19.02.2019 15:32
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Forschung
Würmer produzieren Sekundenkleber
In der Gezeitenzone der Adria lebt ein Plattwurm, der sich mit einem Klebstoff an den Boden klebt, damit er nicht fortgeschwemmt wird. Er könnte die Basis liefern für einen neuen Medizinkleber.

Die heute in der Medizin verwendeten Klebstoffe wie Cyanacrylat-Superkleber sind teils giftig und krebserregend, erhitzen sich beim Aushärten und haften nicht besonders gut auf feuchtem Körpergewebe. Deshalb suchen Forscher weltweit nach Alternativen in biologischen Organismen, die sich irgendwo anhaften. 

Peter Ladurner von der Universität Innsbruck inspizierte dazu mit Kollegen die Haftorgane, die ein 1,3 Millimeter kleiner Plattwurm namens «Macrostomum lignano» am Schwanz trägt. Sie enthalten Bläschen mit Klebstoff und Lösemittel, damit sich der kleine Kerl an Sandkörnern befestigen kann und davon auch wieder loskommt.

Zwei-Komponenten-Klebstoff

Der Klebstoff besteht aus zwei Komponenten, berichten die Forscher im Fachblatt PNAS, und zwar aus den Eiweissstoffen «Mlig-ap1» und «Mlig-ap2». Mlig-ap2 ist die eigentliche Klebesubstanz, die der Wurm quasi auf die Oberfläche aufträgt, an der er anhaften möchte.

Mlig-ap1 verbindet das aufgebrachte Mlig-ap2 mit fadenförmigen Zellfortsätzen (Mikrovilli), die das Tier am Haftorgan trägt, erklärte Ladurner der Nachrichtenagentur APA. Indem er irgendeine kleine, negativ geladene Substanz ausscheidet, die die Haftfähigkeit von Mlig-ap1 verringert, kann der Wurm die Verbindung wieder lösen.

Suche per Ausschlussprinzip

Weil der Wurm und seine Haftorgane winzig sind, konnten die Forscher ihm nicht direkt Kleber entnehmen und die Zusammensetzung analysieren. Sie sequenzierten deshalb zunächst alle seine Gene. Dann amputierten sie bei einigen Würmern die Schwanzplatte und untersuchten, welche Gene in den übrig gebliebenen Körperteilen aktiv sind. Von rund 100'000 waren dies 99'700, so Ladurner. Es blieben also 300 übrig, die nur in der Schwanzplatte wichtig sind, erklärte er. 

Die Forscher analysierten, in welchen Schwanzzellen diese 300 Gene abgelesen werden. 298 davon waren vorwiegend in den Reproduktionsorganen angeschaltet und nur zwei in den Klebezellen. Dies waren die beiden Komponenten des Bio-Sekundenklebers Mlig-ap1 und Mlig-ap2.

Unklar ist noch, welche Teile der recht grossen Eiweissstoffe wirklich für das Kleben zuständig sind. Die Forscher wollen nun Teile davon herauspicken, einzeln auf eine Trägersubstanz aufbringen und testen. Aus den aufs Wesentliche reduzierten Mlig-ap1- und Mlig-ap2-Teilen wollen sie schliesslich einen Klebstoff für medizinische Einsatzmöglichkeiten entwickeln.

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