6.11.2016 06:04
Quelle: schweizerbauer.ch - Peter Jossi, lid
Fischerei
Zu wenig «Dreck» in Seen
Laut Berufsfischern fehlt in den Schweizer Seen für Fische lebenswichtiger Nährstoff. Die Folge sind Rückgänge der Fischbestände. Naturschützer hingegen verweisen auf die steigende Artenvielfalt.

„Wer heute an den Ufern des Vierwaldstättersees, des Bodensees oder entlang des Brienzersees spaziert, ahnt nichts davon, dass hungergeplagte Fische unter der glitzernden Wasseroberfläche schwimmen”, lautet die alarmierende Aussage des Schweizerischen Berufsfischerverbandes.
Reto Leuch, Präsident des Schweizerischen Berufsfischerverbands, sagt dass er und seine Berufsleute sich keineswegs gegen einen wirksamen Gewässerschutz stellen.

Und Vizepräsidentin Sabina Hofer erinnert daran, dass die Berufsfischer in den 1970er Jahren sogar als erste die damals dringlichen Gewässerschutzmassnahmen gefordert hätten. Trotzdem werde regelmässig behauptet, die Berufsfischerei wolle „mehr Dreck in den See einlassen”, was in der Bevölkerung verständlicherweise zu Missverständnissen und Kopfschütteln führe. „Dies obwohl wir schon so viel Aufklärungsarbeit geleistet haben”, beschreibt Sabina Hofer ihre frustrierenden Erfahrungen.

Problem Mikroverunreinigung

Reto Leuch lenkt den Blick auf aktuelle Herausforderungen im Gewässerschutz: „Wir Berufsfischer sagen nicht, die Seen sind ‚zu sauber‘. Uns wäre es recht, wenn die Gewässer noch sauberer wären. Viele so genannte Mikroverunreinigungen, wie Medikamentenrückstände und Hormone, hätten wir sehr gerne herausgefiltert.”

Tatsächlich bestätigen offizielle Untersuchungen den Handlungsbedarf. Viele Mikroverunreinigungen lassen sich mit herkömmlichen Reinigungstechniken nur ungenügend aus den Abwässern entfernen. Um die Belastung durch Mikroverunreinigungen aus dem Abwasser zu reduzieren, ist in den kommenden Jahren die Nachrüstung ausgewählter Kläranlagen mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe geplant.

Phosphat: Zu rigorose Massnahmen?

Die Kritik der Berufsfischer richtet sich gegen ein Übermass bei den klassischen Gewässerschutzmassnahmen. Den ehemals mit Phosphaten überdüngten Schweizer Seen werde seit Ende der 1970er-Jahre ein striktes Reinhalteprogramm aufgezwungen. Dadurch fehle der lebenswichtige Nährstoff Phosphor, was zu gravierenden Folgen für die Fischbestände führe.

Die wichtigste Botschaft der Fischer: „Sinkt der Phosphatgehalt eines Sees unter 10 mg/m3 Seewasser, dann brechen die Fangerträge sehr rasch ein. Weder der Gewässerschutz, noch die Trinkwasserversorgung oder die Badegäste benötigen einen tieferen Phosphatgehalt als diese 10 mg/m3.”
Laut Reto Leuch sind die Zielsetzungen des traditionellen Gewässerschutzes mittlerweile übererfüllt: „Der Grenzwert von Phosphor im Trinkwasser ist 500-mal höher als der aktuelle Wert des Bodenseewassers.” Heute sei man in vielen Gemeinden sogar soweit, dass in den Trinkwasserentnahmestellen Phosphor zugefügt werden müsse, damit die Leitungen weniger korrodieren.

Kritische Stimmen

Die Analyse des Berufsfischerverbands ist in Fischereifachkreisen nicht unbestritten. Rolf Schatz, als Präsident der IG „Dä Neu Fischer” ebenfalls ein guter Kenner der Fischereipraxis, kritisiert die Forderungen des Verbands: „Es gilt einmal mehr festzuhalten, dass unsere Mittelandseen keine landwirtschaftlichen Nutzflächen sind.”

Schatz anerkennt, dass die Berufsfischerei genauso wie die Landwirtschaft ein ausgeglichenes und regelmässiges Ertragsergebnis erzielen wolle. Gleichzeitig relativiert er diese Erwartungshaltung: „Unsere Seen sind ökologisch wichtige und wertvolle Lebensräume, welche einer eigenen Dynamik unterworfen sind. Schwankungen der verschiedenen Fischarten sind absolut normal und können viele Hintergründe haben.”
Im Gegensatz zur Position des Berufsfischerverbands betont Schatz, die verbesserte Wasserqualität, in erster Linie bedingt durch die tiefere Phosphatbelastung, habe den Gewässern „viel gebracht und nicht zuletzt die Artenvielfalt wieder belebt”. Die Berufsfischer seien aber nur an bestimmten Fischarten interessiert, die denn auch mit gezielten Aussetzungen gefördert werden.

