11.10.2016 17:38
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Mit Bio-Wildbeeren einen neuen Markt aufgebaut
Simon und Christoph Räss aus Benken ZH haben ihren Betrieb auf den Kopf gestellt. Statt Kartoffeln kultivieren die beiden auf 25 Hektaren Bio-Wildbeeren. Diese gelangen in den Detailhandel oder werden verarbeitet.

Das Zürcher Weinland ist noch ländlich gefärbt. Liebliche Dörfer laden zu einem Besuch ein. Benken ist ein typisches Beispiel. Das Dorf wird von der Landwirtschaft und dem Gewerbe geprägt. Der dörfliche Charakter, das milde und trockene Klima sowie die Nähe zu Schaffhausen und Winterthur machen Benken auch zu einem begehrten Wohnort. 

Nur wenige hundert Meter vom Betrieb entfernt befindet sich der Rhein. Dessen Wasser spielt auf dem Betrieb Räss eine wichtige Rolle. In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts krempelte Vater Hans Räss den Betrieb total um. Statt auf die Milchwirtschaft spezialisierte er sich auf den Kartoffelanbau.

Grosses Potenzial

Da das Niederschlagsaufkommen in der Region mit 500 bis 700 mm gering ist und die leichten und sandigen Böden relativ rasch austrocknen, entschieden sich einige Bauern damals, ihre Felder mit Wasserleitungen zu erschliessen. Dies ermöglichte der Familie eine hochprofessionelle Kartoffelproduktion. Mit dem Generationenwechsel sollte dieses Kapitel aber ein Ende finden.

Vor drei Jahren haben Hans Räss’ Söhne Simon und Christoph entschieden, den Betrieb strategisch neu auszurichten. Statt auf Kartoffeln setzten sie auf den Bio-Wildbeerenanbau. Klasse statt Masse – eine Differenzierungsstrategie mit Nischenorientierung; so lautete fortan die Betriebsphilosophie. Ein Verdrängungswettbewerb findet nicht statt. «Im Gegenteil, weitere Produzenten sind willkommen. Dieser Markt  hat ein riesiges Potenzial», betont Simon Räss. Ernährungstrends wie Gesundheit, Regionalität und Natürlichkeit würden den Konsum weiter beflügeln, zeigt sich der Agronom und Betriebswirtschafter überzeugt. «Gesundheit muss man aber mit Bio koppeln», erläutert der 29-Jährige. 

Fast kein Wissen da

«Meine Freundin Michelle, die in einem Verarbeitungsbetrieb arbeitet, erzählte uns über hohe Pflanzenschutzmittel-Rückstände in ausländischen Goji-Beeren», erzählt Christoph Räss (24). «Wir können das besser, sagten wir uns. Der Entscheid war rückblickend betrachtet vielleicht ein wenig naiv», schmunzelt der ausgebildete Landmaschinenmechaniker. Denn die konsequente Ausrichtung auf die Beeren stellte die beiden vor enorme Herausforderungen und erforderte zudem eine grosse Portion Mut.

Das Wissen über den Anbau und die unterschiedlichen Sorten von Wildbeeren war sehr gering. Dieses mussten  die Brüder vor allem bei Baumschulen, Produzenten und Verarbeiter  im Ausland zusammentragen. Im Jahr 2013 reisten sie deshalb oft nach Deutschland, Polen, Italien und Tschechien. Diese Besuche ermöglichten den Aufbau eines engmaschigen Netzwerkes, von welchem sie noch heute profitieren. Die landwirtschaftlichen Beratungszentren Strickhof und Arenenberg sowie die Forschungsanstalt Agroscope unterstützten sie bei Sortenversuchen.

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Nebst den anbau- und sortentechnischen Fragen stellte vor allem die Finanzierung die Familie vor eine Herkulesaufgabe. Die Arrondierung des Betriebes   sowie die Bewässerungsleitungen haben beim Anlegen der Beeren geholfen. Das Kultivieren von Wildbeeren ist aber äusserst kostenintensiv. Die finanziellen Mittel wurden durch  die Desinvestition im Kartoffelbau und Bankkredite generiert.

20'000 bis 200'000 Fr.

Je nach Kultur fallen Erstellungskosten von 20'000 bis 200'000 Franken pro Hektar an. Das umfasst Bewässerung, Überdachung und den Unterhalt. Die Investitionen bei den Aroniabeeren sind am tiefsten, bei den Goji am höchsten. Folgerichtig wurde die Hälfte der 25 Hektaren Beerenfläche mit Aronia belegt. Die Gebrüder gehören damit zu den zwei grössten Produzenten in der Schweiz. Der grossflächige Anbau macht den Anbau wirtschaftlich interessanter.

Auf den übrigen 12 Hektaren werden Cassis, Mai-, Heidel-, Johannis-, Stachel- und Goji-Beeren kultiviert. Und auch Kiwi, Kaki, Sanddorn und Indianerbananen haben Platz gefunden. Die grosse Vielfalt an Beeren ermöglicht eine Erntesaison von Mai bis Oktober. Dank dem warmen und trockenen Klima ist der Krankheitsdruck gering. Mehr Sorgen macht ihnen die Kirschessigfliege. «Bisher hatten wir Glück», halten die beiden fest.

Fläche weiter ausdehnen

Rund 40 Prozent der Beeren fliessen als Frischware in die Regale von Coop, Migros und Globus, 60 Prozent werden zu Saft und Trockenprodukten verarbeitet. Die Ernte der Tafelware erfolgt von Hand, Verarbeitungsware wird maschinell geerntet. Vermarktet werden die Beeren von der Landi Hüttwilen. «Die Zusammenarbeit ist ausgezeichnet. Wir können uns so auf die Produktion konzentrieren», sagt Simon Räss.

Mit ihren Produkten haben sie gar einen Absatzkanal in der Alternativmedizin erschlossen. «Das bedingt jedoch, dass die Erzeugnisse absolut frei von Rückständen sind», legt er dar. Die Beerenfläche möchten die beiden um weitere 5 auf insgesamt 30 Hektaren erweitern. Sollten sie den Agropreis gewinnen, würden sie das Preisgeld in eine bisher wenig bekannte Wildpflanze mit hohem Gesundheitswert investieren.

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