9.11.2017 12:15
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Wolf
«Ohne Akzeptanz hat Wolf ein kurzes Gastspiel»
Einmal mehr ist im Wolfsrudel-Gebiet am Calanda-Massiv bei Chur praktisch keine Nachjagd Ende Herbst notwendig. Die Wölfe helfen mit, die Hirschpopulation zu regulieren. Eine Herausforderung bleiben Begegnungen zwischen Wolf und Mensch sowie Konflikte mit der Landwirtschaft.

Letzte Woche präsentierte das Amt für Jagd und Fischerei, die Bündner Wildhut, die Auswertung der ordentlichen Hochjagd. Wie schon seit Jahren stechen dabei die zwei Jagdregionen am Calandamassiv im Churer Rheintal heraus: Die Hirschpopulation kann dort weitestgehend mit der Hochjagd im September reguliert werden.

Auf die umstrittene Nachjagd im November und Dezember, die sogenannte Sonderjagd, kann jeweils verzichtet werden. Oder es sind ein paar wenige Abschüsse notwendig, wie dieses Jahr im äusseren Teil des Wolfsgebietes. In Graubünden stellt das Gebiet damit eine Ausnahme dar.

Wolfsrudel kontroliert Hirschpopulation

Der Leiter des Amtes für Jagd und Fischerei, Georg Brosi, führt die günstige Situation auf die Anwesenheit des Wolfsrudels zurück. Seit sich das erste Rudel der Schweiz 2011 am Calanda bildete, ging dort die Zahl der Hirsche um ein Drittel zurück.

In der gleichen Zeit wuchs die Hirschpopulation im ganzen Kanton um 18 Prozent. Bei Rehen und Gämsen ist die Entwicklung vergleichbar, wenn auch nicht ganz so akzentuiert.

Besserer Wildregulator als Jagd

«Das ist der positivste Aspekt des Wolfsrudels, die Unterstützung beim Management von Hirsch, Reh und Gams», erklärt der oberste Bündner Wildhüter. Der Einfluss auf das sogenannte Schalenwild sei in dreifacher Hinsicht positiv.

Das hungrige Rudel dezimiere die gegenwärtig hohen Populationen, bewirke eine gleichmässigere Verteilung des Wildes im Gelände und verbessere mit seinem Jagdverhalten den Gesundheitszustand der Bestände.

Die Wölfe rissen in erster Linie kranke und schwache Tiere. «Das können sie besser als die Jäger», sagt Brosi. Das Rudel sei ein besserer Wildregulator als die Jagd. «Aus ökologischer Sicht ist der Wolf positiv zu werten.»

Wolfsbegegnungen nicht goutiert

Jubeln mag der Wildhut-Chef dennoch nicht. Das Konfliktpotenzial zwischen Grossraubtier und Mensch sei gross. Unerwünschte Wolfsbegegnungen und Konflikte mit der Landwirtschaft seien die zwei negativsten Aspekte der grösseren Wolfspräsenz.

Die Landwirtschaft kämpfe mit Schafsrissen und dem enormen Aufwand für den Herdenschutz. Und Alpbesitzer im Wolfsgebiet hätten Schwierigkeiten, ihre Alpen überhaupt zu bewirtschaften, weil Schafhalter ihre Tiere ungern dorthin brächten.

20 nähere Begegnungen

Für die Bevölkerung seien unangenehme Begegnungen mit Einzelwölfen ein grosses Problem. «Die Leute goutieren das nach wie vor nicht», erzählt der Jagdinspektor. Nebst 300 Sichtungen von Wölfen oder Hinweisen auf deren Präsenz komme es in Graubünden jedes Jahr zu 10 bis 20 näheren Begegnungen.

In Graubünden sorgte zuletzt der Wolf mit der Kennzeichnung M75 für Aufregung. Das männliche Tier scheute nicht davor zurück, über eine halbhohe Türe in einen Stall im Bündner Oberland zu springen. Mehrere problematische Begegnungen habe es auf der anderen Seite des Calanda gegeben, im St. Gallischen Taminatal, weiss Brosi.

Nach solchen Ereignissen gebe es jeweils geharnischte Reaktionen aus der Bevölkerung. Die Akzeptanz des Grossraubtieres in der Bevölkerung schwanke mit der Häufigkeit solcher Begebenheiten.

Problematische Wölfe erlegen können

Was sich der oberste Wildhüter wünscht, ist, «problematische Wölfe» schnell und unbürokratisch erlegen zu können. Es gehe dabei um einige wenige Einzeltiere, die ein konfliktträchtiges Verhalten zeigten, betont er. Das Ziel seien scheue Wolfsrudel.

Man müsse sich bewusst sein, dass die Akzeptanz des Wolfes durch die Bevölkerung vom Umgang der Behörden mit dem Tier abhinge, erklärt Brosi. Es beruhige die Menschen, wenn auf schwierige Wölfe entsprechend und schnell reagiert werden könne. Zur Zeit könne das die Wildhut aber nicht, und sie habe zu wenig Spielraum.

Im Endeffekt kämen einzelne Abschüsse solcher Wölfe dem Wolfsbestand zugute. «Der Wolf braucht die Akzeptanz in der Bevölkerung», gibt der Wildhut-Chef zu bedenken. «Sonst wird sein Gastspiel ein kurzes sein.»

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