11.10.2016 17:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Mit Lebenswerk Wertschöpfung ins Bergdorf gebracht
Das Leben im wilden Calancatal ist beschwerlich. Die Bergbauernfamilie Berta aus Braggio sorgt mit einer Verknüpfung zwischen Ferienhausvermietung und Agrotourismus für Wertschöpfung im Dorf.

Ein kleines Verkehrsschild weist in der Ortschaft Grono ins Calancatal. Der Weg dorthin führt über eine steil ansteigende Strasse, die in mehreren Serpentinen die rund 500 Meter Höhenmeter überwindet. Über eine beeindruckende Brücke führt der Weg ins südliche Bündnertal hinein. Obwohl das Gebiet auf der Alpensüdseite liegt und italienisch gesprochen wird, gehört es seit Jahrhunderten zum Kanton Graubünden.

Abseitsstehen zum Vorteil ausgenutzt

Den Besucher erwarten steil abfallende Bergflanken, durchsetzt mit Wäldern und landwirtschaftlich genutzten Flächen. Kleine Dörfer, lieblich eingebettet in den Hängen, trohnen hoch über dem Talgrund. Die wohltuende Ruhe, die Unversehrtheit und die Abgeschiedenheit sind das pure Gegenteil von der nur 25 Kilometer entfernten, pulsierenden Tessiner Kantonshauptstadt Bellinzona.

Das Abseitsstehen bringt aber auch negative Aspekte mit sich. Arbeitsplätze sind rar, die Folge ist Abwanderung. Mittlerweile ist die Hälfte der Einwohner des Calancatals im Rentenalter. Zuweilen fehlt es an Perspektiven. Die Familie Berta will davon nichts wissen. Sie nutzt das geografische Abseitsstehen zu ihrem Vorteil aus.

Puzzleteile

Der Weg hinauf in die 50 Einwohner zählende Gemeinde Braggio auf 1300m.ü.M. ist abenteuerlich. Der Ort lässt sich nur mittels Seilbahn erreichen, die der Besucher selber in Gang setzt. Nur während den Sommermonaten steht für den land- und forstwirtschaftlichen Verkehr eine Strasse offen. Die Seilbahn, die faszinierende Landschaft, die frische Bergluft und die Ruhe sind Puzzleteile des Agrotourismusprojekts der Familie Berta.

Die Anfänge reichen weit zurück. Agnes Berta kam eher zufällig ins Bergdorf. Die aus einer Architektenfamilie stammende Zürcherin liess sich zur Landwirtin ausbilden. Nach der Lehre reiste sie viel. Anschliessend war sie drei Sommer lang auf einer Alp, eine Saison absolvierte sie im Tessin. Dort wurde ihr zugetragen, dass ein Bauer aus Braggio einen Nachfolger suche.

Neue Heimat gefunden

1981 konnte sie den Bauernhof pachten. Mit 2,5 ha Land und 20 Milchziegen begann ihre Laufbahn als selbstständige Bäuerin. «Im Calancatal fand ich eine neue Heimat», betont Agnes Berta. Hier lernte sie auch ihren Mann Luciano kennen, den sie 1983 heiratete. Kurze Zeit später kamen die beiden Kinder Romano (1984) und Aurelia (1986) auf die Welt.

Die Idee, die Gegebenheiten des Ortes touristisch zu nutzen, hegte sie schon früh. «In unserem Tal ist das Angebot an Übernachtungsmöglichkeiten klein. Und es ist doch besser, wenn die Gäste das Geld hier ausgeben», lächelt Berta. Es galt dabei eine optimale Synergie zwischen der Landwirtschaft und dem Dienstleistungsangebot zu finden.

Bergzone IV

Die Tourismussaison dauert von April bis Oktober und fällt damit auf die Arbeitsspitzen  des Biobetriebs in Bergzone IV. Denn von Juni bis August wird das Heu für die Wintermonate eingefahren. Auf dem Hof mit einer Nutzfläche von 10 Hektaren leben heute nebst 5 Milchkühen 3 Rinder, 18 Milchschafe und 2 Schweine.

Die Verknüpfung zwischen Landwirtschaft, Ferienhausvermietung und Agrotourismus versprach Potenzial. 1996 starteten sie mit der Vermietung des ersten Hauses. In der Nachbarschaft wurde ein Haus  frei, die Bertas konnten dieses mieten und Gästen anbieten. 

Vier Projekte sind von der Jury für den diesjährigen Agropreis nominiert worden. Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben nun die Möglichkeit, Ihrem bevorzugten Projekt die Stimme für den Leserpreis zu geben. Hier gehts zum Voting

Der weitere Ausbau folgte in mehreren Schritten. 2006 und 2011 eröffneten sie weitere Ferienhäuser. Mit der Fertigstellung des Mehrzweckhauses 2012 wurde das Projekt vollendet. Hier werden die Gäste verpflegt sowie Seminare, Feste oder Weiterbildungen durchgeführt. «Mit unserem Angebot wollen wir Wertschöpfung und Optimismus in das Dorf bringen», führt die 64-Jährige aus. Im Betrieb helfen die Schwester von Luciano sowie in Spitzenzeiten Aurelias Partner Cleto und eine Frau aus dem Nachbardorf mit.

Generationenwechsel

Heute bietet die Bergbauernfamilie 22 Betten in vier Ferienhäusern an. «Wir sind aber kein klassisches Hotel», macht Berta  deutlich. Jede Wohnung ist mit einer Küche ausgestattet. Diese wird oft genutzt. «Das hilft wiederum dem Dorfladen, der seine Ware unseren Gästen verkauft», hält sie fest. Zwei- bis dreimal pro Woche kocht Agnes Berta ein Menü. Dabei verwendet sie Produkte wie Käse und Fleisch vom eigenen Hof und Gemüse vom Garten.

Die Gäste stammen zu 60 Prozent aus der Schweiz.  Daneben finden auch Touristen aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden oder Italien den Weg nach Braggio. Vermittelt werden die Zimmer über Agrotourismus Schweiz und Mund-zu-Mund-Propoganda.
Im Jahr 2017 steht dem Betrieb ein Generationenwechsel bevor. Tochter Aurelia, die derzeit bei den Eltern angestellt ist, wird den Betrieb von ihren Eltern übernehmen.

Der Agrotourismus wird weiterhin ein wichtiger Bestandteil bleiben. «Doch die Mithilfe der Eltern ist wichtig. Ohne sie geht es nicht», hält Aurelia Berta fest. Sollten sie den Agropreis für sich entscheiden, würden sie das Preisgeld in einen professionellen Marketing- und Kommunikationsauftritt investieren. «Hier legt noch Potenzial brach», halten Mutter und Tochter fest.

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