3.08.2020 06:30
Quelle: schweizerbauer.ch - jul
Luzern
Ein Gin, der nach Heimat schmeckt
Barbara Grossenbacher produziert Gin, der nach Entlebuch LU schmeckt. Das gelingt unter anderem dank den Kräutern von Sandra Steffen und anderen Bauernfamilien der Genossenschaft Entlebucher Kräuter.

«Schau, hier ist der Tee für deinen Mann», sagt Sandra Steffen-Odermatt. «Oh danke, den trinkt er immer zum Frühstück», antwortet Barbara Grossenbacher. Die beiden Frauen stehen in Entlebuch im ehemaligen Firmengebäude des Versandhauses Ackermann. Karg sind die dicken Betonwände, farblos und abgetreten die Linoleum-Böden. 

Während das alles wenig gastlich wirkt, riecht es je weiter man durch die Räume schreitet, desto herrlicher. Nach Minzen und Lindenblüten. Und plötzlich steht man in einem Raum mit grossen, braunen Papiersäcken, randvoll mit eben diesen Kräutern. Sie kommen von der Genossenschaft Entlebucher Kräuter.

Die hat ihren Lager- und Verarbeitungsraum im alten Ackermann-Haus. Sandra Steffen-Odermatt aus Schüpfheim LU ist ad interim Präsidentin der Genossenschaft. Barbara Grossenbacher ist ihre Kundin. Und obwohl ihr Mann die Tee-Kräuter-Mischung der Genossenschaft so gern trinkt, ist das nicht der Hauptgrund, weshalb Grossenbacher mit der Genossenschaft zu tun hat. 

Was tun mit 50?

Im Lindenhof in Ebnet LU, einem Nachbarsweiler von Entlebuch, wird klar, wofür Grossenbacher die Kräuter braucht. Für ihren Gin. Die 58-Jährige schreitet durch moderne Räume. Der Lindenhof war früher ein Kurhaus und zuletzt eine Dorfbeiz. Heute beherbergt er ein modernes, mit Holz, Kupfer und grünen Plättli ausgebautes Restaurant, eine Brauerei und eine Destillerie. Grossenbachers Destillerie.

Sie deutet auf den kupfernen Brennofen. Hier wird sie ihren Gin brennen. Was sie bisher in ihrer Garage als Hobby betrieben hat, macht sie fortan hauptberuflich. «Ich hätte nie gedacht, dass es so weit kommen würde», sagt sie. Als sie vor acht Jahren 50 wurde, habe sie sich gefragt, «was mach ich nun aus meinem Leben?»

Seit fast 35 Jahren ist die gebürtige Kanadierin nun in der Schweiz. Der Liebe wegen kam sie her und führte mit ihrem Mann zuerst 10 Jahre das Kurhaus Heiligkreuz und danach 20 Jahre das Hotel Drei Könige in Entlebuch. «Ich wollte aber nicht bis ins AHV-Alter Kaffee Crème und Stangen servieren.» Deshalb habe sie sich für eine Ausbildung des Wine and Spirits Educational Trust entschieden.

Für die Abschlussarbeit wollte sie etwas machen, das mit ihrer Region, dem Entlebuch, zusammenhing. «Wein kam nicht in Frage, den gibts hier nicht.» Weil damals aber Gin gerade einen Aufschwung erlebte, entschied sie sich dafür. Den konnte sie mit Kräutern und Blüten aus der Region anreichern und so die Verbindung zu ihrer Gegend herstellen.  

Die perfekte Mischung

Mit der Aromatherapeutin und Heilkräuterfachfrau Sandra Limacher tüftelte sie so lange, bis sie im Mai 2017 die perfekte Mischung hatten. Der weitherum bekannte Lohnbrenner Bruno Limacher  aus dem Dorf brannte daraufhin ihren «Edelwhite» Gin. Der Name kommt daher, dass Grossenbacher ledig White hiess und weil in der Kräutermischung auch Edelweiss drin ist. 

