9.08.2018 09:13
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Bern
Der US-Bomber im Kartoffelfeld
An den 17. August 1943 erinnern sich einige ältere Utzenstorfer noch genau: Es war ein heisser Sommertag, die Bauern waren draussen an der Arbeit, in einem «Pflanzblätz» las gerade eine Frau Stangenbohnen ab. Und plötzlich war da dieser US-B-17-Bomber.

Dass Kampfflugzeuge und Bomber die Region überflogen, war in den Jahren des Zweiten Weltkriegs nichts Ungewöhnliches. Doch an diesem Tag schauten die Utzenstorfer verdutzt auf: Der Motorenlärm klang anders als sonst, viel näher. Tatsächlich kam ein amerikanischer B-17-Bomber «in beängstigendem Tiefflug» daher, wie Lokalhistorikern Barbara Kummer-Behrens im Buch «Utzenstorf im Spiegel alter Fotos und Postkarten» schreibt.

Staub und Kartoffeln

Etwas ausserhalb von Utzenstorf setzte der über Deutschland schwer angeschossene Bomber «Battle Queen - Peg of my Heart» zur Notlandung an. «Wir landeten mitten in einem Kartoffelacker und kamen in einem Bohnenfeld zum Stillstand», notierte Bordfunker Bill Carter danach in fein säuberlicher Handschrift in sein Tagebuch.

Die Frau im Bohnenfeld sah den Bomber auf sich zuschiessen und verkroch sich vor Schreck hinter ihrem grossen Bohnenkorb. Dass sie unverletzt davon kam, grenzt an ein Wunder. Als der Bomber zum Stillstand kam, befand sich der Bohnenkorb mitsamt Frau direkt unter einem der Flügel, wie der Utzenstorfer Rolf Zaugg, ein Kenner der Ereignisse, der Nachrichtenagentur Keystone-SDA erzählt.

Glatte Landung

Doch nicht nur die Bohnenleserin hatten einen gehörigen Schreck, der zehnköpfigen Bomber-Besatzung erging es kaum besser. «Als wir zur Notlandung ansetzten, betete jeder für sich, dann hörten wir ein ohrenbetäubendes Krachen und das Innere des Bombers füllte sich mit Staub und Kartoffeln», wird der ehemalige Bordingenieur John Scott in Kummer-Behrens' Buch zitiert.

Carter notierte in sein Tagebuch: «Es war eine glatte Landung, wenn man bedenkt, dass wir mit mehr als 100 Meilen pro Stunde (rund 160 km/h) mit dem Flugzeugrumpf aufsetzten.»

Operation Doppelschlag

Am 17. August 1943 flog die US-Luftwaffe im Rahmen der Operation «Double Strike» (Doppelschlag) Angriffe gegen die Deutschen Städte Regensburg und Schweinfurt. Ziel waren die Messerschmidt-Werke in Regensburg und die Kugellagerindustrie in Schweinfurt.

146 Flugzeuge, darunter auch die «Battle Queen - Peg of my heart», nahmen Kurs auf Regensburg. Unterwegs waren die US-Bomber Deutschen Luftangriffen und Flab-Feuer ausgesetzt. Die «Battle Queen» wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Auf den Rückweg konnte der US-Bomber schon bald nicht mehr mit dem Verband mithalten und musste ausscheren. 

Als die Maschine mit leckem Tank an Höhe verlor, musste die Besatzung eine Notlandung in Betracht ziehen. Trotz heftigen Flab-Feuers und deutschen Luftangriffen erreichte der US-Bomber den Bodensee und konnte sich hinüber retten.«Unter uns lag die Schweiz und alles was wir nun noch tun mussten, war eine Bruchlandung hinbekommen», notierte Besatzungsmitglied Bill Carter in seinem Tagebuch.

Das ganze Dorf auf den Beinen

«Es verging keine Viertelstunde, und das ganze Dorf war auf den Beinen», wie aus Carters Tagebuch hervorgeht, das der Nachrichtenagentur Keystone-SDA in Auszügen vorliegt. Schliesslich habe sich ein Mann gefunden, der Englisch konnte. «Er sagte uns, wir sollen mitkommen in ein Hotel im Dorf. So stapften wir los mit der ganzen Dorfbevölkerung im Schlepptau.»

Unterdessen waren auch die Behörden alarmiert. Der zuständige Berner Polizeikommandant rapportierte: «Die erfolgte Landung wurde dem Unterzeichneten durch Frau Gygax, Landjäger's in Utzenstorf um 14.20 Uhr telephonisch gemeldet.»

