15.10.2020 16:15
Quelle: schweizerbauer.ch - Reto Blunier
Agropreis
Landwirtschaft hautnah erleben
Die Familie Reusser hat mit den Erlebniswegen zwei Ziele erreicht. Sie kann die Bevölkerung über die Landwirtschaft informieren. Zudem wurden die hofeigenen Dienstleistungen gestärkt. Der Effort zahlt sich aus.

Das Dorf Biezwil SO liegt auf der Hochfläche des Bucheggbergs und bietet den Besuchern einen wunderbaren Blick auf den Jura. In der rund 300 Einwohner zählenden Gemeinde im Kanton Solothurn hat die Landwirtschaft einen wichtigen Stellenwert. Lieblich gepflegte Bauernhäuser und Äcker zeichnen das Dorf und seine Umgebung aus. Diese Voraussetzungen hat die Familie Reusser genutzt, um die Landwirtschaft und den Betrieb zu positionieren.

Landfrauenküche 

«Wir müssen nichts erfinden, sondern wir haben alles vor der Haustüre. Das zeigt die Realität und verleiht uns Glaubwürdigkeit», erklärt Nicole Reusser. Der Ursprung der Erlebniswege liegt rund 6 Jahre zurück. Die Ernährungsberaterin wurde damals national bekannt durch die Sendung «Landfrauenküche». In der Folge erhielt Nicole Reusser viele positive Rückmeldungen.

Und sie wurde gefragt, ob man auf dem Hof auch essen könne. Die Familie sah darin eine Chance und lancierte im März 2015 ein agrogastronomisches Angebot mit Produkten vom eigenen Betrieb sowie von befreundeten Höfen. «Nach der ersten Saison merkten wir aber, dass noch etwas fehlt», führt Nicole Reusser aus.

Berührungspunkte schaffen

Denn viele Gastronomiebesucher hatten zahlreiche Fragen rund um die Landwirtschaft. «Sie hatten sich einen Bauernhof gar nicht so vorgestellt», schmunzelt die Mutter von sechs Kindern. Ausserdem suchte die Familie nach einer Möglichkeit, im Sommer und Winter Gäste auf den Hof zu locken und die Direktvermarktung anzukurbeln. Für Reussers war aber von Anfang an klar, dass das zusätzliche Angebot nicht zu personal- und kostenintensiv sein darf.

Sie bemerkten, dass sich die Passanten Zeit nahmen, die Informationen auf den Lockpfosten zu lesen. Für Nicole Reusser war das das Signal, mehr Zeit in die Kommunikation zu investieren. Und das war die Geburtsstunde der Erlebniswege. «Das Ziel, Berührungspunkte zu schaffen und Familien emotional an unseren Hof zu binden, haben wir erreicht», führt die 44-Jährige aus. 

Jedes Jahr optimiert

Der Erlebnisweg «Milchstrasse», der von April bis Ende August in Betrieb ist, bindet die auf den 28 Hektaren angebauten Kulturen Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste, Zuckerrüben, Raps, Ökoelemente sowie die Schweinemast  mit ein. 2017 erfolgte die Eröffnung. Jedes Jahr wurde der Weg optimiert. «Und intensiviert», hält Nicole Reusser lächelnd fest. So können die Besucher die Kulturen nicht mehr nur vom Wegrand, sondern neu direkt im Feld «erleben».

Ebenfalls neu konzipiert, zusammen mit dem Landwirtschaftlichen Informationsdienst, wurden die Thementafeln, die über die Pflanzen, Nutztiere und die Landwirtschaft informieren. Zusätzlich haben Nicole und Fritz Reusser ein Begleitbüchlein geschaffen, das den Besuchern weitere Informationen vermittelt. Für den 1,5 Kilometer langen Weg mit rund 15 Posten werden rund 90 Minuten benötigt.

