Dienstag, 26. Januar 2021
11.01.2021 06:01
Pferdehaltung

«Viel Weidegang und Sozialkontakt»

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Von: ats

Sandra Schaefler ist Zoologin und arbeitet bei der Fachstelle Pferd des Schweizer Tierschutzes (STS). Sie erklärt, welche Herausforderungen es aktuell in der Pferdehaltung gibt und wie man sie angehen kann.

«Schweizer Bauer»: Was sind zurzeit die grossen Herausforderungen in der Pferdehaltung?
Sandra Schaefler: In der Schweiz wird noch immer über die Hälfte aller Pferde in Boxen gehalten. Immer mehr Pferdebesitzer wünschen sich aber für ihr Pferd eine Haltung in der Gruppe oder mindestens täglichen gemeinsamen Auslauf. Dazu kommt, dass sich auch die Gesetzgebung in den nächsten Jahren ändern kann – die Forderung nach täglichem Auslauf – auch für genutzte Pferde – steht im Raum. Dies würde bedeuten, dass in allen Ställen mit Boxenhaltung genügend Allwetterausläufe und Weiden vorhanden sein müssen. Wer den Pferden ein artgerechtes Leben bieten möchte, sollte bereits jetzt auf «den Zug aufspringen».

Welche Schwierigkeiten gibt es zu meistern?
Wir beobachten, dass Stallbesitzer dies auch vermehrt möchten. Nur werden diese Bestrebungen leider oftmals durch die Raumplanungsvorschriften erschwert. Wir erleben immer häufiger, dass Behörden sich trotz möglichem Spielraum nur an den gesetzlichen Vorschriften orientieren statt an den Empfehlungen für eine artgerechte Pferdehaltung. Bei Gruppenauslaufhaltungen bestehen ebenfalls Herausforderungen: Die Reinigung kann zwar durch den Einsatz von Maschinen auf grossen Auslaufflächen vereinfacht werden, jedoch muss die gesparte Zeit in die Beobachtung der Herde und die Optimierung der Strukturierung investiert werden – jedes Pferd sollte in Ruhe fressen und ruhen können.

Welche Lösungsansätze gibt es für Betriebsleiter bei den verschiedenen Herausforderungen?
Mittlerweile gibt es sehr gute Beratungsmöglichkeiten, was den Umbau des Stalles – beispielsweise von der Boxenhaltung zur Gruppenauslaufhaltung – betrifft. Unter anderem bietet auch der STS Stallberatungen an. Werden Pferde in Gruppen gehalten, ist die Strukturierung des Stalles sehr wichtig. Am besten werden Fress-, Liege- und Bewegungsbereiche eingerichtet.

Welche Vorteile gibt es weiter?
Ein gutes Weidemanagement kann auch Weidegang im Winter ermöglichen. Hier ist ein Austausch zwischen den Betriebsleitern bestimmt eine Bereicherung.  Weiter kann und soll das Weiterbildungsangebot im Bereich Pferde genutzt werden. Landwirte haben unabhängig von der Anzahl Pferde keine zusätzliche Ausbildungspflicht, da jedoch die Haltung von Pferden viel Sachverstand benötigt, ist eine Intensivierung des Wissens wichtig. Im Bereich Raumplanung versuchen wir vom Schweizer Tierschutz STS uns für die Stallbesitzer einzusetzen und Verbesserungen zu bewirken.

In welchen Bereichen muss die Haltung unbedingt verbessert werden?
Es gibt leider noch zu viele Pferde, die nur zweimal in der Woche für zwei Stunden in den Auslauf dürfen, meist ist die Fläche auch klein – Weidegang ist nicht vorgeschrieben und vor allem im Winter sehen viele Pferde kein Gras. Pferde, die 22–23 Stunden am Tag in der Boxe stehen müssen, haben kein artgerechtes Leben und können dadurch auch psychische und physische Schäden davontragen. Um das Wohlbefinden der Pferde zu fördern, hat der STS vor drei Jahren die Kampagne «Pferde raus» ins Leben gerufen. Pferde sollen unabhängig vom Haltungssystem täglich in der Gruppe in den Auslauf und/oder auf die Weide können.

