26.03.2019 11:07
Quelle: schweizerbauer.ch - Christian Zufferey
Südtirol
«Von Wölfen regelrecht umzingelt»
Südtirol und die Toskana waren jahrelang die einzigen Provinzen in Italien, die sich gegen den Wolf starkgemacht haben. Jetzt wehren sich auch andere. Arnold Schuler von der Regierung Südtirols erklärt seine Haltung dazu.

«Schweizer Bauer»: Welche Haltung nimmt die Regierung von Südtirol zu Wolf und Bär ein?
Arnold Schuler: Unsere Haltung ist sehr kritisch, weil wir ein Land sind, das noch bis in den letzten Winkel hinauf flächendeckend bewirtschaftet ist. Rund 1300 Almen werden mit 85'000 Stück Vieh bestossen, und die Landschaft wird von den Bauern gepflegt. Das ist auch für uns als Tourismus-Land ein grosser Vorteil.

Wie hat sich die Situation mit Wölfen und Bären in den letzten Jahren verändert?
In den 1970er-Jahren gab es in ganz Italien nur etwa 100 Wölfe. Mittlerweile gehen Schätzungen von über 2000 aus. Das heisst, dass sich die Wolfspopulation in Italien alle sieben bis acht Jahre verdoppelt hat. Waren die Wölfe auf das Gebiet der Apenninen beschränkt, stossen sie jetzt aber zunehmend in die Alpenregionen vor. Damit steigen auch bei uns die Konflikte.

Können Sie das ausführen?
Für Südtirol kommt hinzu, dass wir uns regelrecht umzingelt fühlen. Die meisten Wölfe kommen zwar aus dem Süden. Allein in der Nachbarregion Trient gibt es schon sechs Rudel, eines direkt im Grenzgebiet zu uns. Wir müssen aber auch mit Wölfen aus Graubünden im Westen sowie aus Tirol im Osten und Norden rechnen. Die Bären-Population ist überschaubar. Schäden durch Bären, die in der Nachbarregion Trient mit einem gezielten Programm wieder angesiedelt worden sind, variieren von Jahr zu Jahr stark. Es gibt Jahre, in denen man kaum etwas spürt, und Jahre, da es deutlich mehr Schäden an Haustieren und Bienenstöcken gibt.

Ende Januar gab es ein erstes Treffen mehrerer Provinzen im italienischen Alpenraum. Wie werten sie dieses?
Es hat sich hier tatsächlich etwas verändert. Lange Zeit haben einzig die Toskana, wo es über 700 Wölfe gibt, und Südtirol um eine Regelung gekämpft. Nun scheint es, dass die Probleme und Konflikte auch in Regionen wie der Lombardei oder dem Piemont grösser werden. Wenn wir uns die Entwicklung der letzten Jahre anschauen, ist es eine Frage von kurzer Zeit, da die Probleme massiv steigen werden. Da braucht man nicht mal Pessimist zu sein, sondern nur realistisch.

Wie viele Schäden haben Sie durch Wölfe zu verzeichnen?
In Südtirol halten sich die Schäden momentan noch in Grenzen. 2017 wurden etwa im Grenzgebiet zum Trentino 40 bis 50 Schafe und drei Rinder gerissen.

Was für Forderungen stellen Sie an die italienische Regierung?
Vom italienischen Staat erwarten wir eine generelle Regelung, dass man in bestimmten Fällen Wölfe entnehmen kann. Es gilt zu berücksichtigen, dass in Italien jedes Jahr über 300 Wölfe illegal erschossen oder vergiftet werden. Das kann auch nicht die Lösung sein. Ohne die illegalen Entnahmen hätten sich die Wölfe aber noch viel schneller vermehrt.

Wird man Ihnen in Rom die Hand reichen?
Das ist sehr schwierig. Weil wir eine autonome Region mit eigenen Gesetzen sind, haben wir letztes Jahr ein Landesgesetz beschlossen – ebenso wie das Trentino – mit dem wir unter bestimmten Voraussetzungen eine Entnahme vorsehen unter Anwendung von EU-Recht. Das hat die italienische Regierung nun aber angefochten und es liegt jetzt vor dem Verfassungsgericht. In Italien ist das Thema genauso wie im übrigen Europa sehr emotional. Der allergrösste Teil der Bevölkerung ist positiv zum Wolf eingestellt, weil man ihn als Symbol für eine intakte Umwelt und die Rückkehr zur Natur in einen früheren Zustand sieht. Das spürt man mit jedem Entscheid für eine Entnahme. In Italien sind verschiedene Tierschutzorganisationen sehr militant unterwegs, ich habe selbst schon Drohungen per E-Mail erhalten. Das ist auch für einen Politiker nicht sehr angenehm.

Was tun Sie heute, um betroffene Bauern zu unterstützen?

Wir haben in den letzten Jahren um die 10'000 bis 20'000 Euro für Entschädigungen ausgegeben. Es ist also noch relativ bescheiden. Letztes Jahr haben wir zudem Herdenschutz-Pilotprojekte gestartet und sind jetzt dran zu evaluieren, wie effizient diese waren. Hierfür betrug die Unterstützung von Seiten des Landes und ohne Gelder vom Staat rund 89'000 Euro. Es ist aber sicher nicht so einfach, im steilen und felsigen Gelände Schutzmassnahmen vorzusehen. Vor allem in einem Land wie Südtirol, wo sehr viele Menschen in unseren Bergen unterwegs sind. 

Zur Person

Arnold Schuler ist Stellvertretender Landeshauptmann des autonomen Landes Südtirol in Italien. Er war selbst praktizierender Obstbauer, ist heute aber in der Südtiroler Regierung für Landwirtschaft, Bevölkerungsschutz und Tourismus zuständig. czb


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