Eigentlich wollte Grossenbacher nur eine kleine Menge produzieren, rund 300 Flaschen, gedacht für Freunde und Familie. Nach einem Zeitungsartikel stieg die Nachfrage aber derart, dass sie innert kürzester Zeit alle verkaufen und gleich erneut brennen konnten. Mittlerweile produziert sie jährlich rund 2500 Flaschen Gin in verschiedenen Grössen. 

In ihrer neuen Destillerie wird sie nun selbst brennen. Bruno Limacher soll sie aber weiterhin  punktuell unterstützen. Die enge Verbindung zur Region und den Leuten  sei ihr extrem wichtig. Für ihren Gin braucht sie 27 Botanicals, wie die Zutaten genannt werden. 14 davon kommen aus der Region. Grapefruits und Zitronen importiert sie. Für Zitronengras und Ingwer möchte sie in Zukunft mit dem Tropenhaus in Wolhusen LU zusammenarbeiten. Die Kräuter bezieht sie hauptsächlich von der Genossenschaft Entlebucher Kräuter.

«Diese Zusammenarbeit ist mir sehr wichtig. Die 15 Bauernfamilien sind alle aus der Umgebung», sagt sie. Selbst wenn ihr Geschäft nun weiter wachse, bleibe sie ihren Zulieferern treu. 

 Das freut Sandra Steffen. Sie ist nicht nur Präsidentin der Genossenschaft, mit ihrer Familie baut sie auf sieben Aren auch Kräuter an, hauptsächlich für Ricola. Ein Teil ihrer Zitronenmelisse jedoch landet zusammen mit Kräutern anderer Produzentenfamilien in Grossenbachers Gin.  

Familie Steffen führt in Schüpfheim LU einen 16-Hektaren-Betrieb in der Bergzone II. Neben dem Kräuteranbau haben sie 18 Milchkühe mit Jungvieh. Die Kräuter seien ein guter Zusatzverdienst und die Arbeit für den Vorstand der Genossenschaft mache etwa ein 15-Prozent-Pensum aus, erzählt Steffen. «Vor allem aber macht der Kräuteranbau Freude. Gerade wegen so spannenden Zusammenarbeiten wie jener mit Barbara.»

Schicksalsschlag

Die Zusammenarbeit macht aber nicht nur Freude. Sie trägt auch Früchte. Neben der guten Nachfrage des Getränks hat der Edelwhite-Gin bereits reihenweise Preise bekommen. Den wichtigsten erhielt Grossenbacher letztes Jahr.  Jenen für den «World’s best gin» (weltbesten Gin) gewonnen an der International Wine and Spirit Competition. «Damit haben wir eigentlich unser Ziel erreicht», sagt sie. Doch sie wirkt  plötzlich traurig. Denn dieser Tag war trotz des Preiseerhalts kein guter. Ihre Partnerin Sandra Limacher war kurz vorher an Brustkrebs gestorben. Grossenbacher laufen die Tränen übers Gesicht, als sie davon erzählt. Trotzdem habe sie nach langem Überlegen entschieden, mit dem Gin weiterzumachen. Und sie hält die Erinnerung an Limacher in Ehren: «Ich verspreche dir, unsere Hoffnungen und Pläne weiterhin zu verwirklichen, auch wenn du diese Welt viel früher als geplant verlassen hast», schreibt Grossenbacher auf Instagram zu einem Foto ihrer Freundin und Geschäftspartnerin. 

Genossenschaft

15 Bauernfamilien bauen im Entlebucher Berggebiet Kräuter auf insgesamt knapp zwei Hektaren an. Vier Fünftel der geernteten Kräuter werden an Ricola geliefert, rund eine Tonne pro Jahr jedoch wird zu Teemischungen unter dem Label «Echt Entlebuch» verarbeitet und über Detaillisten und Coop vermarktet.  Ein kleiner Teil wird auch direkt als Rohware vermarktet. mgt

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