27.06.2013 17:27
Quelle: schweizerbauer.ch - Gérard Moinat
St. Gallen
Ein Riesenaufwand für drei Tage Open Air
Ein Besuch bei Max Gmür macht klar: Als Landwirt im Herzen des St.Galler Open Airs gibt es viel zu tun.

«Über die Festival-Tage ist der Bauchef des Open Airs, Mica Frei, der Landwirt hier im Tobel», sagt Max Gmür (54) verschmitzt. Denn dann hat der «Open-Air-Bauer» Gmür den ersten Teil seiner Hausaufgaben bereits gemacht. Und er kann es sich auf der selbst gezimmerten Veranda vor seiner Haustür, direkt vor der Hauptbühne des 30'000-Personen-Events, gut gehen lassen.

Seit gut 18 Jahren pachtet der Bio-Landwirt das Gelände von der Stadt St.Gallen. Zwei weitere Betriebe bestellen noch kleinere Teile des Sittertobels – er jedoch bewirtschaftet mit gut 18 Hektaren den Löwenanteil. Sein Stall mit rund 25 Milchkühen und gut 15 «Galtlig» und einer Parzelle von weiteren 12 Hektaren befindet sich einige Minuten vom Festival entfernt.

Festival und Kühe

Während es sich Gmür gut gehen lässt, weiss er, dass der zweite, der umso grössere Teil seiner Festival-Arbeit, noch bevorsteht: das grosse Aufräumen, Rekultivieren und Wiederherstellen. «Ein Riesenaufwand», so Gmür, «den ich zusammen mit meinen begeisterten Helfern jedoch gerne anpacke.» Beklagen will er sich nicht: Als er den Betrieb übernommen hat, wusste er, was auf ihn zukommen würde. Er bezeichnet sich selbst sogar als «den grössten Open-Air-Fan».

Für ihn ist das Aufräumen zur Routine geworden, die er im Auftragsverhältnis des Festivals mitgestaltet. Einen Teil seines Einkommens verdient er nebst den Aufräumarbeiten – die gut 1000 Mannstunden in Anspruch nehmen – mit dem Verkauf von Strohballen und Feuerholz auf Rechnung des Musikfestivals. Den Rest erwirtschaftet er mit seinen Kühen und Schneepfaden im Winter. Gmür sagt, dass er über die Jahre so viel vom Festival und dem Umgang mit Menschen gelernt habe, dass er heute von sich behaupten kann: «Ohne Festival ginge es mir auch gut.»

Hof und Openair als Symbiose

Einfach ist sein Job jedoch nicht. Sein Vorgänger, der anders als Gmür den Stall direkt auf dem Gelände hatte, hat sich nach einigen Jahren Festival entschieden, sich anders zu orientieren. Gmür aber hat während des Festivals sein Vieh weit weg vom Sittertobelboden und kann mit seinem Betrieb dem Tumult ausweichen. Gut für ihn – denn die Unruhe dauert immer länger: Früher habe man bis zwei, drei Wochen vor dem Festival Ruhe gehabt. «Heute geht alles schon viel früher los.»

Nicht alle würden das gleich gut vertragen. Ihm helfe aber seine Erfahrung und eine grosse Portion Gelassenheit, die er sich mit den Jahren angeeignet hat. So versteht es Gmür mittlerweile, seinen Betrieb und das Festival zu einer Symbiose verschmelzen zu lassen.

Mähen auf der «Baustelle»

Gmürs Hauptaufgabe vor dem Festival besteht darin, das ganze Grundstück zu mähen; bereits zum zweiten Mal nach dem Winter. Dabei gilt es, den ersten Lastwagen zuvorzukommen, die Anfang Juni anrücken und mit dem Verlegen der Wege beginnen, die das Gelände schonen. Dann verschwindet Stück für Stück seines Grases unter Baumaterial und schwerem Gerät. Und das sonst so friedliche Sittertobel verwandelt sich innert kurzer Zeit in eine «Riesenbaustelle». Überall wo das Gras dann noch hervorspriesst, gilt es für den Landwirt, so rasch wie möglich zu schneiden. Denn bereits am nächsten Tag könnte eine Bar oder eine Bühne dort stehen.

Nebst dem Standort seines Hofs schreibt sich Gmür die enge Verflechtung mit dem Festival selbst zu. Denn als früher die ersten Arbeiter im Sittertobel früher mit Aufstellen begannen, gab es zuerst einmal nichts. Also hat er damals kurzerhand eine Toilette vor seinem Haus aufgestellt, die die ersten Trupps benutzen dürfen. Auch mit schwerem Gerät ist er schon regelmässig eingesprungen. «Früher habe ich so einige Hubstapler und andere Karren aus dem Dreck gezogen.» Heute machen die outgesourcten Arbeiten nur noch Profis, sagt Gmür. Auch Landwirt Max Gmür ist über die Jahre professioneller geworden: Stand früher ein privates Gartenhäuschen vor seinem Haus, betreibt er mittlerweile während des Festivals eine offizielle Bar.

SCHWEIZER BAUER
BEKANNTSCHAFTEN
DER SCHWEIZER BAUER AUF YOUTUBE