Wo gibt es noch weitere Probleme?
Wir vom Schweizer Tierschutz STS sehen weitere Probleme im Bereich Equiden: Esel benötigen einen artgleichen Partner. Ein Pferd kann den Sozialpartner für einen Esel nicht ersetzen. Leider sehen wir in der Eselhaltung noch viele Missstände. Esel unterscheiden sich wesentlich von Pferden. Beispielsweise soll ein Esel nie im Regen stehen gelassen werden. Anders wie bei Pferden – die natürlich ebenfalls Unterstände zur Verfügung haben müssen – durchnässt er sich bis auf die Haut und kann davon sehr krank werden.

Was gilt es bei den Eseln weiter zu beachten?
Die Fütterung erfolgt in vielen Fällen nicht, wie sie sein sollte. Der Stoffwechsel des Esels ist auf karge Lebensräume ausgerichtet. Die Rationen sollen über den Tag hinweg aufgeteilt werden und auch die Versorgung mit Mineralstoffen ist wichtig.  Die Hufpflege wird leider auch des Öfteren unterschätzt. Auch wenn Esel in der Anschaffung sehr günstig sind, ihre Pflege und Beschäftigung ist aufwendig und kostenintensiv. Sie sollten nicht nur als «Pflicht-Beisteller» dienen – das haben die intelligenten und charmanten Tiere nicht verdient. Weiter soll die Verwendung von Stacheldraht ganz verboten werden, denn er ist gefährlich für das Fluchttier Pferd, aber auch für Wildtiere. Noch werden in gewissen Kantonen Ausnahmebewilligungen erteilt.

Wie sieht für Sie eine pferdefreundliche Haltung aus, welche Punkte sind unabdingbar?
Aus unserer Sicht kommt die permanente Gruppenauslaufhaltung mit regelmässigem Weidegang den natürlichen Bedürfnissen der Pferde am nächsten. Selbstverständlich sollte die Haltung mit viel Sach-, Fach- und Pferdeverstand geführt werden. Unabdingbar finden wir, dass Pferde jeden Tag für mindestens zwei Stunden (besser mehr!) in die freie Bewegung, also in einen Auslauf oder auf die Weide dürfen. Am besten mit direktem Sozialkontakt.

Wie beurteilen Sie die Haltung von Pferden auf den Schweizer Landwirtschaftsbetrieben?
Landwirtschaftsbetriebe haben die besten Voraussetzungen, den Pferden ein artgerechtes Leben zu bieten. Viel Raum und grosse Weiden sind vorhanden und die Landwirte kennen sich mit dem Weidemanagement gut aus. Wenn wir Probleme sehen, dann ist es meistens im Bereich Fütterung oder bei Herden, wo soziale Spannungen unter den Pferden auftreten. Diese lassen sich oft mit einer optimierten Gruppenstrukturierung reduzieren.

Haben Sie noch Tipps für Landwirte?
Ermöglichen Sie Ihren Pferden viel Weidegang und direkten Sozialkontakt. Wir empfehlen, Weiterbildungsangebote zu nutzen, insbesondere was die Fütterung oder die Gruppenstrukturierung von Pferden betrifft. Und setzen Sie ein Zeichen für die Pferde und machen Sie bei unserer Kampagne «Pferde raus» und bei unserem Pferdelabel mit.

Beenden Sie die Sätze: Artgerechte Pferdehaltung ist…
… in der Schweiz möglich.

Landwirtschaft ist…
…der beste Ort, um Pferden ein gutes Leben mit viel Raum und Sozialkontakt zu bieten.

One Response

  1. Die Landwirte kennen sich zwar im Weidemanagement aus, aber sie sind in den meisten Fällen keine Pferdespezialisten. Pferde auf Landwirtschaftsbetrieben sind oft ein sehr willkommener Zusatzverdienst, aber die Pferde und ihre Bedürfnisse stehen nie im Mittelpunkt. Dies beginnt schon mit dem Sparen beim Einstreuen, so dass die Pferde in der nassen Einstreu stehen müssen und Hufprobleme bekommen. Hauptsache es gibt wenig Aufwand bei den Betrieben, die Tiere gehören ja nicht ihnen.

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