22.09.2015 10:24
Quelle: schweizerbauer.ch - Esther Siegenthaler
Blog
Alpblog: Zum Abschluss kunterbunt und vielfältig
Esther Siegenthaler ist ausgebildete Lehrerin. Doch auch nach ihrem dreimonatigen Aufenthalt in Neuseeland, aus welchem sie ebenfalls bloggte, kehrt sie nicht zur Schule zurück. Die Bauerntochter geht auf der Alp Meienfall im Diemtigtal BE als Zusennin z‘Bärg.

Am Montagnachmittag fuhren Christine und ich mit dem Land Rover in den oberen Meienfall um weiteren Zaun abzulegen. Die Wolken verdichteten sich schnell, erste Tropfen waren auf der Windschutzscheibe zu erkennen. Während es regnete, schien gleichzeitig die Sonne und ein wunderbarer Regenbogen war zu sehen, der beide Enden im Meienfall hatte.

Zur Schatzsuche reichte die Zeit diese Woche leider nicht aus. Denn die beschriebene Situation repräsentiert gut die ganze Woche: vielfältig, kunterbunt mit vielen schönen Dingen, aber auch mit Erlebnissen, die uns das Lachen raubten.

Montag

Bereits vor dem Regenbogen hatten wir viel Action. Am Morgen wollte Res die kleinen Kälbchen festbinden. Eines schubste mit dem Kopf gegen seinen Arm, Res verspürte danach grosse Schmerzen. Christine sowie der Arzt wurden konsultiert, die Tochter fuhr anschliessend mit Res zum Hausarzt.

Der Arzt konnte keinen Bruch oder andere Verletzungen feststellen. So schickte er Res wieder nach Hause. Doch die Schmerzen liessen nicht nach. Res musste sich geschlagen geben, er konnte beim Zaunablegen nicht mithelfen.

Dreifach-Rolle beim Schafzaun

So gingen Christine und ich alleine. Wir hatten nicht viel Zeit, um den Regenbogen zu beobachten, denn wir wollten möglichst viel Zaun ablegen. Beim Stacheldraht kamen wir noch nicht allzu schnell vorwärts, doch beim Abschnitt mit dem elektrischem Zaun rannten wir richtiggehend von Pfahl zu Pfahl.

Lange vor dem Zvieri waren wir fertig, das heisst, sämtlicher Zaun im oberen Meienfall war abgelegt. Wir entschieden kurzerhand, auch den untersten Zaun bei der Schafweide wegzuräumen. Wenn ich aber gewusst hätte, dass alle drei Drähte gleichzeitig auf eine Dreifach-Rolle aufgerollt werden müssen, und dass dies dermassen kraftaufwändig ist, hätte ich mir die Idee wohl schnellstens aus dem Kopf geschlagen. Doch gemacht ist gemacht.

Dienstag

Nach dem Melken fuhr ich direkt nach Thun an den Munimärit, Christine kam auch mit. Gemeinsam mit Marcel putzten und pflegten wir die sechs Stiere, bevor sie rangiert wurden. Mit zwei ersten Plätzen, einem zweiten Platz, sowie einem fünften, sechsten und siebten Rang ist die Familie Stocker sehr zufrieden.

Mittwoch

Die Misterwahl des Zuchtstierenmarktes findet jeweils am Mittwoch statt. Trotz immer noch lädiertem Arm wollte Res nach dem Stallen hinfahren. Rind Britannia durchquerte aber unsere Pläne, denn sie wollte abkalben. Sie benötigte bei der Geburt zwar Hilfe, wir mussten kräftig ziehen, doch sowohl dem Kuhkalb Binja wie auch der Mutter geht es prächtig.

Ein letztes Mal die Rinder zügeln

Am Mittag erreichten wir doch noch Thun und konnten das Highlight des Zuchtstierenmarktes begutachten - die Präsentation der erstrangierten Stiere und die anschliessende Misterwahl. Ein eindrückliches Spektakel. Lange konnten wir nicht in Thun verweilen, denn die Rinder mussten in die letzte Weide getrieben werden. Mittlerweile sind wir ein eingespieltes Team, das Zügeln verlief problemlos.

Donnerstag

Am Donnerstag war früher Tagwacht. Alle waren etwas nervös. Kein Wunder, der Abgabetag der Rinder stand auf dem Programm. Nach dem Frühstück trieben wir alle Rinder in den Stall und banden sie am richtigen Platz im Stall fest. Jedes Rind trug immer die Nummer an der Treichel. Oberhalb der „Seililatte“ (Anbindevorrichtung) waren dieselben Nummern aufgeschrieben. Um die Rinder an ihre Plätze zu bringen, benötigten wir zwei Stunden.

Res konnte aufgrund seiner Armverletzung nicht mithelfen. Dies war wohl ein Grund, dass wir so lange hatten. Zudem kamen einige der 107 Rinder erst zum zweiten Mal in ihrem Leben (nach dem Anbinden beim Bsatztag im Frühjahr) in Berührung mit einer Halfter. Einige Tiere waren deshalb wild und wehrten sich mit allen Kräften. Nach dem Anbinden wurden die Nummern weggeschraubt. Ich habe sämtlichen Rindern das lange Haar über dem Schwanzansatz wegeschnitten. Hierbei handelt es sich um eine Tradition dieser Alp.