Interniert in Adelboden

Die Offiziere der Bomber-Besatzung wurden in Utzenstorf im «Bären» einquartiert, die Unteroffiziere im «Bahnhöfli». Später kamen die US-Soldaten nach Adelboden, wo die meisten von ihnen bis zum Ende des Krieges interniert blieben. Carter hingegen floh nach etwa einem Jahr nach Frankreich, von wo er sich wieder US-Truppen anschloss und noch diverse weitere Bomben-Angriffe flog.

In Adelboden waren die Amerikaner beliebt, verfügten sie doch über einen Sold von zwölf Dollar pro Tag, damals eine ansehnliche Summe. Die internierten Amerikaner konnten sich frei bewegen und gaben ihr Geld aus. Sie kauften sich etwa Uhren oder gingen Skifahren. Ein willkommener Zustupf in Zeiten, in denen der Tourismus im Berner Oberland wegen des Krieges zum Erliegen gekommen war.

Bomber eingezogen

Der in Utzenstorf niedergegangene Bomber wurde von den Schweizer Behörden eingezogen und zwecks militärischer Auswertung nach Zürich-Kloten abtransportiert. Der B-17-Bomber, im Volksmund «fliegende Festung» genannt, hatte beispielsweise ein sogenanntes Norden-Bombenzielgerät an Bord. 

Dieses galt zu seiner Zeit als präziseste Zieloptik der Welt. Die Existenz und Funktionsweise des Geräts wurde von den Amerikanern zunächst strikt geheim gehalten. «Das Zweitgeheimste nach der Atombombe», wie Rolf Zaugg sagt, der ein «Norden Bombsight» in seinem privaten B-17 Museum in Utzenstorf stehen hat.

Zum Abtransport der «Battle Queen - Peg of my heart» hat Zaugg noch eine Anekdote auf Lager: Um das Flugzeug verladen zu können, wurde es teilweise demontiert. Dies verlangte den Männern einiges an Improvisationsvermögen ab. Die Amerikaner hatten für die Konstruktion nämlich Kreuzschrauben verwendet. In der Schweiz waren aber nur Schlitzschraubenzieher gebräuchlich. So wurden kurzerhand Schweizer Armee Stylet-Bajonette auf den gewünschten Schraubenkopf-Durchmesser eingekürzt, fertig war der Kreuzschraubenzieher.

Über 200 fremde Flugzeuge gingen in der Schweiz nieder

Die «Battle Queen - Peg of my Heart» war längst nicht das einzige Kampfflugzeug, das während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz zu Boden ging. Der B-17-Bomber war eines von 250 ausländischen Flugzeugen, die in der Schweiz landeten, abstürzten oder abgeschossen wurden. Manche Flieger konnten Flugplätze ansteuern, andere hatten weniger Glück. Sie mussten notlanden oder stürzten ab. Dabei kamen mindestens 40 Mann ums Leben. Über 1600 Besatzungsmitglieder wurden in der Schweiz interniert.

Im Kanton Bern gingen mehrere Flugzeuge zu Boden, neben Utzenstorf auch in Bätterkinden, Jegenstorf und Golaten. In Utzenstorf erinnert noch heute ein Gedenkstein bei der sogenannten «Bombereiche» an die Notlandung von 1943. Nach den Provokationen durch deutsche Jagdflugzeuge an der Westgrenze im Mai/Juni 1940 und dem Überflug der Schweiz durch britische Maschinen ab Herbst 1940 bildete die Notlandung oder der Absturz vorwiegend amerikanischer Bomber auf schweizerischem Territorium ab Mitte 1943 die dritte und letzte Phase des Luftkrieges über der Schweiz.

Im Sommer 1943 begann die US-Luftwaffe mit schweren B-17 und B-24-Bombern (Fliegenden Festungen) von Basen in England, Nordafrika und Süditalien aus Bombenangriffe gegen österreichische und süddeutsche Städte zu fliegen. Dabei wurde nicht selten auch schweizerischer Luftraum bewusst, irrtümlich oder mit dem Ziel einer Notlandung verletzt. Die neutrale Schweiz sei «eine Art Flugzeugträger mitten in Feindesland» gewesen, beschreibt Rolf Zaugg, ein Kenner der Bomber-Notlandungen in der Schweiz die damalige Lage.

Die erste amerikanische Maschine, eine B-24 «Liberator» landete am 13. August 1943 bei Wil/SG. Es folgten am 17. August die Landungen der B-17-Bomber in Utzenstorf BE und in Dübendorf ZH.

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