15.09.2013 20:49
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Le Sapalet
Mit Schafmilchprodukten neue Märkte erschlossen
Im Pays-d’Enhaut ist der grösste Schafmilchproduzent der Schweiz zu Hause. Die Familie Henchoz ist in der Romandie ein Begriff.

Langsam, aber stetig windet sich die Strasse von Bulle FR in Richtung Gstaad BE hinauf. Das Wetter meinte es beim Besuch nicht gut. Wie Klebmasse bleiben die Wolken an den Alpweiden und Bergspitzen hängen. Auf knapp 1000 Meter über Meer befindet sich die kleine Ortschaft Rossinière VD. Die Enge der Waadtländer Alpen, kombiniert mit dem garstigen Wetter, lassen die Gegend für einen Flachländer unwirtlich erscheinen. Doch im waadtländischen Bergdorf entwickelte sich in den vergangenen Jahren wohl der grösste Milchschafbetrieb der Schweiz.

Französische Rasse

Jean-Robert Henchoz wandte sich während langer Zeit den Milchkühen zu. Vor rund zwanzig Jahren kaufte er dann die ersten Schafe der Rasse Lacaune. Diese Milchschafe sind  mittelschwer bis schwer und haben eine Schulterhöhe von 70 bis 80 Zentimetern. Das Lacaune-Schaf zeichnet sich durch seine Berggängigkeit und das niedrige Körpergewicht aus. Das Ursprungsgebiet der Rasse liegt im Gebiet Roquefort in Südfrankreich.

In den 90er-Jahren machte sich Jean-Robert Henchoz  erste Gedanken über die Fortsetzung der Kuhmilchproduktion. Er sah eher dunkle Wolken auf diesen Sektor zukommen. Mit der Zeit sah er für seinen Betrieb keine Chance mehr, mit Kuhmilch zu überleben. Deshalb ersetzte er die Kühe allmählich durch Schafe.  Im Jahr 2002 schloss er sich mit seinem Bruder zu einer Betriebsgemeinschaft zusammen. Der neue Betrieb wurde auf biologischen Landbau umgestellt. 1999 baute die Familie Henchoz einen neuen Stall für Milchschafe. Damals betrug der Preis für einen Liter Kuhmilch in der Region noch 78Rappen.

Schafe sind anspruchsvoller

«Die Schafhaltung fordert uns alles ab», gibt Jean-Robert Henchoz zu. «Wir mussten fast einen neuen Beruf erlernen. Die Haltung von Schafen ist komplexer als die von Kühen. Schafe sind zerbrechlicher und empfindlicher. Man braucht viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung, um eine Schafherde erfolgreich halten zu können», fährt er fort.

Da das Lacaune-Schaf bezogen auf seine Grösse, den Milchgehalt und die Milchmenge eine grosse Leistung erbringt, benötigt es viel Pflege. Zudem ist eine optimale Fütterung vonnöten. Vorteilhaft sei, dass die Schafe fast alle Stellen abgrasen. Zudem habe er weniger Futter zukaufen müssen als bei den Kühen.

Wissen selbst angeeignet

Heute umfasst die Herde in Rossinière 540 Milchschafe und 300 Lämmer. Die Betriebsgrösse beträgt 75 Hektaren. Im Frühling werden die Schafe auf die Alpen geschickt. Diese liegen auf einer Meereshöhe zwischen 1400 und 2000 Meter über Meer. Insgesamt stehen über 200 Hektaren zur Verfügung. «Wir hatten früher Probleme mit dem Luchs. Nun haben wir Herdenschutzhunde, um die Tiere vor dem Raubtier zu schützen», erklärt Henchoz. Der Wolf stelle in der Region (noch) kein Problem dar.

Nicht nur Wissen für die Haltung, sondern auch  für die Produktion von Käse und anderen Milchprodukten mussten sie sich aneignen. Die Familie Henchoz gilt als eine der Pionierinnen im Segment Schafmilchprodukte. Doch sie musste auch viel Überzeugungsarbeit leisten. So hätten die Konsumenten den Schafkäse oft mit Ziegenkäse und dessen intensivem Geschmack verwechselt, führt Jean-Robert Henchoz aus. Dabei hat die Schafmilch viele Vorteile. Sie ist vitaminreicher als die Kuhmilch. Zudem ist sie fett- und eiweissreicher.

Überzeugungsarbeit leisten

Um potenzielle Kunden für ihre Produkte zu gewinnen, besuchten sie unzählige Märkte und Ausstellungen. Mitte des letzten Jahrzehnts wurden ihre Artikel immer bekannter und populärer. Die Produktpalette wurde kontinuierlich ausgebaut. Gestartet wurde mit Käse, heute erstreckt sich das Angebot von Milch über Käse, Joghurt, Rahm, Butter und Frischkäse und bis zu vielem mehr. Verarbeitet werden in der eigenen Käserei und Produktionsanlage jährlich 180'000 Liter Schafmilch. Pro Tag werden rund 380 Liter verarbeitet.

Damit auch während der Wintermonate die Fabrikation weitergeführt werden kann, werden die Schafe in Gruppen gehalten. Zugekauft werden jährlich 30'000 Liter Kuh- und 20'000 Liter Ziegenmilch. Damit wird das Angebot an Produkten erweitert. Vertrieben werden die Erzeugnisse über ein flächendeckendes Netz von Spezialgeschäften in der Romandie. In der Westschweiz sind die Produkte aus dem Pays-d’Enhaut ein Begriff. Zudem werden sie mit dem Schweizer Parklabel ausgelobt.

Neue Käserei als Ziel

In der Deutschschweiz sind die Produkte eher selten zu erwerben. Ein kleiner Teil der Ware wird exportiert. Grossverteiler werden nicht beliefert. Bald werde die nächste Generation das Ruder im Betrieb übernehmen. Diese habe auch bereits neue Produktideen. «Der nächste Schritt auf unserem Betrieb ist aber der Bau einer grösseren und modernen Käserei», erklärt Jean-Robert Henchoz.

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