Transparenz schaffen

Der Weg kommt beim Publikum gut an. Seit dem Start vor vier Jahren wurden immer mehr Gäste gezählt. «2020 hat der Besucherstrom vermutlich auch wegen Corona noch einmal einen Schub erhalten», hält Fritz Reusser fest. Geholfen hat auch, dass das Angebot auf Plattformen wie Famigros und Onlineforen publiziert wird. «Unsere Gäste kommen aus der Region, aber auch aus Basel, Bern und Zürich», sagt der Landwirt.

Für die Bauernfamilie ist  Transparenz sehr wichtig. «Die Konsumenten wollen heute wissen, woher das Essen kommt. Sie wollen bei Fragen ernst genommen werden. Und es braucht einen Wow-Effekt», erklärt Nicole Reusser. Mit den Erlebniswegen komme man diesen Bedürfnissen nach, fährt sie fort. Wichtig ist für die Familie: Sie wollen nicht belehren, sondern informieren. Die Thementafeln bauen ausserdem Hemmschwellen ab. «In der momentanen Situation ist das sehr wichtig. Denn der überwiegende Teil der Bevölkerung verfügt nur noch über wenig Kenntnisse der Landwirtschaft. In einer Diskussion kann ich erklären, weshalb ich was mache», hält Fritz Reusser fest. 

Brückenbauer

Die Aufklärungsarbeit ist also ein erklärtes Ziel. Die Wege sollen auch helfen, das Bild der Landwirtschaft zu verbessern. Der 45-Jährige versteht sich als Brückenbauer. Der ausgebildete Landwirt und Betriebsökonom gibt sich selbstkritisch: «Wir müssen uns auch selbst an der Nase nehmen. Die Landwirtschaft setzt von der Bevölkerung zu viel Wissen voraus.»

Nebst der Information verfügen die Wege auch über einen wirtschaftlichen Nutzen. Das gastronomische Angebot des Zeglihofs  wird bekannter.  Zudem konnten die Reussers die Direktvermarktung stärken. «So weisen wir auf den Infotafeln darauf hin, dass unser Getreide als Mehl oder verarbeitet zu Backwaren gekauft oder auf dem Hof konsumiert werden kann», erklärt Nicole Reusser.

Zusammenarbeit

Seit diesem Jahr können die Gäste im Garten grillieren. Den Platz stellt die Bauernfamilie zur Verfügung «Wir haben einen Kühlschrank installiert, wo man Fleisch kaufen kann», sagt Fritz Reusser. Im Sommer sind der Weg und die Grillstelle von Mittwoch bis Sonntag geöffnet. Das Angebot zahlt sich wirtschaftlich aus. Viele der Besucher nutzen später auch das gastronomische Angebot oder die Absatzkanäle in der Direktvermarktung, zum Beispiel über den Onlineshop. 

Da die «Milchstrasse» nur im Sommer geöffnet hat, suchten Reussers nach einem Angebot, das auch im Winter Gäste auf den Hof bringt. Zusammen mit acht Partnern von ausserhalb der Landwirtschaft wurde 2019 erstmals ein Weihnachtsweg angeboten. «Es ist eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Jeder unserer Partner schreibt seine Kunden an und kann so profitieren», hält Nicole Reusser fest.

Weiterer Weg in Planung

Und 2022 soll ein weiteres Projekt realisiert werden: einen Weg in Form eines Labyrinths in der 2018 angelegten Trüffelplantage. «Damit wollen wir die Feinschmecker ansprechen», erklärt sie. Mit den Erlebniswegen hat die Bauernfamilie also eine multifunktionale Plattform geschaffen. Wird es der Familie bei so vielen Gästen nie zu viel? «Wir haben zwei Ruhetage pro Woche. Mindestens einen Sonntag pro Monat gehört ganz der Familie», sagt sie.

Sollten sie den Agropreis gewinnen, würden sie das Preisgeld in ein Familienprojekt investieren. Der älteste Sohn wird eine Sprachschule besuchen. «Die gesamte Familie würde ihn dort besuchen», halten Reussers fest.

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