8.11.2017 12:41
Quelle: schweizerbauer.ch - Susanne Sigrist Ali
Wallis
100 Ziegen als Helden für den Naturschutz
Ziegen und Schafe als Landschaftspfleger. Das ist das erklärte Ziel des Fördervereins Faunus. Und es funktioniert.

Schützen oder produzieren? Gar oft haben Landwirte und Naturschützer das Heu nicht auf der gleichen Bühne, und ihre Ziele scheinen unvereinbar. Selten gibt es ein Miteinander, manchmal aber ein Nebeneinander. Zum Beispiel im Oberwallis, wo der Förderverein Faunus ein Ziegenprojekt aufgebaut hat. Im Zentrum steht jedoch nicht die Fleisch- oder Milchproduktion, sondern die Landschaftspflege.

«Wir halten aktuell 60 Capra Grigia und 40 Nera Verzasca», erzählt Marc Wyer, Projektleiter von Faunus. «Es sind alte Rassen, wendig im steilen Gelände und trittsicher. Sie haben ein kurzes Fell und verheddern sich nicht in Büschen oder Zäunen. Daneben besitzen wir 50 Schafe, Skudden,  Jakobsschafe und Landschafe, welche ebenfalls gut im Gelände unterwegs sind».

Kulturlandschaft erhalten

Die einzige Aufgabe der 150 Tiere ist fressen, wozu sie nicht gross motiviert werden müssen. Mit ihrer genügsamen Art machen sie vor Bäumen und Büschen nicht Halt und bringen dadurch Licht in verwachsene Landstriche. Beim Projektstart im Jahr 2016 waren sie zuerst in Koppeln in Kastleren, bevor weitere Standorte dazukamen.  Kastleren ist ein höher gelegener Trockenstandort der Gemeinde Turtmann.

Georges Jäger, Präsident der Burgergemeinde Turtmann, hat nicht nur eine politische, sondern auch eine emotionale Beziehung zu diesem Flecken Erde. «Als Student habe ich dort die Schafe des Dorfes gehütet. Damals war die Fläche noch offen. Jetzt bin ich Schuldirektor, und die Wiesen sind vergandet.» «Wir von der Burgergemeinde möchten die alte Kulturlandschaft erhalten», erklärt Georges Jäger die Unterstützung des Projekts Faunus. «Fauna und Flora kehren auf die entbuschten Flächen zurück, wie zum Beispiel das Adonisröschen».

Balance zwischen Unter- & Übernutzung


Die Schwierigkeit bei einem Landschaftsprojekt sei, so Jäger, die nötige Balance zwischen Unter- und Übernutzung zu finden. «Flächen, die Faunus geöffnet hat, werden wir an Bauern verpachten. Weidegang ist möglich, muss aber sorgfältig erfolgen.» Die Burgermeinde Turtmann besitze viel Land, und sie sei trotz gelegentlicher Kritik gewillt, sich für die Natur zu engagieren. «Natürlich wirft das keinen finanziellen Profit ab, aber wir können der Natur etwas zurückgeben», erklärt er.

Nebst Geld von Burgermeinden wie Turtmann (Gebiet Kastleren) und Leuk (Pfynwald) sind es auch kantonale und nationale Gelder, welche in Faunus-Projekte fliessen. Faunus wiederum ist ein Verein, der nicht gewinnorientiert arbeitet. Der verantwortliche Marc Wyer verdient sein Geld in einem Forst- und Umweltbüro für Waldbewirtschaftung, Naturgefahren  und Landschaftsschutz.

Asylbewerber helfen mit

Die rund zehn Asylbewerber pro Tag, welche bei Faunus mithelfen, erhalten im  Beschäftigungsprogramm eine kleine Tages- und Verpflegungsentschädigung.  Sie sind – neben den drei Schäfern Markus, Simone, Barbara und den vier Hirtenhunden – die wichtigsten Arbeitskräfte vor Ort: Sie zäunen ein, wechseln die flexiblen Zäune, mähen unter den Drähten, kontrollieren diese und auch die Tiergruppen. Sie arbeiten immer, wenn die Tiere im Freien sind, das heisst, nur während den Deutschstunden in ihrer Wohngemeinden und in der Winterpause sind sie nicht da – und die Ziegen sind in einem Stall auf dem Pfyngut einquartiert.

Pächter Thomas Elmiger hatte früher Schottische Hochlandrinder in den Waldflächen geweidet. «Das war sehr aufwändig», erinnert er sich. «Für uns Landwirte ist es einfacher, wenn diese Arbeit von Faunus gemacht wird, da sind wir nicht Konkurrenten.» Besonders viel Arbeit gibt das Zäunen, das tägliche Kontrollieren der Zäune und Tiere und auch das Tränken. «Ich setze bei meinem Betrieb auf die Produktion, weniger auf Landschaftspflege. Der Bund hat viel Geld für die Erstellung von Naturschutzprojekten, aber oft fehlt es nachher für den Unterhalt. Da springt zum Glück Faunus in die Lücke.»

Rasch gewachsen

Nach den üblichen Startschwierigkeiten ist das Projekt Faunus schneller gewachsen als erwartet. «Geradezu explosiv», meint Marc Wyer. Vermutlich wird der Ziegenbestand mit den Gitzi 2018 noch etwas erhöht. Momentan unterhalten sie 13 Koppeln in Kastleren, 19 im Pfynwald (ohne fixe Zäune), 2 in Siders, 8 in Bratsch, 5 in Leuk, 2 auf Kreuzhubel, 14 im Turtmanntal, 4 in Ergisch, 2 in Zeneggen und 22 entlang der Autobahn, total 7,5 Kilometer Zäune à je sieben Drähte allein in Kastleren.

Das ist ein grosser logistischer Aufwand für alle Beteiligten. Finanziert werden sie von Burgergemeinden, vom Kanton Wallis und vom Bund. Weitere Gelder fliessen aus dem Lotteriefonds, der Binding- und der Göhner-Stifung, Pro Natura, FMG, FLS und privaten Spendern. Private Personen können sich bei Faunus auch als Ziegen-Götti oder -Gotte registrieren und den Alltag «ihres Tieres» persönlich verfolgen.

"Die Situation im Wallis ist nicht vergleichbar mit anderen Kantonen"

Rosmarie Ritz, Geschäftsführerin der Oberwalliser Landwirtschaftskammer, vertritt in ihrer Funktion die Landwirte, räumt aber dem Projekt Faunus durchaus eine Existenzberechtigung ein, auch wenn vielleicht Bauern ebenfalls an solchen Arbeiten interessiert wären, wie sie meinte. «Marc Wyer, der Leiter von Faunus, hat vor zehn Jahren die Ausbildung zum Nebenerwerbslandwirt gemacht, er weiss, was er tut.»

Die Situation im Wallis lasse sich nicht mit anderen Kantonen vergleichen. «Hier arbeiten sehr viele Bauern im Nebenerwerb, sicher zwei Drittel», erklärt sie. «Die Flächen sind klein und zerstückelt. Wenn jemand einen Hof hat, dann führt er ihn mit Herzblut. Wir Walliser sind stolz auf unsere Tierrassen wie die Schwarznasenschafe, das Walliser Landschaf, die Schwarzhalsziegen oder die Eringer- und Evolenerkühe. Bei uns zählt auch Leidenschaft, nicht nur Rendite.» 


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