11.10.2017 06:03
Quelle: schweizerbauer.ch - Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Flurnamen
Die Arbeit von Ochsen und Männern
In der neuen Rubrik "Flurnamen" beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Ihre Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit dem Namen "Gjuchstrasse" geht unsere Serie weiter. Die Strasse befindet sich in Melchnau im Kanton Bern. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

Florian Röthlisberger aus Melchnau (BE) wohnt an der Gjuchstrasse und möchte gerne wissen, warum diese so heisst. 

„Gjuch“ kommt vom schweizerdeutschen Wort „Juch, Jucharte, Juchert“, bezeichnet ein altes Feldmass und ist ein ehemals wichtiges Flächenmass für Äcker in der Schweiz. Juch geht auf das schweizerdeutsche und mittelhochdeutsche Wort „Jiuch, Joch“ zurück. Damit wird eine Menge an Ackerland bezeichnet, das ein Joch Rinder an einem Tag zu pflügen vermag. 

Die Juchart war früher ein wichtiges Schätzmass für Acker- und Rebland sowie Wald. Die Grösse einer Juchart hing dabei von der Landschaft ab und konnte je nach Gelände variieren. Dabei waren die Jucharten in der Ebene grösser, als diejenigen in hügelig-bergigem Gelände. Im Schweizer Mittelland war eine Juchart zwischen 27 und 36 Aren gross. 1877 wurde die Juchart im metrischen System durch die Are ersetzt. 

Weite Verbreitung

Bei der Gjuchstrasse in Melchnau (BE) zeigt die Siegfriedkarte von 1876, dass das Gelände auf einen Flurnamen Gjuch zurückgeht, der damals ein grosses Gebiet bezeichnete. Die Namen Ob Gjuch, Hinter Gjuch und Vorder Gjuch zeigen die weite Verbreitung der Gjuch-Namen und erstrecken sich auf dem Gebiet westlich des Dorfbaches und südlich der Rotmatt.

Und woher kommt der Buchstabe „G“ im Gjuch? In vielen schweizerdeutschen Ausdrücken und Flurnamen finden wir ein „G(e)-“, etwa in den Namen „Gebirg“ oder „Grütsch“. Das „G(e)- “ verweist dabei auf ein Kollektivum, auf eine Mehrzahl also. Beim Flurnamen „Gebirg“ (Erlinsbach, SO) handelt es sich um eine Mehrzahl von Bergen. Und auf ein Kollektivum zu abgerutschtem Gebiet verweist der Flurname „Grütsch“, der in Oltingen (BL), Gänsbrunnen (SO) und Lauterbrunnen (BE) vorkommt.

Ältere Namenformen zeigen oftmals noch die Form Gerütsch oder auch Gejuch. In den meisten Fällen ist das unbetonte „e“ aber im Laufe der Zeit verschwunden, ähnlich wie dies in den schweizerdeutschen Ausdrücken für Gemüse (Gmües) oder Gerüst (Grüscht) vorkommt. Dies gilt auch fürs Gjuch in Melchnau. 

In der Flurnamenlandschaft treffen wir heute noch auf unterschiedliche Namenformen, die auf das alte Flächenmass hinweisen. Einen Juchacker gibt es bespielsweise heute in Hauenstein-Ifenthal (SO) und Holderbank (SO) und weitere Gjuch-Namen finden sich etwa in Kaltbrunn (SG) und Altendorf (SZ). 

Was ist ein Mannwerk

Beim Gjuch geht es also um die Arbeit der Rinder und Ochsen und ihre Leistung an einem Tag. Nicht immer ist es die Leistung der Zugtiere, die die Fläche eines Ackers bestimmen, auch die menschliche Leistung kann massgebend sein. In der Flurnamenlandschaft weist der Name „Mannwerk“ ebenfalls auf ein ehemaliges Flächenmass hin. Mannwerk bezeichnet dabei die Arbeitsleitung einer Person an einem Tag. Dies ist natürlich je nach Bodenbeschaffenheit und Art der Arbeit (Pflügen, Umgraben, Mähen) unterschiedlich.

Meist wurde das Flächenmass Mannwerk für Wiesen verwendet, die ein Mann an einem Tag mähen konnte. In Twann-Tüscherz (BE) gibt es noch heute die Bezeichnung „Fünf Mannwerk“.

 

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

 

Sendet Eure Flurnamen ein

Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.


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