16.11.2018 08:36
Quelle: schweizerbauer.ch - Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Flurnamen
Chalbisau – Kalb und Sau in einem Flurnamen?
In der neuen Rubrik „Flurnamen“ beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Eure Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit den Namen „Chalbisau“ geht unsere Serie weiter. Der Weiler befindet sich in Hirzel im Kanton Zürich. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

Hans Baumann fragt mich an, was Chalbisau bedeutet. Dies ist der Weilername, in dem er wohnt. Dieser Weiler liegt in der Gemeinde Hirzel ZH. Im Titel führe ich Sie auf die Fährte, dass im Flurnamen ein Kalb und eine Sau eine Gemeinsamkeit haben können. Richtig, es sind beides Tiernamen, aber damit endet die Gemeinsamkeit auch schon; Chalbisau hat weder mit Kalb noch mit Sau, also einem Schwein zu tun. Keine Kalbereien, keine Schweinereien.

Dass Chalbisau in die Bestandteile Chalbis und -au getrennt werden muss, sagt mir ein Blick auf die Karte und in die mir vorliegenden historischen Belege. Der älteste aus dem Jahr 1318 zeigt mir den Namen in folgendem Kontext: «hospital pauperum in Raperswile de curia in Kalwisoue». Hierbei zeigt sich mir die Endung -oue, die somit eindeutig mit heutigem -au in Verbindung steht. «Au» bedeutet Mattland am Wasser. Jetzt muss ich den Blick auf die Karte ins Feld führen. Zwischen Chalbisau und Tobelmüli liegt in auf dem dazwischenliegenden Plateau ein Feuchtgebiet. Dadurch motiviert wurde auch der ebenfalls anliegende Flurname «Moosacher». Moos verweist hier auf moosiges, feuchtes Gebiet, wie es sich dort tatsächlich in der Landschaft finden lässt.

Schwieriger ist die Erklärung des Bestandteils Chalbis bzw. Kalwis wie er in der ältesten Form vorliegt. Ziemlich sicher handelt sich um einen stark gekürzten Personennamen. Der ursprüngliche Name könnte ähnlich demjenigen, der im Ortsnamen Mümliswil (SO) enthalten ist, zu deuten sein. Mümlis- ist dabei das vorläufige Endprodukt einer starken Reduktion des althochdeutschen, zweigliedrigen Personennamens Munwalt. Der Namenteil -walt hat sich dabei auf die heutige Silbe -is reduziert. Ein Name Calwalt oder ähnlich liegt mir aber nicht vor. Möglicherweise könnte die Person Caldeold oder Caldebert, vielleicht auch Kalwin geheissen haben, sicher ist dies aber nicht.

Trotzdem, das Bildungsmuster des Namens dürfte so stimmen und die Bedeutung ist in einem Besitzverhältnis zu suchen. Chalbisau heisst soviel wie das am Wasser gelegene Mattland des Caldeold, Caldebert oder Kalwin. Keine Kalbereien, handfester Besitz.

 

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

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Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.


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