Freitag, 5. März 2021
25.07.2016 09:32
Leserreise Russland (6/9)

Ein riesiger Anbindestall und 54 Mönche

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Von: Anja Tschannen

23 Personen erkundeten Ende Juni im Rahmen der Schweizer Bauer-Leserreise während 10 Tagen die russische Landwirtschaft und Kultur. Im Tagebuch-Blog werden die vielen Reiseerlebnisse aus Russland festgehalten. Freut euch über zahlreiche Bilder und Kurzvideos aus dem grössten Land Europas.

Wie die Menschen früher gelebt und gearbeitet haben, fasziniert mich. Ganz besonders gerne mache ich mir diese Gedankenspiele, wenn es um die Landwirtschaft geht.

Beispielsweise zu jener Zeit, als man noch mit Ross und Wagen unterwegs war und das Heu von Hand geladen und eingebracht hat. Wie muss das Leben da wohl gewesen sein? Russland lädt mit seinen unzähligen Ruinen von grossen Kolchosen-Stallungen geradezu ein, gedanklich in die Vergangenheit zu reisen.

Wir besuchen einen Privatbauern

Beeindruckend wird es dann, wenn diese Gedankenspiele ganz plötzlich zu greifbarer Realität werden. Das konnten wir auf dem Betrieb des Bauern Alexander hautnah erleben.

Vor 15 Jahren konnte Alexander einen Viertel von einer ehemaligen Kolchose erwerben und sich selbständig machen. Der Betrieb umfasst heute 500 Hektaren, davon gehören 60ha ihm, der Rest ist gepachtet.

220 Tiere und über 30°C

Zu Fuss nähern wir uns dem Betrieb. Auf der linken Seite erblicken wir die stählernen Überreste eines Stalles oder vielleicht auch einer ehemaligen Maschinenhalle. Auf der rechten Seite thront auf einem Erdhügel ein alter Traktor, der seine besten Zeiten hinter sich hat und dessen Batterie wohl flach liegt.

Unser Ziel ist der Milchviehstall, der 220 Tiere beherbergen soll. Wir wissen nicht, was uns hinter der Stalltür erwartet. Draussen ist es still, die Sonne brennt seit Beginn unserer Leserreise mit Temperaturen von über 30°C auf uns herunter.

Ein riesiger Anbindestall

Neugierig nähern wir uns dem Stall. Der Besuch dieses Privatbetriebes war nicht im Reiseprogramm aufgeführt, wir sind umso gespannter. Uns erwartet ein riesiger Anbindestall mit mehreren Lägern wie aus den Kolchosezeiten. Er steht halb leer.

Die Milchkühe befinden sich auf der Weide. Übrigens ohne Zaun, sie werden den ganzen Tag über von einem Kuhhirten gehütet. Im Stall selber finden wir einen Teil der Aufzuchtrinder vor. Die übrigen Rinder halten sich draussen auf, in einem unbefestigten Auslauf mit Unterständen.

Die Läger sind mit Sägemehl eingestreut, in den Futterkrippen befindet sich Gras und eine tote Ratte. Oder eine XXL-Feldmaus, ganz genau kann man das bei dämmrigen Licht nicht bestimmen.

Fahrsilos sind leer

Alexander erzählt uns, dass seine Kühe im Schnitt 5‘500kg Milch geben. Zehn Mitarbeiter sind angestellt, fünf davon sind Traktorfahrer. Das gesamte Futter wird selber produziert, nur die Mineralstoffe werden dazu gekauft.

Doch die grossen Fahrsilos stehen leer und sind überwachsen. Dafür, dass seit 15 Jahren wieder aktiv gewirtschaftet wird, macht der Betrieb nicht einen sehr gesunden Eindruck. Es ist, als ob der Zerfall einfach etwas verlangsamt worden wäre, aber leise und stetig weiter geht. Wie an so vielen Orten in Russland fehlt auch hier wieder einmal das Geld.

Hier geht es zur Bildergalerie des Kolchose-Stall’s

Die Männer müssen Röcke tragen

Die Zeitreise geht weiter, nun wird es aber fromm. Die Frauen müssen Kopftücher tragen und die Männer lange Röcke. Zumindest die, welche sich am Morgen für kurze Hosen entschieden haben. Im Kloster Nilo-Stolobenskaja Pustyn darf man nicht zu viel Haut zeigen.

Hier wird von 54 Mönchen und 78 Besuchern (die das Mönchen-Leben testen wollen, oder einen Halt auf ihren Pilgerreisen einlegen) Klosterkultur gepflegt und gelebt. Vom Glockenturm aus hat man einen herrlichen Blick auf den See, die angrenzenden Wälder und die kleine Fischzucht.

Land gratis nutzen

Das Kloster steht übrigens auf einer Insel und versorgt sich grösstenteils selber. Dazu wird das Land auf der Insel, aber auch auf dem Festland genutzt. Auf dem Festland dürfen die Mönche Treibhäuser einer ehemaligen Kolchose sowie das Land darum herum gratis nutzen.

Der Besitzer sei froh, dass jemand das Land noch etwas bewirtschaften würde, erklärt uns ein Mönch. Die Treibhäuser sind nun wieder im guten Zustand, jährlich werden 7 Tonnen Gurken und 5 Tonnen Tomaten geerntet. Viele freiwillige Helfer und Pilger arbeiten gratis auf dem Betrieb mit und erhalten dafür Kost und Logis.

Wer wird eigentlich Mönch?

Auch wir kommen in den Genuss einen Festschmauses im grossen Essenssaal der Mönche, der normalerweis für Besucher geschlossen ist. Das Essen ist üppig, vielfältig, lecker und das Beste daran: Alles stammt aus eigenen Produktion. Doch was für Menschen stecken eigentlich unter den Mönchskleidern?

Ehemalige Gefangene, Alkoholiker, Drogenabhängige, Personen ohne Papiere, ohne Haus und Hof, lautet die Antwort der Mönche. Diese Menschen suchen an diesem Ort Zuflucht, sie erhalten Hilfe beim Start in ein neues Leben. Manche gehen wieder, andere bleiben für immer.

Hier werden Reben angebaut

Die, die bleiben, kümmern sich um Projekte wie den Weinbau. Ja, richtig gelesen. Seit 9 Jahren üben sich die Mönche auch im Rebbau. Denn auch der Wein für die Gottesdienste soll aus eigenem Anbau stammen. Es handelt sich um nördlichsten Rebsorten aus Amerika und Europa. Diese kommen mit den extremen Temperaturschwankungen im Sommer und Winter besser zurecht.

Zum Abschluss noch die Frage: Wieso tragen die Mönche des Nilo-Stolobenskaja Pustyn Kloster alle Bärte? Antwort eines Mönches: Damit wir uns von den anderen Leuten unterscheiden und leichter als Mönche zu erkennen sind.

Hier geht es zur Bildergalerie des Klosters

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