Mittwoch, 24. Februar 2021
07.02.2013 08:09
Gewässer

Bodenseegfrörni – Während Wochen ein 537 Quadratkilometer grosses Eisfeld

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Von: Daniel Wirth, sda

Nach wochenlanger Kälte ist 1963 der Bodensee ganz zugefroren – das einzige Mal im vergangenen Jahrhundert. Vom 7. Februar bis 10. März 1963 tummelten sich Zehntausende auf einem 537 Quadratkilometer grossen Eisfeld. Die Bodenseegfrörni war ein Jahrhundertereignis.

Es braucht viel, bis der weite Obersee zu einer geschlossenen Eisfläche wird. Im November 1962 fielen die Temperaturen bis auf minus 7,5 Grad, im Dezember auf minus 13 Grad. Bereits im Januar 1963 wurden auf dem Untersee erste Wege übers Eis freigegeben. Am 7. Februar dann wurde auch das Überqueren des Obersees bewilligt.

Ein grosser Chilbiplatz

In den folgenden Wochen wurde der Bodensee zu einem Chilbiplatz für Gross und Klein. An den Wochenenden spazierten jeweils Zehntausende von Arbon TG nach Langenargen D oder von Rorschach SG nach Nonnenhorn D – nicht nur Seeanwohner: die Seegfrörni lockte Menschen aus der ganzen Schweiz und Süddeutschland aufs Eis.

Mit Schlittschuhen, mit dem Velo oder mit dem Auto wurde der See überquert. Schweizer konnten sich die Seeüberquerung vom Bürgermeister von Langenargen urkundlich bestätigen lassen.

Viel Sport und Spass

Das grosse Eis wurde auch zu einem Sportplatz: Vielerorts wurde Eishockey gespielt, vor dem Hotel Rietli in Goldach SG wurde Curling gespielt und manches Mädchen avancierte zur Eisläuferin. Die Musik dazu wurde da und dort live gespielt, etwa in Goldach SG, wo das Klavier von der «Rietli»-Bar aufs Eis getragen worden war.

Tollkühne Männer bauten Eisfahrzeuge, mit denen sie den See überquerten. In Horn TG wurde eine Vespa zu einem motorisierten Schlitten umfunktioniert; das Gefährt, das Kinder und Männer zog, zerschellte in der Mitte auf dem See an einem Eishaufen, der sich aufgetürmt hatte; verletzt wurde bei diesem Eisunfall niemand.

Marroni-«Meier» aus Rorschach SG bot seine gebratenen Edelkastanien nicht wie gewohnt beim Jakobsbrunnen feil, sondern draussen auf dem See. Ihm taten es Dutzende Glühwein- und Punchverkäufer gleich.

Besonderes Klima

Den Menschen am Bodensee schien die Kälte nichts mehr auszumachen: Sie strömten auf das Eis. Das Klima im Februar 1963 war wegen der Seegfrörni angenehmer, trockener als üblich. Zudem hatte sich die Bevölkerung nach wochenlanger scharfer Kälte an die «Eiszeit» gewöhnt, wie sich Willi Langenberger (86) aus Horn TG erinnert.

Er überquerte den zugefrorenen Bodensee 1963 dreimal: Mit dem Velo, mit den Schlittschuhen – und eben mit einem Vespa-Schlitten. Langenberger war vorsichtig; er hatte bei jeder Überquerung ein 30-Meter-Seil, einen Kompass und eine kurze Leiter bei sich.

Auch Trauriges passierte

Als Offizier der Feuerwehr Horn kontrollierte der damals 36-Jährige die Eisfläche zwischen dem Hafen und dem Hotel Bad Horn in Horn. Willi Langenberger erinnert sich an Seegförni 1963 als wäre sie gestern gewesen. Er verlor auch einen guten Freund: den damals bekannten Horner «Bahnhöfli»-Wirt Heiri Flach, der trotz Intervention Langenbergers mit einem Vélosolex Richtung Langenargen losfuhr und nie heimkehrte. Flach wurde als verschollen erklärt. Insgesamt kamen bei der letzten Bodenseegfrörni fünf Personen – darunter auch Kinder – ums Leben oder sind seither verschollen.

Wegen der scharfen Kälte, des Eises und der damit verbundenen Futterknappheit verendeten 1963 auch tausende Wasservögel. In Rorschach wurde Geld gesammelt für Futter und Futterflüge, in Waschküchen wurden angefrorene «Taucherli» aufgetaut. «Wir hatten allerhand Federvieh in der Waschküche», sagt Willi Langenberger.

Eisprozession

Ein Höhepunkt war 1963 die Eisprozession von Hagnau D nach Münsterlingen TG. Rund 2500 Menschen leisteten der Büste des Heiligen Johannes das Geleit über den See. Die Statue wechselt seit 1573 bei jeder Bodenseegfrörni das Ufer. Gegenwärtig wartet die Johannes-Büste ind der Schweiz auf ihre Rückkehr nach Deutschland.

Seit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 875 ist der Bodensee nach Angaben des deutschen Umweltministeriums 37 Mal zugefroren. Das Jahrhundertereignis Bodenseegfrörni 1963 feiert 2013 sein 50-Jahr-Jubiläum. Rund um den Bodensee finden Ausstellungen oder Festivitäten statt: Zum Beispiel in Münsterlingen TG, Altnau TG, Hagnau D, im Zeppelinmuseum in Friedrichshafen D oder in Rorschach.

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