1.10.2017 18:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Julia Spahr
Bern
56-Jähriger schliesst Bauernlehre ab
Ruedi Bohny aus Steffisburg BE hat dieses Jahr mit 56 Jahren die Lehre zum Landwirt EFZ abgeschlossen. Zuvor hatte er ein erfülltes Leben als Automechaniker. Der Wunsch, Bauer zu werden, liess ihn aber nie los.

Es ist ein strahlend blauer Herbsttag. Ruedi Bohny steht in Uetendorf BE auf dem Feld der Stiftung Uetendorfberg. Hinter ihm ragen Eiger, Mönch und Jungfrau in den Himmel. Bohny trägt ein gestreiftes Hemd, darunter ein militärgrünes T-Shirt, robuste Wanderschuhe und auf dem Kopf eine John-Deere-Mütze. Er kann es kaum erwarten, auf den Traktor zu steigen und zu arbeiten.

Gut keine Zukunft

Ein Bauer, wie er im Buche steht – könnte man meinen. Aber Bohny hat nicht den klassischen Werdegang eines Landwirts, obwohl er auf einem kleinen Betrieb aufgewachsen ist. Während sein Vater zusätzlich als Briefträger arbeitete, kümmerte sich die Mutter mit den vier Kindern um den Hof. 

Später wollte er Landwirt lernen. Sein Vater sagte aber, dass er auf ihrem kleinen Gut keine Zukunft habe. «Deshalb wurde ich Automechaniker, habe die Meisterprüfung gemacht und konnte bald eine Garage in Frutigen BE übernehmen», erzählt Bohny. Zur Garage kam eine Carrosserie und später ein weiterer Betrieb in Thun BE.

Traum wahrmachen

«Zwanzig Jahre arbeitete ich als Selbstständiger. Als ich merkte, dass keine meiner drei Töchter in den Betrieb einsteigen würde, habe ich das Geschäft in Frutigen verkauft», fährt Bohny fort. «Ich wollte etwas Neues in Angriff nehmen. Ich hatte in meinem Leben so viel Glück und wollte etwas zurückgeben», sagt er. Zudem habe er den Wunsch zu bauern noch sehr stark gespürt.

Er fragte also bei der Stiftung Uetendorfberg, ob er einen Tag in der Woche ehrenamtlich auf dem landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten könne und erhielt eine Zusage. Nach einiger Zeit merkte er, dass er die Dinge von Grund auf verstehen wollte und begann mit der dreijährigen Lehre Nachholbildung zum Landwirt EFZ. «Nach fast 40 Jahren, nachdem ich als 16-Jähriger bereits davon geträumt habe, Landwirt zu werden, habe ich es in Angriff genommen», erzählt Bohny.

Erfüllende Zeit

Er hat das Pensum in seiner Autogarage reduziert, seine Arbeit auf dem Lehrbetrieb der Stiftung Uetendorfberg fortgeführt und die landwirtschaftliche Schule am Wallierhof in Riedholz SO besucht. Die Lehre hat er diesen Sommer mit einer  hervorragenden Note abgeschlossen. «Es war eine sehr intensive und sehr erfüllende Zeit», sagt er.

Besonders die Arbeit mit den gehör-, sprach- oder mehrfachbehinderten Menschen in der Stiftung habe ihn sehr bereichert. «In meinem hohen Alter konnte ich noch extrem viel lernen.» Was ihm besonders gefallen habe, sei, dass im Gegensatz zu der Arbeit mit den Autos hier stets der Mensch und die Natur im Mittelpunkt gestanden seien. 

Zwischen zwei Welten

Es sei aber auch herausfordernd gewesen. Besonders, weil er sich zwischen zwei komplett verschiedenen Welten zu bewegen hatte. «Manchmal hat am Dienstag hier eine Kuh gekalbt und am Mittwoch sass ich mit dem Volvo-CEO zusammen, der mir sagte, wie viel wir im nächsten Jahr verkaufen müssen», erinnert er sich. «Das ist mir manchmal nicht leichtgefallen.» Dass er sich zwischen zwei Welten bewegt, wird auch deutlich, als er aufbricht, zurück in die Garage. Schnell zieht er sich vorher um und kommt mit einem blauen T-Shirt, modischen Turnschuhen und ohne John-Deere-Hut zurück. Als sei er ein anderer Mensch. 

Mittlerweile arbeitet er wieder Vollzeit in seiner Volvo-Garage und kommt nur an freien Tagen in die Stiftung Uetendorfberg aushelfen. «Ich habe oft richtig Lust zu bauern und freue mich jedes Mal, wenn ich zum Beispiel auf den Traktor sitzen und säen kann», sagt er. Langfristig möchte er Bauern, die Hilfe brauchen oder in die Ferien gehen, aushelfen. 

Eine seiner Töchter schliesst zudem gerade ihr Agronomie-Studium ab, und Bohny könnte sich vorstellen, ihr auf einem Betrieb zu helfen und seinen langersehnten Wunsch, als Bauer zu arbeiten, wahrzumachen.

Die Stiftung Uetendorfberg engagiert  sich seit 1921 für Menschen mit Hör-, Sprach- und Mehrfachbeeinträchtigungen. Vieles, was auf dem dazugehörigen Landwirtschaftsbetrieb  produziert wird, ist für die Heimküche und den Restaurantbetrieb. Der Betrieb umfasst 12 ha Kulturland, zwölf Kühe mit Aufzuchttieren und Jungvieh, zwei bis vier Mastrinder pro Jahr (Limousin), 56 Zuchtkaninchen, mit denen um die 2500 Mastkaninchen pro Jahr aufgezogen werden, 60 Legehennen,  270 bis 300 Ster Brenn- und Cheminéeholz pro Jahr. jul

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