Freitag, 15. Januar 2021
15.09.2014 15:31
Agriprakti

Jungen Frauen ein sinnvolles Zwischenjahr anbieten

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Von: Reto Blunier

Dank der Eigeninitiative der Luzerner Bäuerinnen können Jugendliche ein Zwischenjahr auf einem Bauernbetrieb absolvieren.

Sursee LU mausert sich immer mehr zu einem überregionalen Zentrum. Alte Gebäude weichen Wohnüberbauungen. Und auch Unternehmen investieren kräftig am westlichen Ufer des Sempachersees. Die gute Anbindung an das Strassennetz und den öffentlichen Verkehr macht den über 9000 zählenden Ort zu einem attraktiven Wohnort. In Sursee kann seit 2013 auch ein neues Bildungsangebot in der Landwirtschaft belegt werden. Dank der Eigeninitiative der Luzerner Bäuerinnen können Jugendliche das agriPrakti-Hauswirtschaftsjahr besuchen.

Seinen Anfang findet das Projekt im Jahr 2011. Regula Bucheli, Präsidentin der Luzerner Bäuerinnen, führte mit ihren Vorstandskolleginnen Diskussionen über eine Wiederaufnahme eines Hauswirtschaftsjahres durch. Dieses war im Kanton Luzern vor Jahren verschwunden. Bevor eine Wiedereinführung zum Thema wurde, wurden mehrere Hundert Bäuerinnen und Nicht-Bäuerinnen befragt. Die Antworten waren eindeutig: Über 70 Prozent stimmten einer Neulancierung zu.

Botschafterinnen

«Anschliessend wandten wir uns an den Luzerner Bauernverband, um Geld für den Aufbau des agriPrakti zu beantragen», führt Regula Bucheli aus. Vonseiten des Verbandes kam das Okay. Die auf privatrechtlicher Basis gestützte Dienstleistung agriPrakti war geboren. Bucheli machte sich zusammen mit ihren Kolleginnen an die Aufbauarbeiten. Im Frühjahr 2012 suchten die Initiantinnen nach interessierten Bäuerinnen. Zu den Aufgaben gehörte auch die Anstellung von Lehrern.

Rebecca Rettig, die die schulische Leitung innehat, unterrichtet Fächer im Bereich Allgemeinbildung und Lerncoaching, Silja Müller lehrt  Hauswirtschaft. «Die Jugendlichen sind die Konsumenten von morgen. Damit werden sie zu den besten Botschaftern der Landwirtschaft», zeigt sich die gebürtige Ostschweizerin überzeugt. 

Alle profitieren

Welche Jugendlichen sollen mit dem Hauswirtschaftsjahr angesprochen werden? «Die Schüler sind heute immer jünger, wenn sie die Schule verlassen. Viele Mädchen sind aber nicht so weit, um eine Lehre zu beginnen», macht Rebecca Rettig deutlich. «Wir möchten die Kompetenzen der Jugendlichen in Sachen Hauswirtschaft und Ernährung fördern», betont Bucheli. Das agriPrakti wird so zu einem sinnvollen Zwischenjahr, auch für Jugendliche, die noch keine Lehrstelle gefunden haben.

«Die jungen Frauen machen während dieses Jahres eine grosse Entwicklung durch. Sie legen deutlich an Erfahrung zu», hebt Rettig hervor. Die Teenager lernen, sich in eine bestehende Gemeinschaft einzufügen und anzupassen. Ihr Bewusstsein für die Natur, die Landwirtschaft und die Tiere wird gestärkt. Zudem eignen sie sich Fähigkeiten wie Pünktlichkeit, Teamfähigkeit und Selbstständigkeit an.

Entlastung und Bereicherung

Einmal pro Woche besuchen die jungen Frauen die Schule. Der praxisbezogene Unterricht soll sie primär auf die Berufswelt vorbereiten. Die übrigen vier Tage verbringen sie auf dem Hof, vornehmlich im Haushalt und im Garten. Doch es besteht auch die Möglichkeit, im Stall oder auf dem Feld mitzuarbeiten. Die Jugendlichen werden für ihre Arbeit entlöhnt. Nach Abzug von Kost und Logis erhalten sie einen monatlichen Lohn von 330 Franken.

Für die teilnehmenden Bäuerinnen sind die jungen Frauen einerseits eine Entlastung. «Andererseits sind sie auch eine Bereicherung. Die Bäuerinnen hinterfragen ihre täglichen Abläufe und erhalten einen Einblick in das Denken junger Frauen»,  hebt Regula Bucheli hervor. Bevor die Jugendlichen aber einen Platz für das agriPrakti erhalten, müssen sie die Bäuerin anrufen und eine Schnupperlehre absolvieren. Danach entscheiden die Ausbildnerin, die junge Frau und deren Eltern gemeinsam, ob die Stelle angetreten wird. Jene, die sich zuerst dafür entscheiden, erhalten sie.

«Die Eltern der Mädchen arbeiten in sehr unterschiedlichen Berufen, sie wohnen aber eher im ländlichen Gebiet», führt Regula Bucheli aus. Das agriPrakti schlägt mit 4500 Franken Schulgeld zu Buche. Sollte es aber für die Eltern nicht möglich sein, dieses zu bezahlen, wird nach Lösungen gesucht. Das Ziel ist es, das Zwischenjahr selbsttragend zu gestalten. Momentan ist dies noch nicht der Fall. 

Grosses Bedürfnis

«Wir sind keine Berufsschule. Die Schülerinnen erhalten  kein staatlich anerkanntes Zeugnis. Dafür haben wir viele Freiheiten bei der Gestaltung  des Lehrplans», erklärt Rebecca Rettig. Das Hauptziel beim Zwischenjahr lautet, dass sämtliche Jugendlichen nach einem Jahr eine Anschlusslösung gefunden haben. Die 24 Schülerinnen des ersten Jahrgangs haben alle eine gefunden.

Das Bedürfnis nach dem Hauswirtschaftsjahr ist gross. Die 24 Plätze für das Schuljahr 2013/14 waren im März 2013, jene für das Schuljahr 2014/15 bereits im Januar 2014 belegt. Und vonseiten der Bäuerinnen ist das Interesse hoch. Über 30 Betriebe bieten Plätze an. Damit wäre die Nachfrage da, um  das Angebot zu vergrössern. «Wir können nicht mehr Plätze anbieten, da wir in Sursee bezüglich Schulraum am Limit sind», erklärt Regula Bucheli.

Das agriPrakti soll dereinst auch für andere Kantone adaptiert werden. «Bei einem Sieg würden wir das Preisgeld einerseits in Form eines Ausflugs oder Ähnlichem in die Klasse fliessen lassen. Andererseits würden wir das Projekt weiterentwickeln», betont Bucheli.

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