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09.06.2014 18:57
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Das Ende der Pöstlergeografie

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Von: sda

«Jedesmal – Postleitzahl», mit diesem Slogan warb die PTT vor fünfzig Jahren für die neue Briefanschrift. Am 26. Juni 1964 führte die Schweiz, als drittes Land nach den USA und Deutschland, die Postleitzahlen ein. Für die Pöstler bedeutete dies vor allem: weniger Auswendig-Lernen.

«Ein Postlehrling hat bis jetzt viele Stunden daran geben müssen, sämtliche Poststellen der Schweiz und darüber hinaus auch die nächste Poststelle von sehr kleinen Ortschaften auswendig zu lernen», berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» im Vorfeld der Einführung. Denn für das Sortieren der Briefe und Pakete – damals noch reine Handarbeit – war die sogenannte «Pöstlergeographie» unumgänglich.

Selbst Hilfskräfte mussten «zuerst die gewaltige Gedächtnisarbeit leisten oder sich bei jeder Postsendung für Vergeletto oder Rufi zuerst nach der Lage erkundigen, was natürlich zu zeitraubend ist in einer Zeit des Personalmangels», schrieb die NZZ weiter.

Personalmangel und Verkehrszunahme

Der «ausgeprägte Mangel an geographiekundigem Personal» war denn auch einer der Hauptgründe für die Einführung der Postleitzahlen. Dies teilte die PTT in einem Sonderdruck des eigenen Amtsblattes vom 26. Juni 1964 mit. Der zweite Grund war die «stürmische Verkehrszunahme bei der Post in der Folge der anhaltend guten Wirtschaftslage», wie die PTT-Generaldirektion in einem Schreiben festhielt.

Die «eilige Briefpost» hatte in 15 Jahren um 50 Prozent zugenommen, täglich verarbeitete die Post damals rund 8 Millionen Kleinsendungen. Da halfen auch vorläufige Massnahmen, wie der Einsatz von Frauen für die Grob- und Städtesortierungen, nicht wirklich weiter.

Ziel war vollautomatische Sortierung

Dank der neu eingeführten Postleitzahlen sollten in Zukunft auch Hilfskräfte ohne besondere Geografiekenntnisse bei der Handsortierung mithelfen können. Dies war allerdings nur ein Zwischenschritt: Erklärtes Ziel bei der Einführung der Postleitzahlen war die vollautomatische Sortierung.

An der Landesausstellung 1964 in Lausanne präsentierte die Post der staunenden Bevölkerung erstmals eine Maschine, «die Briefe mit Postleitzahlen wesentlich schneller sortiert als die Hände noch so geübter Pöstler», wie es im Buch «Gelb bewegt – die Schweizerische Post ab 1960» heisst.

1967 wurde im Briefversand Lausanne die erste kleinere Maschinenkette in Betrieb genommen. Sie konnte Formate trennen, Briefe aufstellen und stempeln. Ein Jahr später kam in der Berner Schanzenpost erstmals eine teilautomatisierte und maschinelle Briefverarbeitungsanlage zum Einsatz. In der Zürcher Sihlpost ging ebenfalls 1968 eine neue maschinelle Paketsortieranlage in Betrieb. Die Sortierkapazität stieg auf einen Schlag um 50 Prozent.

Kampf um «gute Zahlen»

Die Bevölkerung gewöhnte sich schnell ans neue System. Wohl nicht nur darum, weil die PTT ihre Mitarbeiter in einem Schreiben aufforderte, sich «für die Neuerung freudig und tatkräftig» einzusetzen.

Sendungen mit Postleitzahl kamen schlicht zuverlässiger und schneller beim Empfänger an. «Die Sortiermaschinen scheiden nämlich zuerst die unförmigen, zu grossen und zu kleinen Formate aus und in einer zweiten Etappe die Sendungen ohne Postleitzahlen», warnte die NZZ ihre Leser. «Diese Sendungen müssen dann wohl oder übel in zeitraubender Arbeit von Hand sortiert werden, bestimmt erst dann, wenn die korrekt adressierte Post bereits auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort ist.»

Kampf um gute Zahlen

Ein Postleitzahlen-Verzeichnis im Taschenformat wurde an alle Haushalte verschickt. Schon nach wenigen Monaten war mehr als die Hälfte der Adressen mit den vier Ziffern versehen.

Einzelne Gemeinden kämpften heftig um «gute Zahlen». Gossau im Kanton St. Gallen zum Beispiel beantragte seit 1964 wiederholt eine «angemessene» Postleitzahl. Der vierte Anlauf im Jahr 1996 war schliesslich erfolgreich, statt der ungeliebten 9202 dürfen die Gossauer nun ein 9200 vor ihre Ortschaft stellen. «Diese Postleitzahl entspricht der Grösse und wirtschaftlichen Bedeutung von Gossau», teilte der Gemeinderat stolz mit.

Es gibt keine Alternative

Seit der Einführung der Leitzahlen vor 50 Jahren hat sich die Technik zur Postsortierung und -logistik stark gewandelt. Die Bahnpöstler etwa, die um Zeit zu gewinnen in den fahrenden Zügen die Post sortierten, sind seit 2004 auch bei der Zeitungssortierung Geschichte.

Die Automatisierung schreitet voran, heute werden die Briefe in drei grossen Zentren sortiert. «In den letzten zehn Jahren hat die Entwicklung noch einmal einen gewaltigen Sprung gemacht, unsere Briefsortierzenter sind hocheffiziente High-Tech-Anlagen», sagt Postsprecher Oliver Flüeler. «Heutige Sortieranlagen kennen jeden Briefkasten.» Sie würden die Briefe so sortieren, dass der Pöstler bei einem Mehrfamilienhaus die Briefkästen in der jeweiligen Reihenfolge der Kästen durchbedienen könne.

Die Postleitzahlen spielten auch heute bei der Sortierung eine gewichtige Rolle – als Basisinformation für die folgenden Sortierschritte. «Auch wenn die Sortiertechnik viel komplexer ist, haben die Postleitzahlen immer noch ihre Gültigkeit», sagt Flüeler. «Es gibt weder Pläne, die Postleitzahlen abzuschaffen, noch eine Alternative dazu.»

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