28.10.2015 08:06
Quelle: schweizerbauer.ch - Eveline Dudda, lid
Tierwohl (2/7)
Wandel in der Mensch-Tier-Beziehung
Transportmittel, Fleischlieferant, Versuchsobjekt oder Partnerersatz: Der Stellenwert der Tiere ist von Fall zu Fall verschieden. Ihre Bedeutung hat sich im Laufe der Zeit verändert, wobei die Entwicklung stark vom jeweiligen Kulturkreis abhängt: In Afrika haben Tiere auch heute noch eine andere Bedeutung als in Europa, und in China einen anderen Stellenwert als in Brasilien.

Auch wenn eine einheitliche Geschichte über alle Kulturen hinweg fehlt, so wurde auf der ganzen Welt das Zusammenleben von Mensch und Tier erst durch die Domestikation möglich, sie machte das Wildtier zum Haustier. Bei der Domestikation geht es übrigens weniger um die Zähmung von Wildtieren als vielmehr um die Züchtung von Tieren mit gewünschten Eigenschaften.

Das Zuchtziel konnte eine geringere Aggressivität sein, eine bessere Legeleistung oder ein schnellerer Fleischzuwachs. Weil die natürliche Auslese dabei durch menschliche Zuchtziele ersetzt wurde, entwickelten sich unterschiedliche Rassen.

Hund erstes domestiziertes Tier

Der Hund war das erste Tier, das vom Menschen domestiziert wurde und das laut neueren DNA-Analysen vor mindestens 15'000 Jahren. Weil bei jedem neuen Wurf die zahmsten und gefügigsten Welpen bevorzugt wurden nahm die Wildheit der Tiere allmählich ab. Sie behielten zwar einen Teil ihres ursprünglichen Charakters, passten sich aber immer mehr dem Zusammenleben mit dem Menschen an.

Warum die Urmenschen, die ja Jäger und Sammler waren, sich ausgerechnet mit einem fleischfressenden Tier verbündeten, ist nicht restlos geklärt. Solange die Hunde zahm und freundlich blieben, schlachteten die Jäger sie nicht. Zumal die Tiere einige hilfreiche Eigenschaften hatten: Sie taugten als Wachhund, konnten auf der Jagd Beute aufspüren, und waren beim Überwältigen von Beutetieren behilflich.

Katzen als Schutz vor Nagern

Katzen wurden in erster Linie domestiziert, um Ratten und Mäuse in den riesigen Kornspeichern im alten Ägypten im Schach zu halten. Das war vor ungefähr 9'000 Jahren. Später nahmen Bauern junge Kätzchen aus demselben Grund mit in ihre Häuser. Sie zogen sie auf, um die eigenen Lebensmittelvorräte vor Nagetieren zu schützen. In Mitteleuropa verdrängten Katzen einige Zeit nach Beginn unserer Zeitrechnung das hier domestizierte Frettchen, das vom Iltis abstammt und dieselbe Funktion innehatte.

Katzen und Hunde sind die einzigen Haustiere, die im Haus volle Bewegungsfreiheit geniessen. Das hat damit zu tun, dass diese beiden Tierarten Fleischfresser sind. Sie sind, wie auch der Mensch, besonders reinlich, denn sie wollen auf der Jagd nicht durch den Geruch ihrer Exkremente auffallen. Dieses Problem stellt sich den meisten Pflanzenfressern nicht. Sie lassen ihre Ausscheidungen fallen wo sie gerade stehen und gehen, was es schwierig macht, Pflanzenfresser stubenrein zu erziehen. Das ist ein kleiner, in der Wohnung aber doch recht wesentlicher Unterschied.

Nutztierhaltung machte Menschen vom Jagdglück unabhängig

Vor ungefähr 10'000 Jahren begannen die Menschen Pflanzenfresser zu domestizieren, zuerst Ziegen, später Schafe und Rinder. Vor etwa 9'000 Jahren kam das Schwein dazu. Dank dieser Nutztierhaltung wurden die Menschen vom Jagdglück unabhängig. Sie konnten sich auf ackerbauliche und andere Tätigkeiten konzentrieren und diese kontinuierlich weiterentwickeln. Zuerst dienten die Pflanzenfresser nur der Fleischversorgung und als Rohstofflieferanten für Bekleidung, Werkzeug und Schmuck.

Vor etwa 7'500 Jahren entdeckte man ihre Eignung als Zugtier für die Feldarbeit. Die ersten Zugtiere waren kastrierte Stiere. Esel und Pferde kamen vor rund 6'500 Jahren als Lasttiere, dann als Zugtiere und letztlich als Reittiere hinzu. Hühner wurden vermutlich vor 5'000 bis 6'500 Jahren erstmals domestiziert. Später wurde dann mit dem Dromedar die erste Kamelart in die Kategorie der Nutztiere aufgenommen.  Und in der jüngeren Geschichte wurden Lamas und Meerschweinchen auf dem amerikanischen Kontinent und Rentiere in Russland ebenfalls als Nutztiere wertgeschätzt. 

Wandel der Mensch-Tier-Beziehung

Bis zum 19. Jahrhundert zählten Tiere in der westlichen Welt ausschliesslich als Nahrungsmittellieferanten, Zugtiere oder Transportmittel. Dann wurden die Nutztiere durch die zunehmende Industrialisierung aus der Stadt gedrängt und teilweise durch Heimtiere ersetzt, die von Anfang an vorwiegend als Partnerersatz oder Prestigeobjekt dienten. Sowohl beim Adel, beim Bürgertum als auch in den unteren Gesellschaftsschichten galt das Halten von Heimtieren – vielfach waren es Vögel – eine Zeitlang als modern. Dabei kamen die ersten Tierschutzgedanken auf.

