31.07.2018 07:05
Quelle: schweizerbauer.ch - ral
Zürich
Das Pferde-Tram von Zürich
Vor 125 Jahren kamen Gemeinden neu zur Stadt Zürich. Wie sah der ÖV damals aus? Ein Streifzug durch den Tramalltag.

Die grosse Eingemeindung von 1893 bildete den Grundstein für das spätere Gedeihen des städtischen Trambetriebes der heutigen Verkehrsbetriebe Zürich VBZ. Die Mobilität auf Zürichs Strassen wickelte sich ausschliesslich per Hafermotor ab. 

127 Pferde

Die erste elektrische Tramlinie befand sich erst im Bau. Befördert wurden 3,9 Millionen Fahrgäste. 162000 Franken betrug der Reingewinn. 127 Pferde zählt das Rösslitram Anfang des Jahres 1893. Elf davon werden zur Ausrangierung ausgeschieden; der Tramdienst ist streng. Als Ersatz werden neue Tiere benötigt. 

Der Rösslitram-Betriebschef reserviert beim bewährten Lieferanten, Rosshändler Alphonse Worms in Luxemburg, 28 bis 29 Pferde. Worms ist nicht gerade billig, aber er kennt die Bedürfnisse des Kunden, und seine Ardenner sind Spitzenqualität. Gegenwärtig kostet ein Tier 1050 Franken franko Zürich HB.

Mädeli, Mönch und Melone

Am 21. März treffen die Pferde in Zürich ein. Sie erhalten eine «Personalnummer» und, wie es sich gehört, einen Namen. Während im Vorjahr alle Namen mit L begonnen haben, ist jetzt der Buchstabe M an der Reihe. Das erste Pferd der 1893er Lieferung wird Mädeli getauft. Mit 148 cm Stockmass gehört die fünfjährige Stute zu den kleineren.

Andere Tiere erhalten weniger liebreizende Namen: Maske, Muskete, Morchel, Mönch, Melone. Zunächst werden die Neuankömmlinge rund einen Monat lang akklimatisiert, das heisst, behutsam an den harten städtischen Arbeitsalltag gewöhnt. Dann werden sie in den regulären Dienst eingeteilt.

Begehrte Pferde

Über das weitere Schicksal von Mädeli ist Folgendes bekannt: 1898 wird bei der Pferdeinspektion folgender Befund festgestellt: «hinten schwache Fesseln». Daher kommt Mädeli auf die Gant. Es ist nun zehn Jahre alt, und sein Wert wird auf 250 Franken geschätzt. Die ausgemusterten Rösslitram-Tiere sind bei Fuhrhaltern, Gewerbetreibenden und Landwirten begehrt. Auch bei Mädeli jagen sich die Angebote gegenseitig in die Höhe. 500 Franken bietet schliesslich ein J. Bürgin aus Bendlikon am Zürichsee.

Heu bezieht man hauptsächlich von Bauern in der Umgebung, Kraftfutter wird wagenladungsweise über Getreidehändler auf dem europäischen Markt eingekauft. Die Ration ist genau vorgeschrieben: pro Tier und Tag 7½ Kilo Hafer und 5 Kilo Heu.

Mais statt Hafer

Die Futter-Inventur stellt fest: vorhanden sind 7428 kg Hafer, 8705 kg sollten es sein. Über die Ursache dieses Mankos kann Depotverwalter Keller keine Angaben machen. Weil auch sonst seine Dienstbeflissenheit nicht den Vorstellungen entspricht, wird er entlassen. Später stellt sich heraus, dass die Pferdewärter dann und wann die braven Tiere mit einer Extraportion verwöhnen.

1893 ist ein schwieriges Jahr. Gegen Mitte Jahr steigen die Futterpreise. Das Heu ist rar und teuer. Aus Spargründen erhalten die Pferde etwas weniger Heu, dafür eine Ration kurzgeschnittenes Stroh. Auch der Preis für Hafer steigt. Man wagt den Versuch, etwa zur Hälfte auf den günstigeren Mais umzustellen. Die Maiskörner müssen gequetscht werden. Daher wird eine Maisquetschmaschine angeschafft. Zum Antrieb wird ein Gasmotor gekauft, welcher auch an die Futterschneidemaschine zum Zuschneiden von Heu und Stroh angeschlossen werden kann. Die Ernährungsumstellung bewährt sich, und so steht Mais auch weiterhin auf dem Speisezettel der Zürcher Trampferde.

Mist für Müller-Thurgau

Der Pferdemist ist als Dünger bei Gärtnern und Gemüsebauern heiss begehrt und eine willkommene Einnahmequelle. Für einen Kubikmeter verlangt die Gesellschaft Fr. 4.50. Der Erlös aus dem Düngerverkauf beträgt 5895 Franken und 10 Rappen, ein Betrag, der für mehr als fünf neue Pferde reicht.

Zu den Stammkunden gehört Professor Müller-Thurgau, zu dieser Zeit Direktor der Versuchsanstalt in Wädenswil. Regelmässig lässt er den Dünger für seinen Betrieb per Ledischiff im Hafen Zürichhorn abholen, welcher sich unweit der Rösslitram-Stallungen befindet. 1893 ordert er zusätzlich eine Ladung für seine Rebberge auf der anderen Seeseite bei Stäfa. Nur möchte er diese gerne per Bahn geliefert haben. Notgedrungen muss er sich etwas gedulden, denn die rechtsufrige Zürichseebahn wird erst im April 1894 eröffnet.  

Abdruck mit Genehmigung der VBZ.

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