20.12.2019 12:41
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bern
AKW Mühleberg endgültig abgestellt
Das AKW Mühleberg ist Geschichte: Die Betreiberin BKW hat das Atomkraftwerk westlich von Bern am Freitagmittag endgültig abgeschaltet. Ein Operateur im Kommandoraum löste die Abschaltung um 12.30 Uhr aus, wie Fernsehbilder zeigten.

Die BKW hatte sich 2013 entschlossen, das AKW stillzulegen. Die geforderten Nachrüstungen hätten sich nach ihrer Einschätzung nicht mehr rentiert. In den vergangenen Jahren wurde die Einstellung des Leistungsbetriebs eingehend geplant.

Zwei rote Knöpfe

Im Sommer 2018 wurde der Kern für den letzten, 15-monatigen Betriebszyklus mit Brennelementen beladen. Dabei wurde die Brennstoffmenge so berechnet, dass sich die Leistung des AKW seit Mitte November langsam reduzierte.

Am Freitagmorgen begann die BKW ihr Atomkraftwerk Schritt für Schritt herunterzufahren, indem Steuerstäbe zwischen die Brennstoffelemente mit Uran eingeführt wurden. «Drei, zwei eins», zählte ein Operateur leise den Countdown. Dann drückte ein weiterer Operateur die Knöpfe. Als um 12.30 Uhr zwei rote Knöpfe gedruckt wurden, wurde der letzte Steuerstab zwischen die Brennelemente gefahren. Damit wurde die Kettenreaktion unterbunden und der Reaktor abgeschaltet. Der Vorgang dauerte drei Sekunden.

Das AKW hatte seinen Betrieb am 6. November 1972 aufgenommen. Seither produzierte die Anlage unterhalb des Wohlensees rund 130 Milliarden Kilowattstunden Strom, wie die BKW am Freitag mitteilte. Gesamtschweizerisch trug Mühleberg mit fünf Prozent zur Stromproduktion bei.

Standortgemeinde gelassen

René Maire, Gemeindepräsident von Mühleberg, blickt der Abschaltung gelassen entgegen, wie er am Freitag sagte. In seiner Gemeinde stiess das AKW mehrheitlich auf Gegenliebe. Viele, die im AKW arbeiteten, lebten auch in der Gemeinde, etwa in der Angestellten-Siedlung Steinriesel.

Für die Gemeinde gehe eine lange Phase zu Ende. «Wir haben lange mit dem Kernkraftwerk gelebt», sagte Maire. In der Gemeinde habe man ja nun schon geraume Zeit gewusst, dass das Kernkraftwerk vom Netz gehe. Die Gemeinde, die jahrzehntelang auch finanziell vom AKW profitiert. Pro Jahr flossen der Gemeindekasse laut Maire etwa 700'000 Franken an Steuereinnahmen zu.

Mühleberg konnte sich damit einen sehr tiefen Steuersatz von 1,25 Einheiten leisten. Im Hinblick auf die Stilllegung erhöhte die Gemeinde die Steuern bereits 2017 auf 1,45 Einheiten. In den kommenden Jahren werde der Steuerfuss wohl auf das Niveau der umliegenden Gemeinden ansteigen, also auf etwa 1,6 Einheiten, wie Maire sagte.

«Wollen nicht stehen bleiben»

«Wir wollen nicht beim historischen Moment stehen bleiben», kündigte BKW-CEO Suzanne Thoma an. Und umriss den Transformationsprozess, den die BKW in den letzten Jahren durchlebt hat. Der Konzern wandelte sich vom Stromproduzenten zum Energiedienstleister mit Fokus auf die Bereiche Energie, Gebäude und Infrastruktur.

In diesem Zusammenhang hat die BKW in den vergangenen Jahren zahlreiche kleinere Ingenieur-, Planer- und Energiedienstleister aufgekauft. Nicht zur Freude des Gewerbes, das sich durch den Mehrheitlich in Kantonsbesitz befindlichen Konzern ungebührlich konkurrenziert sieht.

Kosten von 3 Milliarden

In Mühleberg bleibt für die BKW noch viel zu tun. Stilllegung und Entsorgung der Anlage kosten sie voraussichtlich drei Milliarden Franken; davon sind bislang 80 Prozent gedeckt. Komplett finanziert sind die Arbeiten voraussichtlich im Jahr 2126.

Die Stilllegung wird mit dem bestehenden Personal und externen Arbeitskräften umgesetzt. Schon am 6. Januar 2020 beginnen die anspruchsvollen Arbeiten für den Rückbau. Sie dauern bis 2034. Das Risiko einer Kernschmelze bleibt in den ersten Jahren bestehen, doch wird das Gefahrenpotenzial rasch deutlich kleiner.

Gross bleibt dagegen die Herausforderung, den Atommüll sicher und langfristig zu entsorgen. Die Brennstäbe kommen zunächst ins Zwischenlager Würenlingen. Wo sie dereinst endgelagert werden, ist eine der grossen offenen Fragen der Schweizer Politik.

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