Wenn Kinder Kinder kriegen…

Die Abgabe der Rinder verlief problemlos. Weniger problemlos ging das Abkalben von Joga vonstatten. Joga ist ein erst 18 Monate altes Rind, welches bei Stockers im Aufzuchtvertrag ist. Der Stier hat es im Laufhof gedeckt, natürlich sollte es aber in diesem Alter noch nicht trächtig sein.

Wir waren alle überrascht, als Joga beim Stallen wehen hatte. Denn die Bänder um die Beckenregion waren noch nicht weiter geworden, und auch die Scheide war nicht grösser geworden. Res alarmierte den Tierarzt. Dieser glaubte zuerst, dass ein Abkalben möglich sein kann. Deshalb befestigte er die Beine des Kalbes im Rind mit einer Kette. Christine, Res mit einer Hand und ich zogen gemeinsam mit voller Kraft am Kalb. Ausser hässlichen Geräuschen und einem Rind, welches wir nach hinten zogen, gab es keine Veränderung.

Kaiserschnitt in Heimenschwand

Der Tierarzt musste zu Plan B greifen. Er empfahl uns das Tierspital Bern, um einen Kaiserschnitt vorzunehmen. Ich weiss, dass die Tierarztpraxis Stettler in Heimenschwand für solche Fälle gut eingerichtet ist, zudem ist die Fahrzeit deutlich kürzer. Res ging auf meinen Vorschlag ein. Auch die Ärztinnen in Heimenschwand hatten Zeit. So zerrten wir Joga in die „Viehbänne“. Wir fuhren in schmutzigen, vom Fruchtwasser genässten Hosen in Richtung Heimenschwand.

Kaum waren wir angekommen, schnitten die Tierärztin Christina und ihre Assistentin Daniela bereits den Bauch auf und die Hinterbeine kamen zum Vorschein. Just in diesem Moment traf Marcel ein. Er half beim Herausziehen des Kälbchens mit. Ein munteres, 45 Kilo schweres Stierkälbchen kam zum Vorschein. Nach dem Zunähen konnten wir müde, aber glücklich den Nachhauseweg antreten.

Zwischenhalt in der Gsässweid

Das Abendessen am Abgabetag nehmen die Sennen und ein Teil des Vorstandes von den Alpkooperationen der Alpen Meienfall und Mächlistall jeweils im Restaurant Gsässweid ein. So duschten Christine und ich unterwegs. So konnten wir wenigstens noch das Dessert in der Gsässweid einnehmen.

Freitag

Am Freitag stand der Abgabetag der Kühe auf dem Programm. Eigentlich wollten wir etwas länger schlafen. Doch plötzlich klopfte es an meiner Tür, Res weckte mich und ich dachte bereits: „Mist, am letzten Morgen verschlafen!“ Doch dies war nicht so, es war erst fünf Uhr. Eine weitere Kuh hat abgekalbt. So rückte ich mit der Schubkarre aus, um das Kalb in den Stall zu bringen. Diesmal wurde Alpina, die älteste Kuh, Mutter. Sie hatte im Vorfeld einen grossen Bauch, doch mit der Taschenlampe konnten wir kein weiteres Kälbchen finden.

Fahrt mit dem Lastwagen

Am Vormittag konnte ich weiteren Zaun abräumen. Für die Schafbauern vom Hohniesen bereitete ich den Stall vor. Sie wollten die Schafe vom Meienfall aus abgeben. Um Punkt zwölf Uhr traf der Lastwagen für die Kühe ein. Bereits wie im Frühjahr rannten die Kühe richtiggehend in den LKW. Ich konnte mit dem Chauffeur nach Boltigen mitfahren. In Neuseeland bin ich zum letzten Mal und einem Lastwagen mitgefahren, damals mit Rindern. Und plötzlich kommen wieder Erinnerungen auf…

Kühe waschen

In Boltigen angekommen, wusch ich alle Kühe mit dem Hochdruckreiniger. Anschliessend half ich Marcel bei den Stallarbeiten und wir fuhren zurück in den Meienfall. Er musste noch Alpina und ihr Kuhkalb nach Hause transportieren.

Samstag

Nach den Rindern und Kühen mussten nun auch die Schafe nach Hause. Mit den Schafen selber hatte ich nichts zu tun, so legten Christine und ich weiteren Zaun ab. Als alle Schafe weg waren, konnten wir den Stall ausmisten. Dann war mein Alpsommer fast beendet. Ich konnte müde, glücklich und mit einem grossen Rucksack voller Erfahrungen und Erlebnissen nach Hause reisen. Es gibt noch einen Tag Schafzaun abzulegen, dann ist der Sommer auf dem Meienfall für mich definitiv zu Ende.

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