11.09.2020 07:02
Quelle: schweizerbauer.ch - Ann Schärer, lid
Vögel
Raubvögel verhindern Ernteeinbussen
Wenn Landwirte aus der Region Basel-Land sich bei Krähenfrass auf ihren Maisfeldern an den Kanton wenden, ist die Chance gross, dass schon bald Benjamin Gregor-Smith mit seiner Raubvogel-Armada für Ruhe sorgt.

Nur den Bruchteil einer Sekunde ist Simone Cilluffo nicht voll konzentriert, schon nützt Scirocco dies voll aus. Von hinten fliegt er im Sturzflug an das rote Tuch in Cilluffos Hand heran und packt es.

«Beute beizen»

Der Saker-Falke erinnert bei seinem wagemutigen Angriff an einen Torero in der Manege. Stolz behält der Vogel seine Beute in den scharfen Krallen. Als Belohnung gibt es einen Happen Taubenfleisch. «Das war zwar nicht so gedacht, aber er hat dieses Spiel klar gewonnen», erklärt der italienische Falkner lachend.

Sciroccos Auftrag war klar: er soll sich diese «Beute beizen», also erlegen – und das hat er unter Beweis seiner Intelligenz im Handumdrehen erledigt. Cilluffo stiess erst vor Kurzem zu Benjamin Gregor-Smiths Raubvogel-Projekt hinzu. Neun Raubvögel hat Gregor-Smith mittlerweile in seiner Obhut – sieben davon im Elsass, zwei in der Region Basel.

Hohe Ernteeinbussen

Doch ist Benjamin Gregor-Smith nicht einfach ein Vogelhalter, vielmehr steht er mit seinen Vögeln regelmässig als Falkner im Einsatz. Seine Hauptaufgabe besteht dabei vor allem darin, die Landwirte dabei zu unterstützen, dass Krähen ihnen nach der Mais-Aussaat nicht die Felder leerfressen. Je nach Parzelle kann es durch Krähenfrass zu Ernteeinbussen von 80 bis 100% kommen.

Im März, April und Juni dieses Jahres stand Benjamin Gregor-Smith mit seinen Raubvögeln täglich 10 bis 12 Stunden im Einsatz, um mehrere Mais-Parzellen im Kanton Basel-Land mit einer Gesamtfläche von 26 Hektaren vor Krähenfrass zu schützen. Betroffene Landwirte können sich dort an den Kanton wenden, der den Einsatz finanziell unterstützt und ihnen den Falkner vermittelt. Dieser vergrämt dann während der Saatsaison mehrmals täglich auf den einzelnen Parzellen unter Einsatz verschiedener Raubvogelarten die Krähen. Und das sehr erfolgreich. «Ich konnte dieses Jahr die Felder, die mir zugeteilt worden waren zu 95% vor Krähenfrass bewahren», sagt der Falkner.

Einsätze in Rebbergen geplant

Doch ist die Methode sehr aufwändig und die Belastung während dieser Zeit hoch für den Engländer. Denn Benjamin Gregor-Smith ist mit einem Vollzeit-Pensum als Cellist beim Basler Symphonieorchester im Einsatz. Deshalb hat der 33-jährige Musiker beschlossen, gemeinsam mit Simone Cilluffo eine GmbH zu gründen, die Swiss Falconry, und damit sein Hobby zu einem beruflichen Standbein zu machen.

Die Zusammenarbeit ermöglicht es den beiden, ihre Einsätze im Bereich Landwirtschaft weiter auszubauen. So ist beispielsweise geplant, dass sie ab 2021 mit den Vögeln in den letzten sechs Wochen vor der Traubenlese in den Rebbergen von Baselland und Solothurn zum Einsatz kommen werden. Wiederum geht es um die Vergrämung von Vögeln, welche sich an den süssen Trauben bedienen wollen und so grosse Schäden anrichten können.

Nur wenige aktive Falknereien

Krähen mit Raubvögeln zu vergrämen, klingt einfach. Doch steckt hinter dieser Falknerei, auch Beizjagd genannt, eine wahre Wissenschaft mit einer langen Tradition. In der Schweiz gibt es insgesamt etwa 130 Falknereien, sagt Gregor-Smith, der als Engländer aus der Hochburg der Falknerei kommt.

30 dieser Schweizer Falknereien sind aktiv. Dass es so wenige sind, liegt auch am aufwändigen Einholen unzähliger Bewilligungen. Ben Gregor-Smith kann davon ein Lied singen. In der Schweiz braucht man zur Haltung von Raubvögeln ein FBA, eine fachspezifische berufsunabhängige Ausbildung für die Betreuung von Greifvögeln.

Raubvögel gelten als Waffen

Nebst einem FBA braucht ein Falkner in der Schweiz zudem eine Jagdbewilligung, denn Raubvögel werden als Waffen eingestuft. Am schlagkräftigsten ist diese Waffe, wenn der Vogel über die ideale Jagdkondition verfügt - in der Falkner-Sprache «Yarak» genannt. Der Vogel ist hungrig, hat aber trotzdem genügend Energie, um bei der Jagd voll und ganz fokussiert zu sein. Bei manchen Vögeln liegt dieser Bereich bei gerade mal 20 Gramm. Deshalb werden die Vögel drei Mal täglich gewogen – ebenso ihr Futter.

«Alleine die Uhudame Ella frisst pro Tag Fleisch im Wert 20 Franken», sagt Gregor-Smith schmunzelnd. Und nebst Ella sind da noch die drei Saker-Falken Arti, Vali und Scirocco, der dunkle Wanderfalke Enzo (aufgrund seiner Fluggeschwindigkeit nach Enzo Ferrari benannt), die drei Wüstenbussarde Janis, Iccy und Prinz sowie ein Habichtsweibchen namens Freyja – die beste Jägerin in der Truppe - die gefüttert werden möchten.

