9.02.2019 08:25
Quelle: schweizerbauer.ch - Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Flurnamen
Ein Sonntagsbraten mit Nadelspitzen
In der Rubrik „Flurnamen“ beantwortet Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser Eure Fragen zu interessanten Namen von Fluren, Äckern und Weilern. Mit den Namen „Baati und Nodler“ geht unsere Serie weiter. Sie befinden sich an der Strasse von Heldswil nach Hohentannen im Kanton Thurgau. Ihr könnt uns laufend Eure Flurnamen einschicken.

Andreas Stark aus Hohentannen im Kanton Thurgau fragt, was die Namen Braati und Nodler bedeuten. Beide liegen an der Strasse von Heldswil nach Hohentannen. Braati, so habe ich mir kurz vor Mittag bei meiner Recherche gedacht, hätte hoffentlich einen Zusammenhang mit etwas Gebratenem. Sogleich lief mir das Wasser im Mund zusammen. Der Nodler muss warten.

Braati

Die Enttäuschung war aus kulinarischer Sicht gross, als ich im Thurgauer Namenbuch entdeckte, dass der älteste Beleg aus dem Jahr 1535 mir in folgender Form erschien: «jtem jm Ghersth Zelg zwo juchart an der Braitj; ain halb jüchartt an Braiten». Nichts mit Sonntagsbraten. Das lange «a» in Braati ist dem lokalen Dialekt geschuldet. Ursprünglich liegt das Wort «Breiti» vor und geht aus der weitläufigen Beschaffenheit dieses Landstücks hervor. Breiti bezieht sich also auf einen breiten Acker oder einen bestimmten, breiten Teil eines Ackers. Bereits ein Blick in den Topografischen Atlas auf die Karte Bischofzell aus dem Jahr 1881 hätte mich aufklärt. Deutlich steht an der Stelle, an der heute «Braati» liegt der Name Breite.

Nodler

Kein historischer Beleg liegt für «Nodler» vor. Früher, auf den Karten des späteren 19. Jahrhunderts bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, hiess dieser Ort «Gemeinwies». Bereits auf dem ältesten Blatt von 1881 ist die Kiesgrube eingezeichnet, die sich heute südlich der Flur Nodler erstreckt. Der Name Gemeinwies meint das Mattland im Besitz der örtlichen Gemeinde. Nodler hingegen ist wohl die dialektale Schreibung des Über- oder Familiennamens Nadler, der auf den Beruf des Nadelmachers zurückgeht. Demnach wäre Nodler der Hinweis auf einen einstigen Familienbesitz eines Nadelmachers oder einer Person mit Namen Nadler. Dieser Familienname ist in der Schweiz im Kanton Aargau in Biberstein, aber vor allem im Kanton Thurgau in Frauenfeld und Kalthäusern als Bürgerort bereits vor 1800 belegt.

Letztlich liegt im Appenzellerland auf der Gemeindegrenze zum St. Gallischen Rheintal die Bergspitze Heierli Nadel. Nadler bzw. Nodler kann in diesem Fall auch als Herkunftsname einer Person aus dem Gebiet dieser Bergspitze verstanden werden. So ganz ausgeschlossen werden kann also nicht, dass der Ursprung des Hohentanner Nodler nicht im Thurgau, sondern in den Höhen des Appenzellerlands liegt.

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser

Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin. Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.

Sendet Eure Flurnamen ein

Möchtet Ihr wissen, warum ein Acker, den Ihr bewirtschaftet oder der Weiler, auf dem Euer Haus steht, einen bestimmten Namen trägt? Dann schickt uns Eure Flurnamen (und die jeweilige Ortschaft) ein

Antworten auf Fragen zu Flur- und Ackernamen weiss die Sprachwissenschaftlerin Beatrice Hofmann-Wiggenhauser. Schicken Sie Ihre Frage an redaktion@schweizerbauer.ch, Betreff «Flurnamen». Oder per Post an: Schweizer Bauer, «Flurnamen», Dammweg 9, 3001 Bern. Die interessantesten Flur- und Ackernamen werden von Beatrice Hofmann-Wiggenhauser ausgewählt und auf schweizerbauer.ch besprochen.

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