Susanne Hagen, Co-Geschäftsleiterin des Vereins „fair-fish” betont den Mehrfachnutzen, den Schweizer Gewässer bieten müssen. „In vielen Fällen dienen sie auch der Wasserversorgung, Wasser muss also von guter Qualität sein.” Hagen unterstreicht die Bedeutung der Artenvielfalt bei den Fischbeständen: „Erst kürzlich wurde im Bodensee eine Fischart wiederentdeckt, die als ausgestorben galt. Diese Art lebt am Seegrund, der nur bewohnbar ist bei genügend Sauerstoffversorgung und sauberem, nährstoffarmen Wasser.”

Der Fall Bodensee

Das Einbringen von Nährstoffen käme einem „Anwerfen der Futtermaschine gleich”, argumentiert Rolf Schatz und erläutert dies am Beispiel des Bodensees: „Das Resultat wären noch mehr Muscheln und Schwebegarnelen, was zudem die Ausbreitung fremder Arten fördern würde, ein allgemein zunehmendes Problem in allen Mittellandseen.”

Im Bodensee kommt laut Schatz erschwerend hinzu, dass zugewanderten Arten, Schwebegarnelen und Corbula, die asiatische Körbchenmuschel, dazu gekommen sind. Diese nähme offensichtlich im grossen Stil das Plankton auf, welches auch für die Jungfische überlebenswichtig wäre. „Hier hat man das Gefühl, dass man die „Büchse der Pandora“ geöffnet hat, mit sehr ungewissem Ausgang”, so die Einschätzung von Rolf Schatz.

„Existentielle Bedrohung der Berufsfischerei”

Der Berufsfischerverband sieht seine Branche heute als Folge eines zu weit getriebenen Gewässerschutzes in der Existenz bedroht, weshalb die Organisation eine Grundsatzdiskussion über die zukünftige Nutzung der Fische in den Seen fordert. „Welch skurriles Szenario wäre das, wenn im Wasserschloss Schweiz keine Fische aus einheimischem Wildfang mehr auf den Teller kämen”, so das besorgte Fazit des Berufsfischerverbands.
Rolf Schatz zeigt Verständnis für die teilweise existentielle Situation der Berufsfischer, schlägt jedoch eine pragmatische Haltung vor. Gerade am Zürichsee könne die Anzahl der Berufsfischer durchaus mit natürlichen Abgängen reduziert werden. „Wenn kein eigener Nachwuchs in der Familie den Betrieb übernimmt, wird keine Bewilligung mehr erteilt”, so Schatz.

Schweizer Seen als De-facto-Aquakultur?

Der Fischkonsum ist in der Schweiz in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Wie beim Fleisch liegt die Zukunft daher im massvollen Konsum aus nachhaltigen Quellen. Dies bedingt in erster Linie einen kritischen Blick auf den Wildfang und die Aquakulturen beim Import. Der Marktanteil von Fischen aus den Schweizer Seen bildet eine traditionelle und attraktive Alternative, deren Anteil am Gesamtkonsum jedoch marginal ist. Dennoch empfiehlt WWF Schweiz den Konsum von Schweizer Seefisch als vergleichsweise nachhaltige Quelle.

Der Seefisch-Wildfang lässt sich dabei nicht mit der Meeresfischerei vergleichen. Die Schweizer Seen bilden heute eher eine Art offene Aquakulturen - mit vielfachem Zusatznutzen. Die Fischbestände, insbesondere diejenigen der kommerziell interessanten Fischarten, werden in der Schweiz hochgradig durch Zucht- und Aussetzungsmassnahmen gefördert und durch ein grosses Regelwerk an Rahmenbedingungen im Spannungsfeld von Gewässer- und Umweltschutz und vielfältige Nutzungsansprüche beeinflusst.

Allein am Zürichsee werden laut Rolf Schatz rund 65 Millionen Felchenbrütlinge pro Jahr ausgesetzt. Dies sei "der blanke Wahnsinn, auch von den Kosten her, zumal der Nutzen durch keinerlei wissenschaftliche Begleitung belegt ist." Der Besatz von Fischen, insbesondere der Felchen, müsse daher gestoppt werden. Gerade mit Blick auf die Fischbestände müssten die Seen "ökologisch weiter aufgewertet" werden. Als Beispiel nennt Schatz die Wiederherstellung von Schilfbeständen und Flachwasserzonen entlang der Seeufer. "Somit können die Fische wieder besser natürlich verlaichen", sagt Rolf Schatz.

Zu Sinn und Zweck der Nachzuchtmassnahmen befragt, erläutert Reto Leuch die konkreten Ziele und Gründe: "Es werden in den Schweizer Seen nur Jungfische ausgesetzt, die aus dem Laichmaterial des gleichen Sees stammen. Dies ist nicht zur Vermehrung des Bestandes gedacht, sondern zum Erhalt eines gesunden Bestandes. Die Anzahl wird laufend am Futterangebot des betreffenden Sees angepasst."

Die Zeit vom Ablaichen bis zum Schlupf der Jungfische sei sehr diffizil, erklärt Leuch. "Bei schlechter Witterung kann ein ganzer Jahrgang eingehen. Die künstliche Laichbebrütung ist unsere Versicherung um einen einigermassen konstanten Fischbestand und die Arterhaltung zu gewährleisten."

 

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