2.07.2014 15:25
Quelle: schweizerbauer.ch - Heidi Bono
Porträt
Bäuerin, Pächterin und Magd
Die Erzählungen von Hedwig Waltisberg, Bewohnerin im Alters- und Pflegeheim «Sennhof», berühren. Neben harter Arbeit erlebte sie viel Leid und musste auch häufig umziehen. Heute geniesst sie es, umsorgt zu sein.

Wenn man sich Zeit nimmt und Hedwig «Hedy» Waltisberg zuhört, fühlt man sich in Gotthelfs Zeiten versetzt. Sie war das jüngste Kind in einer grossen Bauernfamilie. Die Mutter hatte aus erster Ehe drei Kinder, der Vater deren sechs, und gemeinsam hatte das Paar noch drei Kinder.

Ein Unglück nach dem anderen

Hedy kam nach zwei Brüdern in Hofstetten bei Willisau LU zur Welt. Eines der Mädchen aus Vaters erster Ehe bekam ein Kind: «So waren wir 13 an der Zahl», berichtete sie. Der Vater sei hart oder sogar böse gewesen: «Wenn er getrunken hatte, schlug er die Mutter, und wir Kinder mussten zusehen.» Zusammen mit den drei jüngsten, inzwischen volljährigen Kindern sei die Mutter ausgezogen.

Nachdem alles geregelt war, und alle ihren Erbanteil ausbezahlt bekamen, fanden sie ein neues Zuhause auf dem «Neuhurighof» bei Willisau. «Wir konnten eine neue ‹Schüür› bauen und hatten 14 Kühe, 2 Pferde, Schweine, Hühner, einen Hund und Katzen», schwärmt Hedy noch heute.

Zehn Jahre habe man dort gewohnt. «Dann traf uns ein Unglück nach dem anderen», berichtete sie. Wenn es nicht mit Krankheiten im Haus war, so wurden die Kühe krank. Eindrücklich schilderte sie, wie eines Morgens alle Kühe auf dem Stallboden lagen und auch keine Milch mehr gaben. Von aufgeblähten Kühen und dem «Stechen» erzählte sie Schauerliches, aber auch vom Pater, der Hilfe in Form von Gebeten brachte.

Viel Arbeit, wenig Lohn

Dann erkrankten auch die Pferde an Durchfall. Ins Schwärmen kam sie, als ihr Bruder als Trainsoldat in Thun den ausgemusterten Eidgenossen (Pferd) «Zidar» kaufen konnte. Traurig war aber die Tatsache, dass die drei Geschwister Mitte der 60er-Jahre den Hof aus finanziellen Gründen verlassen mussten.  Ein Händler hatte ihnen verschiedene Maschinen aufgeschwatzt. Weil sie die Raten nicht bezahlen konnten, nahm er ihnen nach und nach als Zahlung eine Kuh nach der anderen aus dem Stall.

Es folgten verschiedene Anstellungen als Pächter, sowohl in Romoos als auch in Menznau. Immer verbunden mit ganz viel körperlicher Arbeit und recht wenig Lohn. In dieser Zeit wurden die Waltisberg-Geschwister erstmals von einem jungen Mann betreut, der als Student ein Praktikum im örtlich zuständigen Sozialdienst absolvierte.

Sommeralp im Winter

Die beiden Brüder arbeiteten neben dem kleinen Bauernbetrieb noch in der Holzfabrik Wolhusen Nachtschicht. «Wir hatten Schulden und haben uns die Rückzahlungen auch am Mund abgespart», erzählte Hedy Waltisberg weiter. Ganz schlimm erging es zwei der drei Geschwister auf einer Alp im Entlebuch. «Wir hatten während einiger Zeit keinen Lohn und kein Winterquartier und so blieben wir auf der Alp, ohne dass uns – wie zugesichert – Lebensmittel abgegeben wurden.» Sie hatten ganz einfach nichts mehr zu essen.

Bei manchen Erzählungen wird Hedy Waltisberg auch von Gefühlen übermannt, und ihre Stimme zittert. «Es waren harte Zeiten.» Früher funktionierte das Nachrichtenerzählen noch über die Briefträger, und die Kunde über die missliche Lage gelangte vielleicht auf diese Weise zu dem jungen «Sozial-Freund». Mit einem Rucksack voller Lebensmittel stieg er durch den hohen Schnee und half einmal mehr beim Umplatzieren sowie beim Beschaffen der Finanzen.

Wir hatten Glück

Zeitweise gab es dann etwas weniger Kontakt mit dem Betreuer, bis die Waltisberg-Geschwister 1987 auf die «Schorüti» im Aargau «im Lohn» kamen. Im Einzugsgebiet des regionalen Sozialdienstes Kölliken traf man sich wieder. Es folgten noch Jahre harter Arbeit, Krankheiten und nicht immer ganz harmonischer Zeit, auch mit Nachbarn. Infolge der Pensionierung erfolgte ein weiterer Umzug. «In den letzten 19 Jahren konnten wir in einem kleinen Haus am Rande von Strengelbach ein recht geruhsames Leben führen», berichtete Hedy Waltisberg. «Einzig die Geissen konnte ich nicht mitnehmen», dafür aber einige Katzen, fügte sie schmunzelnd an.

Nachdem die beiden Brüder gestorben waren und Hedy Waltisberg auch gesundheitlich immer mehr Probleme bekam, konnte sie mithilfe von professioneller Spitex-Beratung und Betreuung einer umsorgenden Nachbarin und ihrem oft präsenten Betreuer einen Platz im Altersheim «Sennhof» beziehen. «Ich hätte sogar ein Büsi mitnehmen dürfen», berichtete sie. Aber darauf habe sie nun doch verzichtet.

Sie schwärmt vom feinen Essen – einmal in der Woche ein Menü wie in alten Zeiten –, der Möglichkeit, Leute zu treffen für einen Schwatz – und als passionierte Raucherin vom «Fumoir». «Manchmal habe ich ein wenig Heimweh, aber eigentlich bin ich rundum glücklich und sehr dankbar für alles, was ich heute geniessen kann.»

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