 Tonnen Heu, die an die Heimtierpferde verfüttert werden, sind keine Verschwendung», betont er.

«Sinnvolle Nutzung»

Das Verfüttern von Ökoheu an Pferde, seien diese als Nutz- oder als Heimtiere deklariert, ist laut von Niederhäusern eine sinnvolle Nutzung des Heus. «Ich kenne Landwirte, die am 15. Juni den Schlegel anhängen und ihr Heu runterschlegeln, weil sie nicht wissen, was sie damit machen sollen», sagt der Pferdeexperte. In der Tat gilt Heu mit seinem hohen Rohfasergehalt als optimales Pferdefutter. Es bildet die ideale Grundlage für eine langsame Futteraufnahme, eine intensive Kautätigkeit und genügend Speichelbildung.

Dies sind alles Punkte, die für eine artgerechte Pferdefütterung elementar sind. Vorausgesetzt natürlich, die Qualität stimmt, und es liegt kein Schimmelbefall vor. «Das Pferd ist sehr sensibel gegenüber verdorbenen und kontaminierten Futtermitteln», heisst es im Merkblatt «Gute Raufutterqualität für Pferde» von Agroscope Liebefeld-Posieux. Neben dem Pferd würden wohl nur noch Robustnutztierrassen für den Verzehr des Ökoheus infrage kommen.

700 Millionen Umsatz

Von Niederhäusern betont, dass Heimtierpferde nicht nur als sinnvolle Ökoheuverwerter eine «absolute» Berechtigung in der Landwirtschaft haben. «Die Landwirtschaft macht pro Jahr rund 600 bis 700 Millionen Franken Umsatz mit der Pferdebranche», erklärt er, sei es durch den Verkauf von Zuchtprodukten, sprich Fohlen oder Zuchttieren, den Futterverkauf oder das Betreiben eines Pensionsbetriebes. Gerade der Pensionsbereich sei ein sehr zentrales Element. Von Niederhäusern: «Rund 75 Prozent aller Equiden werden in der Landwirtschaft gehalten.»

Denn das Betreiben eines Pensionsstalls gilt als landwirtschaftsnahe Tätigkeit. Gerade für kleinere und mittlere Betriebe sei dies eine Möglichkeit zu überleben. Eine Studie habe gezeigt, dass der Stundenlohn in der Pensionspferdehaltung deutlich höher liege als bei vielen anderen landwirtschaftlichen Tätigkeiten, so von Niederhäusern. Einziger Kritikpunkt in der Heimtier-Pferdehaltung sei tatsächlich die Entsorgung des Rohstoffs Fleisch am Schluss eines Pferdelebens, kritisiert von Niederhäusern. «Das kann man dann als Foodwaste bezeichnen.»

Besitzer entscheidet

Grundsätzlich obliegt die Entscheidung, ob aus einem Pferd ein Heimtier wird oder nicht, alleine beim Besitzer. Dieser Entscheid muss beim Kauf gefällt werden. «Dass sich in diesem hoch emotionalen Moment viele, vor allem weibliche Besitzerinnen  eine Schlachtung ihres Lieblings schlicht nicht vorstellen können, ist nachvollziehbar», sagt Ruedi von Niederhäusern.

Viele sind sich der finanziellen Konsequenzen dieses Entscheids nicht bewusst. Kosten die Euthanasierung sowie die Entsorgung am Ende eines Pferdelebens doch zwischen 1500 und 2000 Franken, generiert das Nutztier Pferd beim Metzger noch ein paar Hundert Franken Ertrag.

Nachfrage wäre da

Das Schlachten von Tieren zum Konsum macht nur Sinn, wenn auch eine Nachfrage besteht. Im Gegensatz zum angelsächsischen Raum (UK, USA), wo der Verzehr von Pferdefleisch ein absolutes Tabu ist, besteht in der Schweiz ein kleiner Markt. Die Nachfrage nach Pferdefleisch ist aber grösser als das inländische Angebot, somit wird der grösste Teil importiert.

Wie die Schlagzeilen der letzten Monate zeigen, stammen die Importe aus zum Teil nicht über jeden Zweifel erhabenen Quellen (Mexiko, Kanada). «Insgesamt ist es somit nicht wirklich sinnvoll, wenn wir den einheimischen Rohstoff Fleisch (mit Heimtierstatus) ‹wegwerfen›, um anschliessend ein identisches Produkt zu importieren», sagt von Niederhäusern.

«Verhängnisvoller» Klick

Die ersten Kontaktpersonen nach einem Kauf sind oft der Pension gebende Landwirt beziehungsweise der  passausstellende Tierarzt. Diesen zwei Berufsgruppen kommt eine tragende Rolle in der frühzeitigen Kommunikation zu; sie sollten die Besitzerinnen aufklären und informieren. «Somit könnten einige der verhängnisvollen irreversiblen Klicks auf den Heimtier-Button auf Agate verhindert werden», ist von Niederhäusern überzeugt.

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