10.05.2015 07:17
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Siegenthaler
Neuseeland
13 Wochen - Zeit zum Abschied nehmen
Esther Siegenthaler, gebürtige Bauerntochter und ausgebildete Lehrerin aus Schangnau BE, hat knapp drei Monate als als Praktikantin auf mehreren Milchviehfarmen in Neuseeland gearbeitet und im Blog darüber berichtet. Doch bald geht es schon weiter. Sie wird vom Alpsommer aus dem Berner Oberland bloggen.

88 Mal habe ich in Neuseeland geschlafen, nun bin ich auf der Reise nach Hause und habe einen längeren Aufenthalt in Abu Dhabi. Ich nutze diese Zeit um zurück zu blicken.

Momentan ist das Einzige was ich verspühre grosse Freude, Freude wieder nach Hause zu kehren, die mir wichtigsten Menschen in die Arme zu schliessen und deutsch zu sprechen. Auch freue ich mich, wenn ich die Kühe wieder mit Namen ansprechen kann, Glocken anziehen und auf die Alp zügeln kann, halt "typisch schweizerische Dinge". Ich bin aber enorm froh um die vielen Erfahrungen und Erlebnisse welche ich mitnehmen kann.

Erdbeben erlebt

In den Blogs habe ich meist vom Alltag oder besonderen Farmen berichtet. Nebenbei habe ich viel anderes erlebt, was für mich neu war. Beispielsweise war ich an einem Rodeo, an Rugby-Games oder an einer Mastrinder-Versteigerung. Ich kam nicht mehr aus dem Staunen heraus. An einem Vormittagwerden 800 Rinder verkauft, in Gruppen von bis zu 20 Stück und es geht unglaublisch schnell.

Mir wurde im Vorfeld der Tipp gegeben, meine Hände im Hosensack still zu halten, denn sonst hätte ich plötzlich einen Kauf getätigt. Ein ähnlich mulmiges Gefühl hatte ich, als ich mein erstes Erdbeben verspührte. Es war nur ein schwaches, dennoch wusste ich im ersten Moment nicht, ob ich nun unter der Dusche hervorrennen oder mich still halten soll.

Milchziegenfarm mit 940 Ziegen

Auf der Nordinsel besuchte ich eine Ziegenfarm welche in einem 32er Fischgerätemelkstand 940 Ziegen milkt. Wegen den nasskalten Wintern und den Parasiten werden die Ziegen das ganze Jahr über im Stall gehalten und mit einem Förderband gefüttert. Eine Ziege produziert durchschnittlich 60 Milchsolids, pro MS wird 15  neuseeländische Dollar bezahlt. Klar sind die Produktionskosten höher, dennoch wird einem  Ziegenfarmer dreimal so viel wie ein Kuhfarmer pro Milchsolidausbezahlt. Wie auch teilweise auf Kuhfarmen, liegt auch bei den Ziegen ein Klauenproblem vor. In Neuseeland werden die Klauen  nur bei Lahmheit und Zeit der Farmer geschnitten, dementsprechend sind viele sehr lang.

No worries

Ich habe in Neuseeland ein ganz anderer Umgang mit der Freizeit erlebt, als wir diesen in der Schweiz haben. Auf mehreren Farmen wird am Sonntag genauso gearbeitet wie an den übrigen Tagen. Dafür war das Arbeiten meist weniger stressvoll. "No worries!", also "keine Sorgen!", ist wohl die häufigste Aussage. Ich war auf Farmen wo am Morgen nicht niemand wusste  was die Arbeit für den Tag, ja gar der nächsten Stunden ist. Und wenn man mit einer Arbeit vor dem Melken nicht fertig wurde, war dies aus kein Problem, hat man sie halt am nächsten oder übernächsten Tag erledigt. Zuerst hatte ich grosse Mühe mit dieser Einstellung, doch ich habe gelernt sie zu schätzen.

Nicht nur die Arbeitsorganisation, auch der Umgang mit Fehlern und Missgeschicken ist viel lockerer. Und, mir wurde auf jeder Farm ein grosses Vertrauen an den Tag gelegt. Meist wird nicht gefragt, ob man mit dem Töff, Traktor oder Jeep fahren kann, sondern gebeten es zu tun. Mittlerweile weiss ich, dass nicht vorausgesetzt oder erwartet wird, dass man alles kann, sondern dass die Neuseeländer ein enorm grosses Vertrauen haben. Und ich konnte, mit Ausnahme von einer Situation, immer sagen, wenn ich mir etwas nicht zutraute.

See you - uf widerluege

Neuseeland ist nicht nur am anderen Ecke der Erde. Ich wage zu behaupten dass der Unterschied zwischen Schweizer Milchviehbetrieben und Neuseeländischen weltweit am grössten ist. Im Jahr 2014 wurden in Neuseeland 20.7 Billionen Liter Milch von 4.9 Millionen Kühen produziert. Eine Farm besitz im Durchschnitt 413 Kühe, die Produktionsmenge beträgt durchschnittlich 4,196 Liter Milch pro Kuh und Jahr. Ein Vergleich ist kaum möglich, da die Haltung und die klimatischen Bedingungen völlig unterschiedlich sind.

Die meisten Kühe sind hier Nummern, welche zur Massenproduktion benutzt werden, ein Bezug zum Tier  wie wir ihn in der Schweiz kennen, gibt es hier nicht. Ich habe viel gesehen und gelernt, sicher habe ich auch gelernt, wie ich es selber nie machen will. Ich bin froh um all die Erfahrungen und glücklich ein so wunderschönes Land kennen gelernt zu haben. Als ich einem Farmer von den Namen der Kühe, den Kuhglocken und den Familiengeschichten, welche wir meist kennen, erzählt habe, hat er einen Satz gesagt, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist:"Vergiss nicht, Kühe sind Tiere und nicht Kinder!"

Ich werde bestimmt zurück kehren, in einigen Jahren. Vorerst freue ich mich aber auf die neue Herausforderung und Erfahrung auf der Alp Meienfall im Berner Oberland, welche ich diesen Sommer erleben werde.

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