Während in den Städten Tiere in erster Linie der Unterhaltung dienten, versuchten die Bauern die Nutztierhaltung effizienter zu gestalten. In den 40er- und 50er-Jahren standen platz-, arbeits- und kostensparende Haltungsformen mit hoher Besatzdichte im Vordergrund. Man hielt Hühner in kleinen Käfigen, Schweine in ständiger Dunkelheit, Rinder ewig angebunden und Hofhunde an der Kette. Es kam zu Schäden und Verhaltenssto¨rungen und die entsprechende Kritik liess nicht auf sich warten.

Die Politik reagierte und erliess Gesetze. Das Tier hat in unserem Kulturkreis heute einen deutlich höheren Stellenwert als früher. Es gibt zudem klare Tendenzen in Richtung strengerem und  „erweitertem“ Tierschutz (z.B. die Würde der Tiere, Postulierung von Tierrechten etc.). Die staatlichen Mindest-Tierschutzvorschriften werden inzwischen oft durch freiwillige Selbstbeschränkungen der Tierhalter ergänzt, etwa bei der Produktion von Labelprodukten.

Tiere zunehmend vermenschlicht

In der Nutztierhaltung herrscht ein grosser wirtschaftlicher Druck der tendenziell grösser wird. Auf der anderen Seite nimmt in der nicht-landwirtschaftlichen Gesellschaft die Entfremdung von der Natur und der Nahrungsmittelproduktion zu. Früher hatte die Mehrzahl der Bevölkerung einen Draht zu den Bauern und Bäuerinnen. Meistens arbeitete jemand aus der direkten Verwandtschaft auf einem Hof oder besass selbst einen. Heute fehlt weiten Teilen der Bevölkerung der Bezug zur Natur und zur Nutztierhaltung.

Dazu kommt, dass in der Heimtierhaltung die Tiere zunehmend vermenschlicht werden. Das ist nicht nur zu ihrem Vorteil: Oft verfügen Heimtierhalter nicht über die nötigen biologische Kenntnisse, um ihre Lieblinge artgerecht zu halten. Zudem wird relativ wenig Forschung über Heimtiere betrieben und der Handel mit Gehegen, Boxen, Käfigen und Zubehör für Heimtiere erfolgt frei und unkontrolliert.

Mehr Tierschutzverstösse bei Heimtieren

Im Heimtierbereich werden deshalb besonders viele Missstände festgestellt: Die Tiere werden häufig in zu kleinen Gehegen gehalten, haben zu wenig Bewegung oder werden nicht optimal gefüttert. 2013 ging es laut „Stiftung für das Tier im Recht“ bei zwei Dritteln aller Tierschutzverstösse (total 1'500 Fälle) um ein Heimtier, wobei jedes zweite Mal (801 Fälle) ein Hund betroffen war. Nutztiere wurden seltener in ein strafbares Tierschutzdelikt verwickelt (455 Fälle).

Bei der Pferdehaltung ist dieser Wandel gut zu erkennen: Seit Traktoren das Arbeitstier Pferd ersetzten, nahmen auch die Fälle von Überbeanspruchung bei Pferden ab. Dafür leiden in der Freizeit-Pferdehaltung heute viele Pferde unter Bewegungsmangel. Oder aber sie müssen im Pferdesport Massnahmen wie tierschutzwidriges Za¨umen, Hufstellungs-Vera¨nderungen, Hufgewichte, Neurektomie, elektrischen Dressurmittel oder das Clippen von Tasthaaren über sich ergehen lassen.

Heimtier oder Nutztier?

Grob besagt leben Wildtiere in erster Linie in der Wildnis. Haustiere leben dagegen in der Nähe von Haus und Hof. Die Tierschutzverordnung unterscheidet bei den Haustieren zwischen Heim- und Nutztieren. Nutztiere werden, wie der Name andeutet, in irgendeiner Form wirtschaftlich genutzt. Sie liefern Fleisch, Milch, Wollfasern, Fell, Fett, Eier, Honig oder werden als Zug- und Lasttiere eingesetzt. Im weitesten Sinn kann ihr Nutzen auch einmal nur darin bestehen, dass sie Gras fressen und Grünland damit vor der Verwaldung schützen und die Landschaft offenhalten. 

Heimtiere  werden laut Tierschutzverordnung dagegen „aus Interesse am Tier oder als Gefährten im Haushalt“ gehalten. Dazu kommt im Gesetz die dritte Kategorie Versuchstiere. Die Einteilung in Nutz-, Versuchs- und Heimtiere hat nichts mit der Tierart im biologischen Sinne zu tun, sondern nur mit ihrer Funktion. Ob z.B. ein Pferd ein Heimtier oder ein Nutztier ist, entscheidet allein sein Besitzer. Die Einteilung ist zudem kulturell bedingt: Ein Hund wird in der Schweiz als Heimtier gelten, während er in anderen Ländern zu den Fleischlieferanten und damit den Nutztieren zählt.

Gleich viele Katzen wie Schweine

Während die Anzahl Heimtiere in der Schweiz laufend steigt, nehmen die Nutztierbestände seit Jahren ab. Heute hat es etwa gleich viele Katzen wie Schweine in der Schweiz und mehr Haushunde als Schafe.

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