Fressen viel Fleisch

Bei neun Raubvögeln wird so Tag für Tag eine ganze Menge Fleisch verputzt – und das kostet Geld. In der Regel wird den Vögeln aufgetautes Fleisch von Tauben, Ratten, Wachteln, Ein-Tages-Küken und Kaninchen verfüttert. Das Schockfrosten des Fleisches hat den Vorteil, dass dabei allfällige Parasiten absterben und die Vögel weniger oft entwurmt werden müssen.

Nachdem alle Vögel zum richtigen Zeitpunkt die richtige Menge Fleisch erhalten haben, geht es raus aufs Feld zum Training. Heute macht das Saker-Falken-Weibchen Vali. Zuerst happert es ein bisschen mit ihrem Fokus, denn kaum in der Luft, schon hat sie in der Nähe einen Schwarm Krähen entdeckt und ihr Jagdtrieb ist geweckt. Da scheint das Federspiel, das Benjamin Gregor-Smith durch die Luft schwingt, plötzlich nicht mehr ganz so interessant.

Regelmässiges Training als Fundament

Doch schon bald fängt sie sich und zeigt letztendlich eine gute Leistung. Stolz breitet sie schützend ihre Flügel über die «geschlagene Beute», das mit Fleisch versehene Federspiel. «Die Vögel zeigen bei den Trainings klar, was sie lieber tun und was weniger. Vali findet das Federspiel mässig spannend», sagt Cilluffo.

Nach Vali kommt - wie bereits eingangs erwähnt - Scirocco, ebenfalls ein Saker-Falke, zum Einsatz. Er hingegen liebt das Spiel mit dem Federspiel. Schnell wie ein Pfeil jagt er durch die Luft und erreicht dabei schon mal Tempo 150. Simone Cilluffo arbeitet besonders gerne mit Scirocco. «Jeder Vogel hat auch ganz klare Vorlieben bezüglich Bezugsperson», sagt er. Und wer ihn bei der Arbeit mit Scirocco beobachtet, sieht schnell, dass da ein starkes unsichtbares Band zwischen den beiden besteht.  

Arbeit bedeutet viel Verantwortung

Dasselbe wird dem aufmerksamen Zuschauer offenbart, wenn Benjamin Gregor-Smith mit der sibirischen Uhu-Dame Ella arbeitet. «Ella kam schon als Baby zu mir und sie durfte bei uns im Haus leben und sich frei bewegen», sagt Gregor-Smith. «Nicht unbedingt zur Freude meiner Frau – denn der Uhu-Babyflaum verteilte sich in allen Zimmern», lacht er.

Es ist Mittag und damit nicht ganz so Ellas Zeit. «Eulen mit orangen Augen wie Ella sie hat, sind dämmerungsaktiv», erklärt Gregor-Smith Ellas Müdigkeit. Noch etwas träge sitzt die drei Kilogramm schwere Vogeldame auf Cilluffos Arm, doch folgt sie dann doch den Rufen ihres Herrchens und fliegt rüber zu ihm. «Sie ist der gefährlichste meiner Vögel, auch wenn sie auf den ersten Blick harmlos wirkt», sagt Gregor-Smith. «Mit Ella zu arbeiten, bedeutet viel Verantwortung, sie kann locker grössere Tiere wie Katzen oder Kaninchen töten», sagt der Falkner mit Blick auf Ella, die ruhig auf seinem Arm sitzt.

Gestaffelte Delegation

So hat jede Raubvogelart ihre Besonderheit. In Kombination gebracht, können diese bei der Vergrämung von Krähen für mehr Nachhaltigkeit sorgen. «Krähen sind sehr intelligente Vögel. Deshalb setze ich zum Beispiel zuerst die Wüstenbussarde ein, dann die Sakerfalken und am Schluss noch den Uhu», sagt Gregor-Smith.

Diese gestaffelte Delegation an unterschiedlichen Vogelarten, die fast schon an eine Symphonie erinnert, hat den grössten Effekt auf Krähen. So, dass sie am Schluss doch noch klein begeben und dem Feld lieber fernbleiben. Denn wer weiss, ob da nicht wieder eine hungrige Uhudame auf sie wartet.  

Mehr Informationen finden Sie hier: - > https://swissfalconry.com/

Wie können Krähen vergrämt werden?

Das Vertreiben von Krähen mit Raubvögeln funktioniert vor allem dann gut, wenn sich dieses Szenario immer wieder wiederholt. Am nachhaltigsten funktioniert diese Methode, wenn nacheinander verschiedene Raubvogelarten zum Einsatz kommen. Denn die Krähen fürchten sich vor den Raubvögeln im Wissen, dass sie ihnen körperlich unterlegen sind. Für immer werden Krähen jedoch kaum von Feldern wegbleiben, da immer wieder neue Schwärme eintreffen. Deshalb müssen die Raubvögel immer wieder zum Einsatz gebracht werden.

Es gibt aber auch noch andere Methoden, um Krähenfrass zumindest zu reduzieren: Am besten funktionieren reflektierende CDs oder glänzende Ballone, die sich im Wind bewegen. Gängig ist auch das Aufhängen von Attrappen von toten Krähen. Doch bringt diese Methode kaum lange etwas, denn Krähen sind intelligente Tiere. Sie merken rasch, dass sich die Attrappe nicht bewegt und für sie keine Gefahr darstellt.

Felder können aber auch von Krähenfrass bewahrt werden, indem der Saatzeitpunkt möglichst optimal gewählt wird. Denn ist die Saat vor dem Auskeimen noch lange auf dem Feld für die Krähen zugänglich, steigt das Risiko, dass sie die Samen noch vor dem Auskeimen fressen können.  

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