12.10.2017 15:16
Quelle: schweizerbauer.ch - Martin Raaflaub
Agropreis
Mit einem Trendgetränk Obstbäume erhalten
Baumbestandene Wiesen prägen die sonnigen Appenzeller Hänge hoch über dem Rheintal. Die hohe Wertschöpfung des Trendgetränks Bschorle, ein Mischung von Bier und Saft, ermöglicht den Erhalt der Obstbäume.

Alkoholfreie Mischgetränke mit Bier und Fruchtsaft boomen. Während die meisten Schweizer Brauereien das Bier mit Zitronenlimonade mischen, spannt die Appenzeller Brauerei Locher mit Appenzeller Landwirten um Projektgründer Fredi Klee zusammen und bietet ein besonderes Regionalprodukt an: Ein Panaché mit Appenzeller Bier und Appenzeller Obstsaft, das Bschorle.

Lanciert im Juni 2016, hat es die Getränkeregale in der Nordostschweiz in Kürze erobert. Als mildes und alkoholfreies Bier kann es von allen Altersgruppen genossen werden. «Jugendlichen imponiert natürlich auch, dass sie eine echte Bierflasche in der Hand halten», schmunzelt Fredi Klee.

Obst in Grüngutabfuhr

Appenzell ist klein, und die Wege sind kurz. Offensichtlich auch die Wege von Mensch zu Mensch und von der Produktidee bis zur Realisation. Im Falle des Bschorle vergingen zwischen Produktidee und erfolgreicher Lancierung keine zwei Jahre. «Die Preise fürs Mostobst fielen nach 2014 so tief, dass nach Abzug der Transportkosten dem Produzenten fast nichts mehr blieb», erinnert sich Fredi Klee.

Mancher Landwirt überlegte sich, das Obst den Kühen zu verfüttern oder liegen zu lassen: «Sogar in der Oberegger Grüngutabfuhr tauchte ein Posten Obst auf», erzählt er. Andrea Klee ist noch heute erschüttert über diese Verschwendung von Lebensmitteln.

Zentrales Element

Für das Oberegger Paar war klar, dass etwas geschehen musste, damit das Obst und damit mittelfristig auch die Obstbäume nicht verloren gehen. Denn die Hochstammbäume sind ein zentrales Element der Landschaft des Appenzeller Vorderlandes, des Höhenzipfels, der sich wie ein Schiffsbug zwischen dem Bodensee und dem Rheintal vorschiebt. «Zudem sollte sich doch das starke Herkunftslabel ‹Appenzell› und die Identifikation der Appenzeller mit ihrem Ländli auch für die Vermarktung eines Obstsaftes nutzen lassen», war sich Fredi Klee sicher.

Handschlag

Im Rahmen eines Workshops des landwirtschaftlichen Beratungsdienstes sprach Fredi Klee mit der Geschäftsleitung der Brauerei Locher. Er wollte sondieren, ob es möglich wäre, die Getränkelogistik der Brauerei Locher für den Vertrieb eines Appenzeller Mostes zu nutzen, oder ob eine Variante mit Bier möglich wäre. Karl Locher nahm den Faden für ein Panaché aus Obstsaft und Bier sofort auf.

Obwohl weder ein Fabrikationsrezept noch eine Marktstudie vorhanden waren, verpflichtete sich die Brauerei Locher noch in der gleichen Stunde per Handschlag, die gesamte Vorderländer Obsternte zu übernehmen. «So etwas klappt nur unter Appenzellern», kommentiert Fredi Klee trocken.

Lancierung erfolgreich

Im Juni 2016 lancierte die Brauerei Locher nach einer intensiven Produktentwicklungsphase und unzähligen Degustationen das Bschorle. Für die erste Degustation war Fredi Klee mit einem Car voller Berufskollegen nach Appenzell gereist. Er war ziemlich nervös, denn auch er hatte das Produkt bisher noch nicht zu Gesicht bekommen. Zum Glück waren alle von Geschmack und Darbietung des Bschorle begeistert.

Seither sind die Sechser-Packungen mit den Apfelbäumen und dem Oberegger Kirchturm in den Getränkeregalen in den beiden Appenzeller Halbkantonen unübersehbar. Mit dem Bieressig, einem balsamico-ähnlichen milden und süssen Essig, hat die Brauerei Locher seither schon ein weiteres Produkt mit Appenzeller Obstsaft kreiert.

30 Mitglieder

Fredi Klee war während der Produktentwicklung abmachungsgemäss zu Stillschweigen verpflichtet. Deshalb musste die Arbeit an der Produzentenstruktur so lange ruhen. Umso aktiver ist Fredi Klee seither: Gründung der IG Appenzeller Obst, Aufbau eines Aktivitätsprogramms, Erarbeiten einer Dokumentation, Festhalten der bisherigen mündlichen Handschlag-Abmachungen zu Mengen und Preisen in schriftlichen Verträgen. Zurzeit zählt die IG Appenzeller Obst gut 30 Mitglieder, die aus beiden Halbkantonen stammen.

Anders als bei vielen Regionalprodukten begnügen sich die Landwirte um Fredi Klee mit der Aufgabe als Lieferant des (allerdings einzigartigen) Rohstoffes Appenzeller Hochstamm-Mostobst. Die IG organisiert die Sammelorte, das Pressen und die Aufkonzentrierung des Saftes. Herstellung, Marketing und Vertrieb des Bschorle liegen dagegen ganz in der Hand der Brauerei Locher. Fredi Klee kennt weder den Anteil Obstsaft im Bschorle noch die Absatzzahlen.

Das stört ihn keineswegs. «Mein Ziel ist erreicht: Es werden wieder Obstbäume gepflanzt.» Dass dies erreicht werden konnte, ohne eigenes Kapital und allzu viel eigene Arbeit ins Projekt zu stecken, ist für Klee ein Glücksfall. Nicht zuletzt auch, weil  seine Zeit mit seinem Landwirtschaftsbetrieb und seinem Nebenerwerb schon gut ausgefüllt ist. 

www.appenzellerobst.ch

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