16.04.2018 07:02
Quelle: schweizerbauer.ch - sda
Portrait
Ein Dirigent und Bio-Bauer feiert
Vor mehr als 50 Jahren veränderte der Bauernsohn und Bach-Kenner grundlegend die Art und Weise, wie Alte Musik heute interpretiert wird. Nun wird Sir John Eliot Gardiner 75.

Geboren am 20. April 1943 in Dorset, wuchs John Eliot Gardiner in der Nähe seines heutigen Bauernhofs auf. «Mein Vater war ein begeisterter Tenor, der auf seinem Pferd und Traktor mit voller Stimme sang», erinnerte er sich im «Telegraph». Seine Mutter führte Märchen im Garten auf. Mit 15 begann der Teenager Partituren zu studieren.

5. März 1964

Doch erst der 5. März 1964 machte ihn zum leidenschaftlichen Dirigenten: An jenem Donnerstag leitete er Monteverdis Marienvespern von 1610 in der Kapelle des King»s College in Cambridge, wo er Geschichte, Arabisch und mittelalterliches Spanisch studierte. «Ich stellte meinen eigenen Chor zusammen und lehrte ihn, in einer mehrfarbigen, fast opernhaften Weise zu singen», schilderte er. «Wir haben auch Original-Instrumente verwendet, was damals ungewöhnlich war.»

Der Beginn des Monteverdi Choirs. Und eine Aufführung, die im damals recht eingefahrenen und selbstgefälligen britischen Musikbetrieb einschlug. Denn in den 50ern und 60ern stand die Idee im Vordergrund - so Gardiner im «Guardian» - «dass man jede Musik im selben Stil singen könnte, vorausgesetzt, es war alles nett und wohlklingend und schön. Als ob das alles wäre, worum es in der Musik geht!»

Pionier der historischen Aufführungspraxis

Seither gilt er als Pionier, der zunächst Bach und Monteverdi, später Mozart, Brahms, Beethoven zu ihrem historisch korrekten Klangbild zurückgeführt hat. Ausserdem gründete er mehrere Orchester, war künstlerischer Leiter der Göttinger Händel-Festspiele und ist Präsident des Leipziger Bach-Archivs. Er arbeitet mit weltweit bekannten Orchestern wie dem Londoner Symphonieorchester und dem Bayerischen Rundfunkorchester.

Sein grösstes Konzertprojekt war 2000 eine Pilgerreise durch Europa und die USA, auf der er Bachs sämtliche erhaltenen Kantaten in 52 Wochen aufführte, jede Woche in einer anderen Kirche. «Wenn es einen einzigen Komponisten gibt, der über allen anderen steht, ist es Bach», sagte er danach. Aus dieser intensiven Erfahrung entstand seine Reflexion «Bach. Musik für die Himmelsburg» (dt. 2016).

"Musik und Landwirtschaft sind gleich grosse Stützen"

Mit seiner manchmal unbeherrschten, arroganten Art am Dirigentenpult eckt er allerdings bei Orchestermusikern leicht an - er selbst gibt zu, dass er eine «Nervensäge» sein kann, aber verteidigt sich in der «Financial Times»: «Die Art und Weise, wie ein Orchester aufgebaut wird, ist undemokratisch. Jemand muss verantwortlich sein.» Und wenn die Chemie zwischen Dirigent und Orchester stimme, dann sei das berauschend, verriet er dem «Guardian». «Wie der beste One-Night-Stand, den Sie je hatten. Aber Sie wissen es nicht, bis Sie anfangen.»

Wenn der Experte für Alte Musik nicht gerade den Taktstock schwingt, kümmert er sich um 130 Rinder und 200 Hektar Acker und Wald im Südwesten Englands in Dorset. «Musik und Landwirtschaft sind gleich grosse Stützen - ich könnte das eine nicht ohne das andere tun», sagt er. Gardiner ist überzeugter Biobauer und mit Prinz Charles befreundet, dessen Farm in der Nähe liegt.

Auch mit über 70 trainiert er noch jeden Tag: «Heben Sie einfach Ihre Arme, so dass sie horizontal mit Ihren Schultern sind und halten Sie sie für drei Stunden in der Stellung - das ist die Länge einer Oper.» Doch für weniger begabte Musikliebhaber hat er ein Wort des Trostes: «Nicht jeder kann ein Instrument spielen, das ist die traurige Wahrheit. Aber wir können alle mal versuchen, Schlagzeug zu spielen. Schliesslich besteht es nur daraus, auf Sachen zu schlagen.»

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