29.12.2012 08:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Ammu Kannampilly, AFP
Indien
Traktor statt Bär
Sie wurden als Jungtiere von der Mutter weggeholt, mit heissen Eisenstäben gequält, an einem Seil durch die Strassen gezogen: Nun gehören die misshandelten Tanzbären Indiens der Vergangenheit an.

Wie Tierschützer unlängst bei einer Bärenkonferenz in der Hauptstadt Neu Delhi berichteten, trug ihre jahrelange Kampagnenarbeit Früchte - 40 Jahre nach einem staatlichen Verbot 1972.

Alte Tradition

Die Tradition, Lippenbären zur Volksbelustigung tanzen zu lassen, geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Damals standen Bärendompteure von der Volksgruppe der Kalandar unter königlichem Schutz und traten vor den Reichen und Mächtigen auf.

Nachkommen des Stammes aus Zentralindien hielten die Tradition am Leben, kauften Bärenjungen von Wilderern und bohrten ihnen heisse Eisenstäbe durch die empfindlichen Schnauzen. Nach dem Entfernen von Zähnen und Klauen wurde den Tieren ein Seil durch die Nase gezogen, um sie taumelnd und wankend für einige Rupien zur Schau zu stellen.

Starthilfe in ein neues Leben

«Wir haben viele Jahre gebraucht, doch nun haben alle Stammesmitglieder, die wir beobachten, einen anderen Lebensunterhalt gefunden», sagt Vivek Menon vom Wildlife Trust of India (WTI). «Die Tradition ist möglicherweise noch in den Köpfen, doch wir kennen keine Fälle, in denen sie noch praktiziert wird.» Auch die Welttierschutzgesellschaft WSPA und der indische Wildlife SOS, die Bären Asyl bieten, verkündeten das Ende der Praxis.

«Es war sehr schwierig, die Bärentrainer davon zu überzeugen, ihre Arbeit aufzugeben», sagt Aniruddha Mookerjee vom WSPA. «Die meisten hatten grosse Angst, sie kannten kein anderes Leben.» Erfolgreich war schliesslich die Strategie, den Kalandars Geld und Umschulungen anzubieten.

Auch der 30-jährige Familienvater Mohammed Afsar Khan besass früher einen Tanzbären. Mit Vater und Bruder tourte er mit drei Tieren durch Zentralindien und verdiente umgerechnet täglich knapp 5 Franken damit, bis er den Job vor sechs Jahren aufgab.

Traktor statt Bären

«Es ist ein hartes Leben. Man kann sich nie an einem Ort niederlassen, die Kinder können nicht in die Schule gehen, man fühlt sich in der Falle. Ausserdem hat man immer Angst, dass die Polizei Schmiergeld fordert», berichtet er von der damaligen Zeit.

Schliesslich gab er die Bären in die Obhut des WTI und erhielt im Gegenzug finanzielle Starthilfe für eine neue Karriere sowie Fahrstunden. Er mietete einen Traktor und transportierte Backsteine von Brennöfen zu Baustellen im Bundesstaat Chhattisgarh. Heute gehört ihm der Traktor und Khan verdient rund 8,50 Franken pro Tag.

Die von den Tierschützern geretteten Bären waren oft in einem erbärmlichen Zustand, litten unter infizierten Schnauzen, Zahnwurzelproblemen und sogar Krankheiten wie Tuberkulose, die sie sich bei Menschen geholt hatten. Da sie jahrelang nur mit Linsen, Brot und Milch gefüttert wurden, waren sie mangelernährt, was eine extrem verkürzte Lebenserwartung zur Folge hat.

Art dezimiert

Die Tanzbärenindustrie war nach Angaben Menons auch «eine dominierende Ursache der Verringerung der Lippenbären». In den vergangenen drei Jahrzehnten ging die Population der südasiatischen Art demnach um mindestens 30 Prozent auf 20'000 Exemplare zurück.

Auch Asis Khan besass einen Bären und fand dank WTI einen neuen Beruf. «Ich habe nicht viel verdient, aber hatte Angst davor, es aufzugeben», sagt der 45-Jährige. «Ich wusste nicht, wie ich sonst meine drei Kinder ernähren sollte.» Heute produziert Khan in seiner eigenen Bäckerei täglich 350 Brote.

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