5.07.2013 06:39
Quelle: schweizerbauer.ch - Adi Lippuner
St. Gallen
Eine Bauerntochter mit eisernem Willen
Jolanda Spirig erzählt in ihrem Buch über den Aufstieg einer Bauerntochter zur angesehenen Geschäftsfrau.

Für die Autorin Jolanda Spirig war es ein grosses Geschenk, dass Alice Kriemler-Schoch ihren Alltag ab dem Jahr 1933 bis kurz vor ihrem Tod in 14 Tagebüchern festhielt. Meldungen zum Weltgeschehen stehen neben Bemerkungen zur persönlichen Befindlichkeit, es gibt Kommentare zum Geschäftsverlauf und Gedanken zur Familie. So konnte für das Buchprojekt «Schürzennäherinnen», erschienen im Chronos-Verlag, aus dem Vollen geschöpft werden.

Kinderreiche Familie

Alice Schoch kam am 4.September 1896 als achtes Kind einer Bauernfamilie in Degersheim zur Welt. Später zog die Familie nach Zurzach, um dann in Neuchlen-Anschwilen, dort wo heute ein grosser Waffenplatz ist, eine neue Heimat zu finden. Die kinderreiche Familie – nach Alice kamen noch drei weitere Geschwister zur Welt – und das bäuerliche Umfeld prägten die spätere Fabrikantin.

In der Flawiler Schürzen- und Blusenfabrik ihrer Tante Elise Küffer-Weber begann der berufliche Weg der Ostschweizerin. Sie nähte Schürzen, genau wie dies später ihre eigenen Angestellten in Kriessern taten. Im Haushalt ihrer Tante lebte auch ihr älterer Bruder Fritz Schoch. Dieser wurde im Alter von fünf Jahren als Pflegesohn übernommen, damit er dem körperlich behinderten Cousin Paul Gesellschaft leistete.

Obwohl Alice Schoch im Betrieb ihrer Tante bald leitende Funktionen übernahm, ging der Betrieb, verbunden mit der Auflage, dass der gehbehinderte Cousin im Büro eine Beschäftigung hatte, an ihren Bruder Fritz Schoch über.

Eigener Weg gegangen

Unter dem Titel «Unternehmerinnengeist geweckt» schildert Jolanda Spirig, wie Alice Schoch ihren Weg zum eigenen Unternehmen fand. Sie sparte sich während eines Haushaltslehrjahrs das Geld für eine Nähmaschine zusammen und begann dann, selbst Schürzen zu nähen. Als 25-Jährige heiratete sie 1921 Albert Kriemler aus dem ausserrhodischen Speicher. Ihr zwölf Jahre älterer Ehemann hatte bei seiner Tätigkeit als Vertreter bald zwei Koffer dabei, einen mit dem Schuhcremesortiment, den zweiten mit der Schürzenkollektion seiner Frau.

Die Schürzenproduktion lief gut an, die Bestellungen trafen regelmässig ein, im Mai 1922 kam Sohn Max und im Oktober 1923 Sohn Ernst zur Welt. Im Juli 1922 liess Alice Kriemler-Schoch ihr Unternehmen als Einzelfirma für Schürzenproduktion im Handelsregister eintragen. Das Domizil der Firma war an der Brauerstrasse in St.Gallen.

Unternehmen florierte

Im ersten Stock wohnte die Familie, im Untergeschoss wurde die Näherei eingerichtet. Acht Näherinnen und zwei Zuschneiderinnen produzierten Schürzen für den täglichen Bedarf, wobei auch mit St.Galler Stickerei verzierte Servierschürzen dazugehörten.

1933 bezog die Familie das Thomahaus an der Rorschacherstrasse 139. Damit begannen die Tagebucheinträge von Alice Kriemler-Schoch. Weil Schürzen in der damaligen Zeit immer getragen wurden, florierte das Unternehmen trotz der Weltwirtschaftskrise. Dies bezeugt der Tagebucheintrag «Auto gekauft, Plymouth, Erskine darangegeben, 5000 Franken aufgezahlt».

63 Franken für ein Kleid

Für Privatkundinnen nähte die Chefin persönlich – «Frau M. bezahlt in den dreissiger Jahren 63 Franken für ein Kleid» –, so eine weitere Information. Nebst der vielen Arbeit im Geschäft gönnte sich die Fabrikantin ab und zu auch sportliche Vergnügen.
«Politische Lage unsicher, Hitler verlangt Danzig und den Korridor», lautet der Tagebucheintrag vom 28. August 1939. Im gleichen Jahr kreiert der Kantonsschüler Max Kriemler mit den Initialen der Firma das Akris-Label, welches 1960 im Handelsregister als Marke eingetragen wurde.

Ein schwerer Moment für die Fabrikantin war der 27. April 1944 – Ehemann Albert Kriemler starb an einem Herzinfarkt. Sohn Max unterstützte seine Mutter ab dann im Geschäft. Weil die Margen der Schürzenproduktion immer kleiner wurden und in der Stadt gute Näherinnen fehlten, suchte die Firma nach einer Möglichkeit, Schürzen «auf dem Land» nähen zu lassen. So kam es 1946 zur Einrichtung des «Büdeli», der Schürzennäherei in Kriessern, dem Bauerndorf am Rhein.

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