11.10.2016 15:49
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Einem einheimischen Tier wieder Glanz verliehen
Der Verein weidegans.ch und seine Produzenten haben mit einer artgerechten Produktionsform eine Nische geschaffen. Das Premiumprodukt ermöglicht einen Zusatzerwerb. Die Regionalität ist eine wichtige Triebfeder.

Das Gebiet um den Murtensee ist begehrt. Die Region bietet zahlreiche Freizeit- und Sportmöglichkeiten. Und Murten FR ist auch zu einer gefragten Wohnadresse geworden. Nur rund fünf Kilometer von Murten entfernt nutzt die Familie Maeder aus Courlevon FR diesen Umstand für sich aus.

Als Zusatzeinkommen neben der Milchwirtschaft halten sie Weidegänse. Diese verkaufen sie ausschliesslich über die Direktvermarktung. 43 weitere Bauern tun es ihnen mittlerweile gleich. «Der Verein weidegans.ch ist ein Vermarktungsprojekt», macht Präsident Benno Jungo deutlich. Gestartet haben sie ihr Vorhaben im Jahr 2013.

Zuerst Deutsche im Visier

«Eigentlich hatten wir zuvor mit Gänsen nicht viel am Hut. Wir haben alle Pflanzenbau in Zollikofen studiert», schmunzelt der Freiburger. In der Schweiz hat der Gänsebraten keine grosse Tradition. Das hinderte Benno Jungo, Patrick Walther und Dominik Füglistaller nicht, die Weideganshaltung salonfähig zu machen.

Bis es aber so weit war, mussten sie einige Klippen umschiffen. Denn es gab weder Tierschutzvorgaben noch Fütterungsvorgaben oder Absatzkanäle. Doch in dieser nahezu unbesetzten Nische sahen sie Potenzial. «2012 haben zwei Mitstudenten einige Gänse gemästet und anschliessend abgeklärt, ob sich das Fleisch verkaufen lässt», erklärt Dominik Füglistaller.

Genügsames Geflügel

«Unser Ziel war es, den zugewanderten Deutschen eine Gans zu verkaufen. Den Schweizern mussten wir zuerst zeigen, dass man das Federvieh essen kann», scherzt der 30-Jährige. Bei den Bauern stiess das Projekt auf offene Ohren. Viele haben sich informiert. Denn die Weidegans ermöglicht einen sanften Einstieg in die Direktvermarktung.

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Die Gans ist ein genügsames Weidetier, das die Fläche bodenschonend nutzt. Das neugierige Geflügel grast auch in unwegsamen Gelände. Einige Produzenten lassen die Tiere in Hochstammanlagen oder Trüffelgärten weiden. Eingestallt werden die Jungtiere zwischen März und Mai. Die ersten sechs Wochen verbringen sie im warmen und windgeschützten Stall. Versorgt werden sie während dieser Zeit mit einem Aufzuchtfutter.

1 Are pro Tier

Anschliessend erhalten sie täglich Auslauf. Die Gänse ernähren sich in der Folge grösstenteils von Gras. Einige Produzenten verfüttern den Tieren noch ein wenig Getreide. In einem Becken haben die Gänse die Möglichkeit, ihrem Schwimmtrieb nachzugehen. Pro Tier wird rund eine 1 Are Fläche benötigt.

Der Betreuungsaufwand ist bei den Gösseln (Jungtiere) am grössten. Sobald die Tiere Weidegang erhalten, minimiert sich der Aufwand auf das Ein- und Auslassen. «Die Tiere müssen in den Stall, sonst greift der Fuchs zu», erklärt Benno Jungo. Die Schlachtreife erreichen die Gänse zwischen November und Dezember. Dies hängt davon ab, wann die Kunden die geschlachtete Gans beim Produzenten abholen.

Verein ist kein Händler

Wichtige Elemente von weidegans.ch sind die Regionalität und die Direktvermarktung. «Obwohl wir ein gesamtschweizerisch tätiger Verein sind, sind  die Absatzkanäle lokal», betont Jungo. Die Bauern schaffen sich diese Kanäle selbst. «Der Verein verkauft keine Gänse», stellt der 27-Jährige klar. Weidegans.ch erbringt Leistungen wie die Beschaffung der Jungtiere und des Aufzuchtfutters.

«Weil wir das Futter gemeinsam einkaufen, wurde es für die Mühlen interessant, ein solches zu entwickeln» sagt Jungo. Auch beim Bestellen der Gössel macht sich der Grösseneffekt bemerkbar. Daneben stellt der Verein das Basismarketing mittels Website, Gütesiegel, Tragtasche und Flyer zur Verfügung.

Ein Viertel des Bedarfs

Ein weitere Aufgabe ist das Verhindern von Preisdumping. Den Mitgliedern wird empfohlen, nur so viele Jungtiere einzustallen, wie sie verkaufen können, so Jungo. Für Weidegänse gibt es keine Direktzahlungen. «So haben wir keine Mitglieder, die nur wegen dem Geld Gänse halten. Für die Professionalität eines Produkts ist dies nicht unwichtig», verdeutlicht der Agronom. Alimentiert wird der Verein über Mitglieder- und Sponsorenbeiträge. Zudem werden pro Gütesiegel 2 Franken Lizenzgebühr fällig.

Dank der artgerechten und extensiven Produktion grenzt sich die Schweizer Gans gegenüber der ausländischen ab. Der Verein hat einem einheimischen Tier damit wieder Glanz verliehen. Pro Kilo Schlachtgewicht wird ein Verkaufspreis von 35 Franken empfohlen. Mit einer Herdengrösse von gegen 50 Tieren resultiert ein Stundenlohn von rund 25 Franken. Die 44 Produzenten halten derzeit rund 2800 Tiere. Sie decken damit in etwa einen Viertel des hiesigen Gänsefleischbedarfs ab.

Die Eier und Gössel werden derzeit aus Deutschland und Frankreich importiert. Künftig will der Verein auf einheimische Zucht setzen. «Es gibt erste Betriebe, die gezielt unterstützt werden müssen», so Jungo. Sollten der Verein den Agropreis gewinnen, würde er einen Teil des Preisgeldes in diese Betriebe investieren. Ein weiterer soll in Kommunikationsmittel fliessen.

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